„Wir haben erwartet, dass so etwas passiert“

Shisha-Bars wurden von Medien zu kriminelle Feindbildern stilisiert, sagt ein Besitzer einer solchen Bar. [SOEREN STACHE/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Shisha-Bars verbindet man in Deutschland mit einem migrantisch geprägten Publikum. Wohl auch deshalb schoss der Täter von Hanau dort um sich. Was denken Betreiber und Gäste? Ein Stimmungsbild aus Bonner Shisha-Bars.

Zara Gülsoy war schockiert, als sie vom Attentat in Hanau hörte. Sie saß mit ihrem Vater im Auto, als im Radio die Nachricht über die Todesschüsse unter anderem in einer Shisha-Bar lief. „Man denkt sich, ich könnte das auch gewesen sein, weil es ein Ort ist, an dem wir uns häufiger aufhalten.“

Nun sitzt die 20-jährige Flugbegleiterin mit dem Studenten Mehdi Cekmecelioglu auf beige-gepolsterten Bänken in der hinteren Ecke der Shisha-Bar „Baba’z“ am Rande der Bonner Innenstadt. Die beiden trinken Tee und teilen sich eine Wasserpfeife. Papierschlangen hängen von Kronleuchtern herab, eine bunte Girlande dekoriert das Fenster, aus den Lautsprechern tönt ab und zu Kölschrock – schließlich ist im Rheinland Karneval. Es ist 20 Uhr, nur wenige Tische sind besetzt.

Mordserie in Hanau: "Wir sind nirgendwo sicher"

Ein Mann erschießt in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Am Tag danach herrschen in der hessischen Stadt Wut, Angst und Trauer. Innenminister Seehofer will Konsequenzen ziehen.

„Bevor wir herkommen sind, haben wir noch darüber geredet, ob es momentan gefährlich ist, in eine Shisha-Bar zu gehen. Im Endeffekt kann man es aber auch nicht vermeiden auf die Straße zu gehen, wenn ein Anschlag auf der Straße passiert ist“, sagt der ebenfalls 20-jährige Cekmecelioglu. Sie hätten aber darüber nachgedacht, ob es aus Respekt noch zu früh ist, wieder eine Shisha-Bar zu besuchen. Auf dem Weg seien ihnen Menschen begegnet, die gerade von einer Solidaritätskundgebung für die Opfer kamen.

Neun Menschen erschoss der mutmaßliche Täter am Mittwochabend in der hessischen Stadt Hanau, anschließend seine Mutter und sich selbst. Die Behörden sehen ein rassistisches Motiv dahinter, trotz einer psychischen Erkrankung.

Auch bei Vicky D. und ihrer Freundin weiter vorne am Eingang des „Baba’z“ in Bonn ist der Anschlag ein Thema. „Tatsächlich habe ich gerade erwähnt, dass es jetzt auch uns treffen könnte. Wenn wir jetzt hier sitzen und dann kommt einer rein“, sagt die 21-jährige Studentin und deutet zur fünf Meter entfernten Tür, „und schießt einfach um sich, kann man nichts machen. Wir sind quasi gefangen und das war’s dann.“ Die beiden sind ins „Baba’z“ gekommen, um sich einen schönen Abend zu machen.

Keine Überraschung

„Ich habe eigentlich erwartet, dass das passiert“, sagt Mehdi E. Zadeh, Chef vom „Baba’z“ mit Blick auf Hanau. Um zu erklären, warum, holt er weit aus. Für den 44-Jährigen hat der Rechtsruck in Europa und der westlichen Welt zu dieser Tat geführt. Der Aufstieg der AfD. Die Medien, die der Partei eine zu große Plattform gegeben haben. Innenminister Horst Seehofer, der sagte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Die Algorithmen in sozialen Netzwerken, die dafür sorgen, dass man immer im Saft der eigenen Meinung schmort und nicht mehr mit anderen Ansichten konfrontiert wird. Er redet sich in Rage.

Vor allem aber ist Zadeh wütend darüber, dass alle Lokale, die das Rauchen von Wasserpfeifen anbieten, über einen Kamm geschoren und zum Feindbild stilisiert werden: „Es gibt ein paar schwarze Schafe und deswegen sind alle Shisha-Bars ’scheiße‘. Wenn ich jemandem sage, ich bin Shisha-Bar-Betreiber, denkt der sofort, ich gehöre einem libanesischen Clan an und sitze den ganzen Tag am Tisch und verticke Drogen.“

Dieses Bild sei den Medien und der Politik zu verdanken. „Ich habe selbst Angst vor Shisha-Bars, wenn ich das in den Medien sehe“, sagt Zadeh, wobei nicht ganz klar ist, wie ernst er diesen Satz meint. Klar ist aber: Diese negative Darstellung ist für den Unternehmer auch ein Grund dafür, warum der Täter von Hanau sich ausgerechnet eine Shisha-Bar ausgesucht hatte, um dort zu töten.

Elf Tote nach Schüssen in zwei Shisha-Bars

Bei einem Attentat im hessischen Hanau sind am Mittwochabend mindestens neun Menschen getötet worden. Inzwischen wurde laut Medienberichten in einer Wohnung die Leiche des mutmaßlichen Täters zusammen mit einem Bekennerschreiben gefunden.

Auch Mahmud Mustafa hat erwartet, dass irgendwann ein Anschlag wie in Hanau passiert. „Das war nur eine Frage der Zeit“, sagt der Betreiber einer anderen Bonner Shisha-Bar. Mustafa heißt eigentlich anders. Wie auch so mancher Gast, möchte er seinen richtigen Namen und den seines Lokals nicht veröffentlichen, auch keine Fotos, keine Beschreibungen, die seine Bar identifizieren lassen. „Ich möchte keine Zielscheibe für Medien oder Behörden sein“, sagt er. Auch er hat schlechte Erfahrungen mit dem Negativ-Image der Bars gemacht. Bei den ständigen Kontrollen komme er sich vor, „als ob er etwas verbrochen“ habe.

Auch nach Mustafas Sicht hat sich die Situation bereits in den vergangenen Jahren zugespitzt. Den Nährboden für solche Taten wie in Hanau bereitet seiner Meinung die entsprechende Propaganda. Er sieht den Fehler auch bei den alteingesessenen Parteien, die den Aufstieg der AfD nicht ernst genommen hätten.

Die Auswirkungen der Mordserie von Hanau merkt der Unternehmer unmittelbar: „Die Einnahmen haben sich extrem reduziert. Früher um diese Zeit hätten Sie gar keinen Platz gefunden und hätten reservieren müssen, jetzt ist fast die Hälfte des Ladens leer. Die Leute haben Schiss“, denkt Mustafa.

Wie ein Wohnzimmer

Die Gäste beider Bars schätzen die Atmosphäre dort, bezeichnen sie als nett, familiär, entspannt. Sie treffen sich zum Quatschen und Musik hören oder spielen Gesellschaftsspiele. Seine „Beruhigungsoase“, nennt Cina G. die Bar von Mustafa. „Das ist wie ein zweites Zuhause für mich. Die Nummer habe ich auch als ‚Zuhause Nummer 2‘ eingespeichert“, sagt der 28-jährige Verkäufer-Azubi.

Die Beleuchtung ist gedimmt, auch hier übertönt die Musik nicht die Gespräche. Am Nebentisch sind zwei Männer schweigend in eine Schachpartie vertieft. Nur das Blubbern ihrer Wasserpfeifen ist zu hören. Ein weiterer Gast, G. Singh, wartet noch auf seine Freunde und hat daher Zeit zu plaudern. „Ich komme auch oft alleine hier hin“, erzählt der 28-Jährige. „Man weiß, da sind immer Leute, die man kennt. Was für die Deutschen die Stammkneipe auf dem Dorf ist, das ist für uns das hier.“

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Kaum Alternativen als Treffpunkte

Doch ein Teil der Wahrheit ist auch, dass viele der Gäste immer wieder Probleme haben, in andere Lokale überhaupt eingelassen zu werden – weil ihr Haar schwarz ist, ihr Teint einigen Türstehern nicht „mitteleuropäisch“ genug aussieht oder weil sie sichtbar Symbole tragen, die zu einer nicht-christlichen Religion gehören.

Mehr als die Hälfte der Shisha-Bar-Besucher, mit denen die DW in Bonn sprach, berichtete davon. Pauschalisierend wird ihnen unterstellt, sie könnten Probleme machen – und müssen draußen bleiben. Vicky D. ging es erst am Vorabend so: „Wir wollten in eine deutsche Kneipe, weil Karneval war. Und die haben gesagt: ‚Ihr passt hier nicht rein.'“

Auch aus diesem Grund sind Shisha-Bars zu beliebten Treffpunkten für Menschen mit Migrationsbiografie geworden. „Hier wird man einfach so akzeptiert. Niemand schaut einen dumm an und stellt Fragen. Woanders fühlt man sich irgendwie fremd und unwillkommen“, sagt Singh, von dem ein Elternteil aus Indien stammt. „Es ist schon schade, wenn man sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlt“, ergänzt der 28-Jährige.

Auch deswegen ärgert es Mehdi E. Zadeh, den Chef des „Baba’z“, dass Shisha-Bars zum Hort des Bösen stilisiert werden, obwohl gerade sie ein Ort der Kommunikation seien. Sein Publikum ist sehr gemischt, wie er sagt: zur Hälfte Deutsche, zur Hälfte Ausländer oder Menschen mit Migrationsgeschichte. „Leute, die sich gar nicht kennen, setzen sich nebeneinander und reden. So ein spießiger Deutscher, ein Nerd-Programmierer aus Russland und ein Baba aus der Türkei unterhalten sich, ohne dass sie sich umbringen müssen.“

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Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat nach dem Anschlag von Hanau eine konsequente Ausgrenzung der AfD durch die übrigen Parteien verlangt.

Früher sei das Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen besser gewesen, findet Mahmud Mustafa, der Chef der zweiten Bar: „Wir hatten nie so viel Scheu voreinander gehabt. Mittlerweile haben die Leute mehr Distanz und sind nicht mehr so locker wie früher.“ Gerade auch für junge Menschen seien Shisha-Bars wichtige Anlaufpunkte. Aus Mangel an Alternativen wüssten sie oft nicht, wohin sie sollen.

Wohin wird es führen?

Der Student Mehdi Cekmecelioglu hat zwar keine Angst, auch nach dem Anschlag weiterhin Shisha-Bars zu besuchen – aber er macht sich Sorgen um die Zukunft Deutschlands. Gerade mit Blick auf die Geschichte des Landes: „Die AfD wird immer stärker. Es wird oft heruntergeredet, als wäre etwas nicht rassistisch, sondern einfach nur eine Meinung. Aber egal, ob es Sexualität oder eine andere Nationalität betrifft, Hass ist keine Meinung.“ Auch die NSDAP habe klein angefangen und kaum einer habe damit gerechnet, wohin es führen würde.

Nicht nur wegen Hanau will „Baba’z“-Betreiber Mehdi E. Zadeh persönliche Konsequenzen ziehen. Zu oft wurde ihm schon deutlich gemacht, er könne nie echter Deutscher werden. Obwohl er in Deutschland geboren wurde. Obwohl sein Vater in Deutschland geboren wurde. Zadehs Geschäfte laufen gut. Doch Angriffe wie in Hanau sind für ihn nur Vorboten für schlimmere Entwicklungen. Er plant, auszuwandern.

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