„Ungleichzeitigkeit“ – Hürde für den Islam in Europa

Welche Rolle spielt der Islam in Europa? [Foto: dpa]

Die Prophezeiung des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan, wonach Europa bald muslimisch werde, entbehre jeder Grundlage, meint ein Islamexperte des Vatikan. Er empfiehlt, Europa solle sich seiner christlichen Wurzeln stärker besinnen.

Wenngleich die Zahl der Muslime in Europa zunimmt, ist das Christentum die am stärksten wachsende Religionsgemeinschaft – und das weltweit. Europa, insbesondere auch die EU sollten sich der Entwicklung bewusst zu sein, die der Kontinent unter dem maßgebenden Einfluss des Christentums in der Vergangenheit genommen hat und und dies in der Politik mehr berücksichtigen. Das ist eine Aufforderung, die Pater Michael Weninger bei einem Vortrag an der Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz formulierte. Weninger war drei Jahrzehnte als österreichischer Diplomat tätig, wurde 2011 zum Priester geweiht, ist seit 2012 im Päpstlichen Rat tätig und zuständig für den interreligiösen Dialog.

Für den ausgewiesenen Islam-Kenner ist es notwendig, einen Blick in die Geschichte zu werfen. Es sei ein unumstößlicher Fakt, dass Europa auf drei Säulen ruht: Athen, Rom und Jerusalem. Athen ist die Wiege der Demokratie, Rom der Ursprung des Rechtsverständnisses und das Christentum, das von Jerusalem seinen Ausgang nahm, war entscheidend dafür, dass heute Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und soziale Gerechtigkeit die wesentlichen Standards der europäischen Gesellschaft bilden.

Notwendigkeit einer christlichen politischen Theologie

Europa ist mittlerweile der säkularisierteste aller fünf Kontinente. Dabei zeigt sich nun, dass die strikte Trennung von Kirche und Staat insofern problematisch ist, als es keinen weltanschaulich neutralen Staat geben kann. Mit der Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Leben würde sich der Staat nur selbst diskriminieren, aus politischer Korrektheit heraus eine falsch verstandene Neutralität entstehen, meint Weninger. Allerdings hätten auch die Kirchen Handlungsbedarf, so sei „eine christliche politische Theologie“ sehr wohl gefragt.

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In Zusammenhang mit der Islamophobie müsse auch bewusst gemacht werden, dass der Islam als Religion „ein genuiner Bestandteil Europas“ ist. So ist in Österreich der Islam bereits seit 1912 eine anerkannte Religionsgemeinschaft – bedingt durch die damalige Annexion von Bosnien-Herzegowina, wo schon seit dem Mittelalter in Folge der Ausdehnung des osmanischen Reiches auch der Islam heimisch wurde. Auch in Frankreich gibt es durch die Zuwanderer aus Nordafrika, in Großbritannien bedingt durch dem Zuzug aus den ehemaligen Kolonien, eine verwurzelte islamische Community. Dies gilt selbst im Osten Finnlands, wo sich im 19. Jahrhundert russische Tataren ansiedelten.

Dem Islam fehlt eine hierarchische Ordnung

Das Problem, das mit dem Flüchtlingsandrang der vergangenen Jahre entstand, weil die überwiegende Mehrzahl der Asylsuchenden Muslime sind, hat seine Ursache in dem Phänomen der „Ungleichzeitigkeit“, meint Weiniger. Viele dieser Menschen kämen aus Ländern, deren gesellschaftliche Entwicklung einen anderen Lauf genommen hat, als die westliche und europäische.

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Weninger spricht diesbezüglich von einem „Kulturschock“, den viele Islamgläubige erleben, wenn sie nach Europa kommen: „Fromme Menschen kann man nicht in eine Spaßgesellschaft integrieren“. Allerdings gibt es auch unter den Zugewanderten sehr viele Agnostiker.

Die Schwierigkeiten einer Dialogführung der christlich orientierten Welt bestünden daran, dass es DEN Islam so nicht gibt. Er besteht aus einer Vielzahl von Traditionen, die oft in einem Konflikt zueinander leben, in zahllose Kulturen aufgefächert und auch unterschiedlich staatlich organisiert sind. So herrscht in Saudi-Arabien eine absolutistische Monarchie, in Iran eine Theokratie und in Indonesien eine islamische Demokratie. Dazu kommt, dass es im Gegensatz zu den christlichen Kirchen keine klare hierarchische Ordnung gibt, was dazu führt, dass die Ansprechpartner auf Augenhöhe für einen interreligiösen Dialog fehlen.

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Drei Viertel der Österreicher haben Angst vor radikalen Islam

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine jüngst veröffentlichte Studie des Österreichischen Integrationsfonds. Demnach sind es nicht Fragen zu Themen wie Pensionen, Steuern oder der wirtschaftlichen Entwicklung, die die Österreicher an oberster Front interessieren. Besorgt sind 73 Prozent der Befragten vielmehr über die mögliche Verbreitung eines radikalen Islams, die unzureichende Integration von Flüchtlingen und Migranten in die Schul- und Arbeitswelt.

90 Prozent der Befragten haben daher kein Verständnis, dass Vorschriften der eigenen Religion über staatliche Gesetze gestellt werden. Mehr als acht von zehn Befragten vermuten den Grund für schlechte Integration in der fehlenden Anpassung an die zentralen Werte der europäischen Gesellschaft, an österreichische Lebensgewohnheiten, in der Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie in mangelnden Deutschkenntnissen.

 

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