Zwei Seelen wohnen in Österreichs Brust

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen. [EPA-EFE/KOCA SULEJMANOVIC]

„Sowohl als auch“ ist die Devise Österreichs, was das National-Bewusstsein und die Europa-Identifikation betrifft.

Europa feierte das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, Österreich damit zusammenhängend den Abschied von der Monarchie und den Beginn des republikanischen Zeitalters. Bundespräsident Alexander van der Bellen strich in seiner Rede beim Festakt in Wien den demokratischen Reifeprozess heraus, den Österreich in den letzten 100 Jahren genommen hat. So war die Errichtung der neuen Republik im Jahre 1918 ein „mühsamer Neubeginn“.

Charakteristisch dafür war, dass sich der Staat zunächst „Republik Deutsch-Österreich“ nannte, weite Teile der Bevölkerung das Heil des von über 50 auf sechs Millionen Menschen geschrumpften Landes in einem Anschluss an Deutschland sahen. Mit dem ein Jahr später geschlossenen Friedensvertrag von St. Germain war damit Schluss. Die Verwendung von „Deutsch-Österreich“ als Staatsname wurde verboten.

Österreichisch-russisches Verhältnis durch Spionagevorwurf belastet

In Wien ist ein Österreicher verhaftet worden, dem Militärspionage für Russland vorgeworfen wird.

Aus den Mühen der Zwischenkriegszeit, mit der wachsenden Konfrontation der beiden großen politischen Lager, die in den so genannten Austro-Faschismus führte und in der Katastrophe des NS-Regimes mit dem Zweiten Weltkrieg endete, wurden Lehren gezogen. Van der Bellen: „Wir stellten nun das Gemeinsame vor das Trennende“. Gemeinsam wurde die Zweite Republik gegründet, der Staatsvertrag, die immerwährende Neutralität und die Integration Österreichs in die EU beschlossen.

Das Talent, Gemeinsamkeit herzustellen, mache im Herzen das Österreichische aus: „Die Welt ist nicht schwarz-weiß, besteht nicht aus unversöhnlichen Positionen. Die Lösungen liegen fast immer in der Mitte.“ Ein Konnex zur derzeit laufenden EU-Ratspräsidentschaft. Gleichzeitig richtete der Bundespräsident aber auch eine Botschaft an die neue Regierung, die Veränderungen herbeiführen will, allerdings auch gefordert ist, den Dialog mit der Opposition und den Sozialpartnern zu lernen.

Vaterland Österreich – Heimat Europa

Interessant im Zusammenhang mit dem Republik-Jubiläum sind Umfragen, die einerseits die Entwicklung des österreichischen Selbstverständnisses und andererseits die Identifikation mit der EU zeigen. Mit der Erkenntnis, dass zwei Seelen in der Brust der Österreicher wohnen. 1964 bescheinigten nur 47 Prozent der Bevölkerung Österreich den Charakter einer eigenen Nation, die Hälfte lehnte dieses Bekenntnis ab. 1970 stand bereits für 66 Prozent fest, dass Österreich eine eigene Nation ist. Weitere 16 Prozent beginnen sich, langsam als eigene Nation zu fühlen. Zu Beginn der 1990er Jahre ist die „Nationsbildung“ so gut wie abgeschlossen. 79 Prozent (bei nur vier Prozent Nein-Stimmen) sehen Österreich als Nation.

Österreich mit Verlauf der Ratspräsidentschaft zufrieden

Zwei Drittel der halbjährigen österreichischen Ratspräsidentschaft sind bereits absolviert. In der Bevölkerung findet sich dazu ein positiver Widerhall.

1994 stimmt die Bevölkerung mit über 66 Prozent für den EU-Beitritt. Nun ist man sowohl Österreicher als auch Europäer. Auch das spiegelt sich in den demoskopischen Erhebungen wider. So liegt seither die Zahl jener, die sich zur Mitgliedschaft der EU bekennen konstant bei 70 Prozent und sogar zeitweise darüber. Gleichzeitig hat sich die Österreich-Identifikation weiter gefestigt, liegt bei über 90 Prozent. Sogar 69 Prozent der Migranten finden, dass nun Österreich ihre Heimat ist. Nach Untersuchungen des US-amerikanischen National Opinion Research Center liegt Österreich bei einer Bewertung des allgemeinen Nationsbewusstseins in mehreren Staaten auf Platz vier hinter den USA, Irland und Kanada.

Besonders stolz ist man auf das ruhige soziale Klima, gehört doch die Alpenrepublik zu den Staaten mit den geringsten Streikstunden. Eine Situation wie derzeit, wo die Metallarbeiter eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent fordern, die Arbeitgeberverbände dies als überhöht ablehnen und daher Warnstreiks abgehalten werden, ist die Ausnahme. Für den österreichischen Präsidenten der Europäischen Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, stellt daher auch das Modell der Sozialpartnerschaft, wie es in Österreich praktiziert wird, einen Exportartikel dar.

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