Wohnraummangel: Wenn die Mieten durch die Decke gehen

Um Wohnraum in Städten zu schaffen, muss entweder auf leerstehen Flächen nachverdichtet oder mehr in die Höhe gebaut werden. [Shutterstock]

Der Wohnungsmarkt vieler europäischer Großstädte ist überlastet, vielerorts steigen die Mieten deutlich an. Wie lässt sich die Lage entschärfen?

Dutzende Menschen, die zur Besichtigung eines WG-Zimmers kommen. Am besten gleich alle Papiere mitbringen, denn der Vermieter kann wählerisch sein – in Städten wie Berlin ist das keine Seltenheit, denn der Wohnungsmarkt ist angespannt. „Es ist Zeit, etwas zu ändern. Wir wollen bezahlbaren, gemeinschaftlichen Raum zum Leben schaffen“, meint der junge Unternehmer Dennis Prinz.

Die Idee des 33-Jährigen ist nichts Geringeres als die Zukunft des Wohnens neu zu gestalten. „Robinhood“ heißt sein Projekt und der Name macht klar: es geht ums Teilen, darum, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die Lösung für den angespannten Wohnungsmarkt sieht Prinz in sogenannten Pods. Das sind kleine Wohneinheiten für eine oder zwei Personen, die um Gemeinschaftsflächen wie Küchen, Gärten oder Wellnessbereiche konstruiert sind. Neben Ruhe und Privatsphäre sollen die Pods vor allem eins garantieren: niedrige Mieten. Und das nicht nur in Berlin, sondern in einem ganzen Netzwerk europäischer Großstädte. Einmal Mitglied, soll es ohne Probleme möglich sein, flexibel zwischen Pod-Dörfern in Großstädten wie London, Kopenhagen oder Barcelona hin- und her zu ziehen. Der junge Unternehmer adressiert damit ein spezifisches Problem der mobilen, kosmopolitischen Bevölkerungsschicht. „Heutzutage sind wir flexibler, wir ziehen häufiger um, oft ins Ausland und nur für ein paar Monate. All diese Menschen drücken auf die klassischen Wohnungsmärkte, die ohnehin ausgelastet und überteuert sind“, so Prinz.

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Ist das überhaupt der Fall? Eigene Erfahrungen suggerieren, dass es zunehmend schwerer wird, bezahlbaren Wohnraum in europäischen Großstädten zu finden. Doch die Statistiken geben ein gemischtes Bild ab. Da sind einerseits die Boom-Städte wie Berlin, wo laut des Wohnungsmarktberichts der Investitionsbank Berlin die Mieten letztes Jahr um zwölf Prozent im Vergleich zu Vorjahr stiegen. Oder Amsterdam, das diesen Januar sogar ein Wachstum von 13,4 Prozent im Vergleich zu 2017 verzeichnete. In Paris und London hat sich der Wohnungsmarkt überraschenderweise beruhigt, seit einigen Jahren stagnieren die Mieten, wenn auch auf exorbitantem Niveau.

In Deutschland, dem Mieterland Nummer Eins in Europas, steigen die Wohnungspreise schneller als die Einkommen. Rund 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen würden in den Großstädten fehlen, hat die Hans-Böckler-Stiftung errechnet. Die europäische Statistikbehörde Eurostat bestätigt den Trend: Jeder sechste Deutsche muss über vierzig Prozent seines Einkommens auf den Wohnraum aufwenden. Getoppt wird das nur von Griechenland und Bulgarien.

Professor Thorsten Wiechmann lehrt Stadtentwicklung- und Planung an der TU Dortmund. Er erkennt den Trend an, dass immer mehr Menschen in immer weniger Städte ziehen wollen, die wirtschaftlich oder kulturell attraktiv sind. „Aber man muss klar sagen, dass es keine Korrelation zwischen Stadtgröße und Wachstumsrate gibt. Es stimmt einfach nicht, dass große Städte unverhältnismäßig schneller wachsen als kleinere“.

Das Problem in vielen Städten ist, dass die Erlassung von Baugenehmigungen und der Bau von Wohnungen dem akuten Bedarf oft Jahre hinterherhinken. Das hat absurde Folgen: „Hier in Berlin leben Leute für 800 Euro im Sechzehner-Schlafsaal im Hostel, für Monate. Einfach weil sie nichts anderes finden. Die sind natürlich nicht im Einwohnermeldeamt registriert. Damit entsteht ein Graumarkt“, meint Dennis Prinz.

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Weg von der Gießkannenförderung

Zuständig für den Bau von Wohnraum sind grundsätzlich die Städte. Der Bund fördert dazu den sozialen Wohnungsbau. Aber in letzter Zeit nahm die Zahl von Sozialwohnungen sogar ab, da die Wohnungen irgendwann aus der Mietpreisbindung herausfallen. Laut Bundesregierung gab es letztes Jahr 42.000 Wohnungen weniger als noch 2016. Daher möchte Deutschland den sozialen Wohnbau stärker fördern, dreieinhalb Milliarden Euro hat die schwarz-rote Koalition für die nächsten drei Jahre eingeplant. Die SPD möchte darüber hinaus die Mietpreisbremse verschärfen. Einige Experten hinterfragen allerdings den Sinn solcher Maßnahmen. Jüngst sprach sich der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums  dafür aus, den sozialen Wohnungsbau zurückzufahren und die Mietpreisbremse komplett abzuschaffen.

Auch Thorsten Wiechmann sieht eine pauschale Erhöhung des sozialen Wohnungsbaus kritisch. In vielen Städten schrumpft die Einwohnerzahl, eine Förderung des Wohnbaus wäre falsch. „Wir müssen viel präziser fördern, dort wo der Wohnraum knapp ist, zum Beispiel in München. Was wir nicht brauchen ist das förderale Gießkannenprinzip in die Fläche. Dazu benötigt es den politischen Mut, Gelder gezielt zu verteilen.“

Seitens der EU lässt sich keine Abhilfe erwarten, denn Baupolitik obliegt der Eigenverantwortung der Mitgliedsstaaten. Maßnahmen wie die 2016 beschlossene Urbane Agenda der EU fördern daher vor allem den Erfahrungsaustausch in Sachen Innovation, CO2-Reduzierung, oder Beschäftigungsförderung zwischen europäischen Städten. Das ist durchaus sinnvoll, denn Ballungsräume haben großes Potential für Nachhaltigkeit und effiziente Ressourcennutzung. Unter diesem Gesichtspunkt, meint Thorsten Wiechmann, könnten wachsende Städte sogar einen positiven Beitrag zum Umweltschutz leisten.

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Trotzdem sind der EU die Arme nicht vollständig gebunden. Durch Strukturfonds wie den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) fördert sie Bau- und Stadtentwicklungsprojekte in Milliardenhöhe. „Wichtig ist, dass die EU unterschiedliche Problemlagen in der Städteförderung ausdifferenziert adressiert. Die Strukturfonds bieten dafür ein gutes Instrument, weil sie auf jede Region zugeschnitten werden“, meint Wiechmann.

In Berlin überlegt Dennis Prinz, sich unter anderem um EFRE-Mittel für seine Wohnpods zu bewerben. Sollte sein Geschäftsmodell dann genug Anklang finden, möchte er in andere europäische Städte expandieren, um auch dort Alternativen zum klassischen Wohnmarkt anzubieten. Hoffnung kann er sich machen, denn innerhalb weniger Tage haben sich über Tausend Menschen auf der Warteliste eingetragen.

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