Bruchlinie im österreichischen Gedenkjahr

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

waldheim

Das so genannte Gedenkjahr war um einen Konsens in der Beurteilung einschneidender politischer Ereignisse bemüht. An der Causa Waldheim treten nun wieder Bruchlinien auf.

Österreichs Parlament und Regierung haben sich für das laufende Jahr ein Zitat der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu Herzen genommen: „Die Geschichte lehrt dauernd, sie findet aber keine Schüler“. Um dem Geschichtsbewusstsein nachzuhelfen, Erinnerungslücken zu schließen, auch Korrekturen und Neubewertungen bei so manchen Geschichtsbildern vorzunehmen, wurde 2018 zu einem großen „Gedenkjahr“ erklärt. Auf zwei Schwerpunkte wurde bereits beziehungsweise wird noch dabei besonders Wert gelegt, nämlich März 1938 und November 1918, also den Anschluss Österreichs an NS-Deutschland und die Gründung der Ersten Republik.

Die Aufarbeitung der Ereignisse rund um die Jahre 1918 und 1938 geschieht in einem breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens. Den es offenbar bei einem weiteren Anlassfall nicht gibt und der gewissermaßen ausgeblendet wird. Am 21. Dezember jährt sich der 100ste Geburtstag des ehemaligen UNO-Generalsekretärs und Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Er erlebte nicht nur die Höhen einer diplomatischen Spitzen-Karriere sondern erfuhr auch die Wucht einer gegen ihn als Person gerichteten politischen Kampagne. An ihm wurde die Abrechnung mit einer Generation vollzogen, die Gefangener des nationalsozialistischen Regimes war und der man vorwarf, sich nicht entsprechend zur Wehr gesetzt zu haben.

Aus Gemeinsamkeit wurde Konfrontation

Vor mittlerweile 33 Jahren wollte der sozialdemokratische Ex-Kanzler Bruno Kreisky, den über die Parteigrenzen hinweg hohes Ansehen genießenden Waldheim für eine gemeinsame Kandidatur bei den Bundespräsidentenwahlen gewinnen. Ein Plan, der nicht aufging. Tatsächlich nominierte die Volkspartei Waldheim als überparteilichen Kandidaten, um so erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik die Möglichkeit zu erhalten, eine Persönlichkeit ihres Vertrauens an die Spitze des Staates zu stellen. Den sich abzeichnenden Erfolg versuchte die damalige SPÖ mit allen Mitteln zu verhindern. Aus der Kriegsvergangenheit Waldheims wurde unter Ignoranz aller Fakten ein Täterprofil konstruiert, das zu einer Konfrontation innerhalb der Gesellschaft führte, die weit über Österreich hinausreichte.

32 Jahre sind seit der Präsidentschaftswahl vergangen, die seinerzeitigen Vorwürfe wurden bereits kurz nach der Wahl zum Bundespräsidenten durch Internationale Historikerkommissionen widerlegt. Trotzdem gibt es immer wieder Versuche, so auch im heurigen Gedenkjahr, die Kampagne des Jahres 1986 zu rechtfertigen. So durch einen Film („Waldheims Walzer“), für den gerade geworben wird und der aus alten Videomitschnitten zusammengestellt wurde.

Der heute 18-jährige Enkel von Waldheim, Gabriel Karas, wurde immer wieder mit der Geschichte seines Großvaters konfrontiert. Vor zwei Jahren entschied er sich, selbst auf Spurensuche zu gehen, um sich ein klares, objektives Bild zu verschaffen. Anhand der Faktenlage und von Zeitzeugeninterviews werden jene Monate, mit durchaus kritischer Distanz nachgezeichnet, die 1985 und 1986 die österreichische Politik bewegten und bis in die USA Wellen schlugen.

Das Resultat ist ein Vorwort mit einem Interview und eine vorwissenschaftliche Arbeit (VWA), die er in Zusammenhang mit dem Abschluss der Gymnasialschulzeit und der Reifeprüfung (Matura) verfasste

TAZ: Kurt Waldheim gestorben - Wegen seiner Wehrmachtsvergangenheit blieb der einstige Bundespräsident Österreichs bis zuletzt geächtet

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