Wer ist Großbritanniens neuer Brexit-Chefberater?

Dominic Cummings ist neuer Chefberater des britischen Premierministers. [Picture retrieved from SkyNews]

Für den neuen britischen Premierminister Boris Johnson steht fest: Ende Oktober tritt sein Land aus der EU aus, mit oder ohne Abkommen. Unterstützung erhält er durch einen neuen „special advisor“. Dominic Cummings gilt als Kopf hinter der Brexit-Kampagne. Ein Porträt.

Ein Bismarck-Bewunderer ist der neue Chefberater von Premierminister Boris Johnson: Dominic Cummings, Architekt der Brexit-Kampagne im Jahr 2016 und selbst in den Reihen der Konservativen umstrittener Politstratege, wurde noch vor Johnsons Amtsantritt in dessen Team berufen. Beobachter sehen bereits in den ersten Entscheidungen des neuen Premiers die
Handschrift des unorthodoxen 47-Jährigen.

Seit Jahren gehen die Meinungen über Cummings in der Londoner Politszene auseinander. Ex-Premierminister David Cameron bezeichnete ihn als „Karriere-Psychopathen“. Mit seiner beinharten Rhetorik machte sich der Absolvent der Elite-Universität Oxford viele Feinde.

Auch deshalb wurde Cummings wiederholt mit Steve Bannon verglichen, dem ehemaligen ultrarechten Chefstrategen von US-Präsident Donald Trump. Wie dieser ist Cummings ein Kenner militärischer Theorien und Strategien. Und wie bei Bannon wurde die Berufung Cummings in den innersten Zirkel der Macht als riskanter Schachzug bewertet.

Boris' Säuberungen

Bis Mittwochabend wurden 17 der ranghöchsten Mitglieder des vorherigen May-Kabinetts entlassen – oder traten selbst zurück.

„Dominic Cummings ist der Zerstörer des Zerstörers – ein zielstrebiger Stratege und ideologischer Bilderstürmer“, sagt Tim Bale, Politik-Professor an der Londoner Queen Mary University. Bale ist Verfasser eines Buchs über die Tories aus dem Jahr 2011, in dem Cummings bereits eine gewisse Rolle zufällt.

In der Austrittskampagne, die zum Sieg der Brexit-Anhänger bei der Volksabstimmung im Juni 2016 führte, setzte Cummings auf die Breitenwirkung der Online-Netzwerke. Wenn Johnson das Aushängeschild der Kampagne war, dann war Cummings das Superhirn hinter den Kulissen. Dies wurde auch in dem TV-Thriller „Brexit: The Uncivil War“ Anfang des Jahres deutlich, in dem Cummings von dem Filmstar Benedict Cumberbatch verkörpert wurde.

Die Opposition übte scharfe Kritik an der Ernennung Cummings. Sie wirft ihm Verachtung des Parlaments vor, weil sich Cummings im März weigerte, vor einem Untersuchungsausschuss zu Falschinformationen während der Brexit-Kampagne auszusagen.

Seine politischen Ansichten verbreitet der 47-Jährige bevorzugt auf seinem Blog im Internet. Dort erklärte er etwa die innenpolitische Krise im Zusammenhang mit dem Brexit zu einem seltenen historischen Ereignis, das er nutzen will: „Solche Krisen sind auch die Wellen, auf denen man surfen kann, um normalerweise unveränderliche Dinge zu verändern.“

Geboren wurde Cummings im nordenglischen Durham. Sein Vater arbeitete als Projektmanager einer Ölplattform, seine Mutter war Sonderpädagogin. Vor der Aufnahme in Oxford besuchte er eine örtliche Privatschule.

Johnson blitzt in Irland mit Forderung nach neuem Brexit-Deal ab

Der irische Ministerpräsident Leo Varadkar hat den neuen britischen Premierminister Boris Johnson mit der Forderung nach einer Neuverhandlungen des Brexit-Vertrags mit der EU abblitzen lassen.

Russland hatte es dem jungen Cummings angetan. Er stürzte sich in die Lektüre des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski und besuchte das Land mehrmals nach seinem Studienabschluss. In den 90er Jahren beteiligte er sich am Aufbau einer neuen Fluggesellschaft in Russland. Das Projekt scheiterte.

Im Jahr 2002 wurde Cummings Strategiechef der Tories. Das Amt gab er jedoch nach nur acht Monaten wieder auf. Der damalige Parteichef Iain Duncan Smith sei „inkompetent“, sagte er.

Cummings wurde Sonderberater des konservativen Bildungsministers Michael Gove, später ein führender Anhänger des britischen EU-Austritts. Er machte sich einen Namen, indem er eine „Wir-gegen-die“-Mentalität des Ministeriums gegenüber dem Rest der Regierung forcierte.

Mit seiner Ernennung zu Johnsons Chefberater erhält der Cummings nun Gelegenheit, seinen historischen Vorbildern zumindest ein Stück weit nachzueifern. Neben dem ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck bewundert Cummings auch den Kampfpiloten und Militärstrategen John Boyd. Dessen Strategie: Verwirre den Gegner, indem du das Erwartete unterlässt.

Möglicherweise schlug sich diese Politik der ständigen Überraschungen bereits in Johnsons ersten Amtshandlungen nieder. Zuerst tauschte er nahezu das komplette britische Kabinett aus, dann unterließ er die erwartete Reise nach Brüssel zu neuen Brexit-Verhandlungen. Es liege vielmehr an Brüssel, den ersten Schritt zu machen, argumentiert der neue Premier.

Brüssel lässt Johnson abblitzen

Der neue britische Premierminister Boris Johnson forderte die EU am Donnerstag auf, ihre Ablehnung einer Neuverhandlung des aktuellen Brexit-Deals zu „überdenken" - nur um von Brüssel sofort abgewiesen zu werden.

Brexit: Britischer Unternehmerverband ruft zu Vorbereitungen für den "Notstand" auf

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