CoFoE: Mangelnde Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen ist beunruhigend

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Menschen mit Behinderungen vor dem Europäischen Parlament. [European Disability Forum]

Menschen mit Behinderungen haben keinen gleichberechtigten Zugang zur Konferenz zur Zukunft Europas (CoFoE), schreibt Yannis Vardakastanis.

Yannis Vardakastanis ist Präsident des Europäischen Behindertenforums und Mitglied der CoFoE-Plenarversammlung.

Durch dieses Problem unterscheidet sich die demokratische Übung von CoFoE nicht von anderen Aktivitäten unseres täglichen Lebens: Sie ist schwieriger, nicht sehr zugänglich und geht weitgehend an unseren Bedürfnissen vorbei, ganz zu schweigen von der Vielfalt unserer Gesellschaften. Es gibt viele Bereiche des Lebens, an denen Menschen mit Behinderungen nicht gleichberechtigt mit anderen teilnehmen können. Leider trifft dies auch auf diese beispiellose demokratische Übung zu, eine Initiative, die nicht die für Europa notwendige Einbeziehung erreicht hat.

Die Konferenz zur Zukunft Europas soll diskriminierungsfrei und demokratisch sein und sich auf die Ideen der Bürger:innen konzentrieren. In der EU gibt es 100 Millionen Menschen mit einer Behinderung, und wir haben viel zu sagen. Einigen von uns wird das Wahlrecht verweigert (etwa 400.000 Menschen bei den letzten EU-Wahlen); wir werden diskriminiert, wenn es um Beschäftigung, Bildung und Gesundheitsversorgung geht. Wir sind stärker von den Folgen des Klimawandels betroffen, und wir sind oft gezwungen, in getrennten Wohnheimen zu leben, ohne die Wahl zu haben, wie wir unser Leben führen. Wir könnten diese und viele andere Fragen nur dann ansprechen, wenn die Konferenz uns vollständig einbeziehen würde.

Mangelnde Einbeziehung

Der erste Schritt hätte darin bestehen sollen, eine breitere und vielfältigere Vertretung in den Bürgerpanels zu gewährleisten. Die Konferenz behauptete, die Panels würden die Vielfalt Europas repräsentieren, was durch eine zufällige Auswahl der Bürger:innen sichergestellt werden sollte. Letztendlich wurde die Methode angewandt, die Menschen per Telefon zu erreichen, wobei gehörlose und schwerhörige Menschen, die Schrift oder Gebärdensprache verwenden, ausgeschlossen wurden.

Wir machen 15 % der EU-Bevölkerung aus, aber die Konferenz spiegelt dies in den Bürgerpanels nicht proportional wider. Wir können nicht sicher sein, denn es gibt keine tatsächlichen Daten darüber, ob die Panels Menschen aus den am stärksten marginalisierten Gemeinschaften einschließen. Zumindest wissen wir aber, dass es keine besonderen Anstrengungen gegeben hat, diese Gruppen zu erreichen.

Hindernisse

Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass die Konferenz zahlreiche Zugangsschranken aufweist, von denen einige geringfügig, andere jedoch sehr bedeutend sind. Unabhängig von der Größe der Barrieren haben sie alle auf die eine oder andere Weise dieselben Auswirkungen.

Diese Hindernisse halten Menschen mit Behinderungen davon ab, an der Konferenz teilzunehmen. Ein Beispiel für ein kleines Hindernis ist das unzugängliche CAPTCHA, das man ausfüllen muss, um sich für eine Sitzung anzumelden. Für blinde und sehbehinderte Menschen bedeutet dies, dass sie jemanden bitten müssen, ihnen beim Eintragen des Codes zu helfen. Wegen dieses leicht zu behebenden Problems können wir nicht unabhängig sein.

Mehrsprachige digitale Plattform

Größere Hindernisse für die Zugänglichkeit gibt es bei einem der wichtigsten Instrumente für das Funktionieren der Konferenz: ihrer Website, der mehrsprachigen digitalen Plattform, auf der jede/r Bürger:in andere Ideen, die in den Bürgerforen und im Plenum diskutiert werden, einreichen und kommentieren kann. Obwohl die EU über Strategien und technische Standards für die Zugänglichkeit von Webseiten verfügt, die sicherstellen sollten, dass diese Plattform von Anfang an zugänglich ist, haben wir erneut das Gefühl, dass wir nicht willkommen sind.

Um das Konferenzsekretariat und das Webteam zu unterstützen, gab das Europäische Behindertenforum bei einem spezialisierten Unternehmen eine Prüfung der Zugänglichkeit in Auftrag, um die Probleme mit der Plattform zu bewerten und aufzuzeigen. Der Test ergab, dass Personen, die unterstützende Technologien wie Bildschirmlesegeräte verwenden, oder Personen, die aufgrund einer motorischen Behinderung auf die Tastaturnavigation angewiesen sind, die Website einfach nicht nutzen können. Außerdem sind die Formulare zum Hinzufügen von Inhalten über die Plattform nicht richtig gestaltet. Zudem werden einige Fehlermeldungen nur farbig angezeigt, was es für Menschen mit Farbenblindheit schwierig macht. So sind beispielsweise einige Schaltflächen nicht kontrastreich genug, um von einer Person mit Sehschwäche gesehen zu werden.

Wir haben den Organisatoren diesen technischen Bericht mit Empfehlungen zur Lösung der Probleme bereits im September zugesandt. Sie sagten uns hierbei zu,  die Probleme bis Januar, also drei Monate vor Ende der Konferenz, zu beheben.

Es ist auch schwierig, den Debatten zu folgen: Öffentliche Sitzungen werden nicht live untertitelt oder in Gebärdensprache gedolmetscht. Sogar einige der im Voraus aufgezeichneten Werbevideos enthalten diese grundlegenden Zugänglichkeitsmerkmale nicht.

Web-Zugänglichkeit

Ein weiteres leicht zu behebendes Problem ist die Bereitstellung von Materialien in zugänglichen Formaten, anstatt sehr lange, schwierige und unzugängliche PDFs zu verwenden. Wenn die Konferenz wirklich ein breiteres Publikum erreichen will, würden wir empfehlen, dem Beispiel der Bewertung der Richtlinie über Web-Zugänglichkeit durch die EU-Kommission zu folgen (eine der EU-Rechtsvorschriften, die Anforderungen an die Zugänglichkeit von Websites festlegen).

In diesem Fall stellte die Kommission eine Reihe leicht zu lesender Fragen ohne jeglichen EU-Jargon, und präsentierte das Ganze in leicht verständlicher Sprache, ohne dass die Nutzer:innen sich anmelden mussten, um sie auszufüllen. Infolgedessen entschieden sich die meisten Nutzer:innen, auch die ohne Behinderungen, bei der Beantwortung für dieses Format, obwohl es ursprünglich nur für Menschen mit geistigen Behinderungen gedacht war. Wie dieses Beispiel erneut zeigt, ist Zugänglichkeit nicht nur für Menschen mit Behinderungen von entscheidender Bedeutung, sondern auch für alle von Vorteil. Stellen Sie sich vor, wie viel mehr EU-Bürger:innen sich an der Konferenz beteiligen würden, wenn sie alle Informationen und Materialien leicht verstehen könnten.

Trotz aller Schwierigkeiten wird das Europäische Behindertenforum weiterhin sein Bestes tun, um die Stimmen und Ideen von Menschen mit Behinderungen in den Mittelpunkt dieser Konferenz zu stellen. Die Zukunft, die wir uns für Europa wünschen, ist inklusiv, und um dies zu erreichen, sollte die Konferenz zu einem wirklich kooperativen Prozess werden, der aktiv sicherstellt, dass jeder teilnehmen kann.

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