Übersicht: Die Brexit-Auswirkungen auf Westeuropa

Das Vereinigte Königreich wird wohl wirtschaftlich unter dem Brexit leiden - doch auch Staaten der EU-27 sind betroffen. [EPA-EFE/NEIL HALL]

Die Frist für den Austritt Großbritanniens aus der EU läuft langsam ab. EURACTIV.com hat sich angesehen, wie sich der Brexit auf den Rest Europas auswirken wird. Am stärksten betroffen dürften Irland, Frankreich und Deutschland sein.

Sollte das Vereinigte Königreich ohne ein Nachfolgeabkommen aus der EU austreten, könnte das Land bis zu 9,3 Prozent seines BIP einbüßen. Allerdings könnten die wirtschaftlichen Folgen für die übrigen EU-Mitgliedstaaten ebenfalls erheblich sein – unabhängig vom tatsächlichen Ablauf des Austritts.

Brexit: May läuft immer wieder vor die gleichen Wände

Die britische Premierministerin Theresa May bemüht sich noch einmal um eine Einigung mit der EU, schon wieder erfolglos. Auch zu Hause läuft es für sie nicht gut.

Angesichts der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU wird der Brexit für ganz Europa schmerzhaft sein. Doch einige Gebiete der EU könnten besonders heftige Störungen des Handels, höhere Zölle oder Beeinträchtigungen ihrer Lieferketten verzeichnen.

Laut einer kürzlich vom Ausschuss der Regionen (AdR) in Auftrag gegebenen Studie wären Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und – natürlich – Irland die am stärksten betroffenen Mitgliedstaaten.

Die Republik Irland dürfte am meisten unter dem Brexit zu leiden haben. 14 Prozent der irischen Exporte gehen ins Nachbarland. Damit könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexits für Irland ebenso verheerend sein wie für das Vereinigte Königreich.

Dublin warnt derweil vor allem vor zusätzlichen sozialen und politischen Auswirkungen, denn auch der Frieden in Nordirland stehe auf dem Spiel.

Frankreich

Die französischen Regionen Hauts-de-France und Bretagne sind die wichtigsten europäischen Zugangspunkte zu den britischen Inseln, sowohl durch den Eurotunnel als auch über Fährverbindungen. Somit sind sie die beiden Regionen mit den stärksten sozioökonomischen Verbindungen zum Vereinigten Königreich.

Die Auswirkungen des Brexits dürften sich in diesen Regionen daher auf mehrere Sektoren niederschlagen: das Vereinigte Königreich ist einer der wichtigsten ausländischen Investoren für Unternehmen in der Region und ein wichtiger Kunde für Waren und Dienstleistungen.

François Decoster ist Vizepräsident des Regionalrats Nord-Pas-de-Calais-Picardie und Vorsitzender der interregionalen Brexit-Gruppe des Ausschusses der Region.

„In den Regionen, die nahe an Großbritannien liegen, sind wir besonders besorgt über die Unsicherheit, die ab dem 29. März entstehen könnte,“ sagt er gegenüber EURACTIV.

Eurotunnel bereitet sich auf Brexit vor

Aufgrund des Brexits und damit einhergehenden neuen Kontrollen könnte es am Eurotunnel zwischen Calais und Dover bald zu Verzögerungen kommen.

Zusätzlich zu schaffen mache den Regionen darüber hinaus die „schizophrene“ Situation, in der sie sich heute befinden, erklärt Decoster: So müsse man sich einerseits auf ein No-Deal-Szenario vorbereiten, gleichzeitig aber die mögliche Entscheidung des britischen Unterhauses im Auge behalten, einen geordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU doch noch zu ermöglichen.

Decosters Ansicht nach hat sich der in Artikel 50 des EU-Vertrags festgelegte zweijährige Verhandlungszeitraum als zu kurz erwiesen – auch, wenn er vor zwei Jahren noch sehr lange erschienen sein mag.

Die französische Wirtschaft wird auch in Sektoren wie Lebensmittel, Kunststoffe – der Reifenhersteller Michelin ist in der Auvergne angesiedelt – und Transportfahrzeuge betroffen sein.

Gleichzeitig wird gerade für Frankreich jedoch auch großes Potenzial gesehen, Unternehmen anzuziehen, die aufgrund des Brexits das Vereinigte Königreich verlassen könnten.

Belgien

Ein weiterer Zugang von Kontinentaleuropa zu den britischen Inseln findet sich im belgischen Flandern, das ebenfalls über enge Seefahrts- und Handelsbeziehungen zum Vereinigten Königreich verfügt.

Ein großer Teil des belgischen BIP stammt aus dem Export und Handel von Waren, die via flämische Häfen transportiert werden; und ein Großteil dieser Exporte geht nach Großbritannien. Die Beziehung ist allerdings wechselseitig: 78 Prozent aller britischen Exporte nach Europa kommen im belgischen Zeebrugge an.

Mit dem Brexit werden auch die belgischen Häfen zu einer Außengrenze der EU und die ausgeprägten Beziehungen dürften unter Grenzkontrollen und Zöllen leiden. Auch die britisch-belgische Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der illegalen Migration könnte beeinträchtigt werden.

Doch auch der andere Teil Belgiens könnte betroffen sein: In Wavre, der Hauptstadt der wallonischen Region Brabant bei Brüssel, liegt der Hauptsitz von Glaxo Smith Kline, einem großen britischen Pharmaunternehmen. Die Zukunft des Standorts könnte nach Brexit ebenfalls in Frage gestellt werden.

Deutschland

In Deutschland wird Hessen wohl am stärksten betroffen sein. Das Vereinigte Königreich ist der drittwichtigste Auslandsmarkt für das Bundesland und macht 7,5 Prozent aller Exporte aus.

Eine Beeinträchtigung der Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich könnte erhebliche Auswirkungen auf Hessen haben, insbesondere in Sektoren wie der Automobilbranche, der Chemie- und Pharmaindustrie, der Elektrotechnik und dem Maschinenbau – ganz zu schweigen vom starken Austausch zwischen den Bankenmetropolen Frankfurt und London. Auf der anderen Seite könnte Frankfurt aber auch vom Brexit profitieren und als Finanzstandort und als internationale Drehscheibe für multinationale Unternehmen attraktiver werden als London.

Bankenumsiedlung nach dem Brexit: Paris vor Frankfurt

Die Banken der Londoner City wollen nach dem Brexit weniger Stellen auf den Kontinent verlagern als zunächst angenommen. Bevorzugter neuer Standort ist Paris.

In anderen Industrieregionen wie dem Stuttgarter Raum, Rheinhessen und der Pfalz sowie Bayern mit ihren großen und äußerst exportorientierten Chemie- und Automobilunternehmen wird der britische EU-Austritt bemerkbar sein.

Auch Niedersachsen hat enge wirtschaftliche Beziehungen zu Großbritannien, und viele britische Staatsbürger leben dort. Die Landesregierung hat sie bereits aufgerufen, sich auf die deutsche Staatsbürgerschaft zu bewerben. Die Anträge hätten sich in den vergangenen Monaten verdreifacht, so Birgit Honé, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes.

Der Brexit wird wohl eine Vielzahl von Sektoren in Niedersachsen betreffen, doch die Fischerei ist sicherlich eines der Hauptanliegen von Honé. „Die Fanggebiete, in denen niedersächsische Fischer fischen können, liegen an der britischen Grenze. Diese werden im Falle eines harten Brexits nicht mehr zugänglich sein. Für die Fischer steht also ihr Job auf dem Spiel,“ erklärt sie.

„Ein No Deal-Brexit wäre eine Katastrophe,“ sagte sie gegenüber EURACTIV.

Irland

In Irland sind es Maschinen, Elektronik, Pharma und vor allem der Agrar- und Ernährungssektor, die von Brexit am stärksten betroffen sein dürften.

„Der Brexit hat bereits erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen,“ warnte Michael Murphy, Stadtrat von Tipperary und Leiter der irischen Delegation im Ausschuss der Regionen. Insbesondere die Volatilität des Pfunds belaste Unternehmen, die ins Vereinigte Königreich exportieren.

Der Studie des AdR zufolge ist der irische Handel inzwischen zwar im Allgemeinen weniger vom Vereinigten Königreich abhängig als in der Vergangenheit. In einigen Sektoren hat sich die Abhängigkeit im Laufe der Zeit aber erhöht.

Das Hauptanliegen Dublins liegt dennoch woanders, so Murphy: „Trotz aller Sorgen um die wirtschaftlichen Herausforderungen: die größte Herausforderung von allen ist die Sicherung des Friedens auf der irischen Insel.“

Sowohl irische als auch nordirische Politiker haben sich besorgt über die Effekte des Brexits auf das Karfreitagsabkommen und den Frieden auf der Insel geäußert. „Wir wollen nicht in die dunklen Zeiten der Vergangenheit zurückfallen,“ betonte Murphy.

No-deal Brexit: Irland lanciert umfassende Gesetzesvorlage

Irland stellte am Freitag (22. Februar) seine Notfallpläne für einen ungeregelten Brexit vor und veröffentlichte einen Entwurf mit fünfzehn Gesetzen aus neun Ministerien, welcher die Bereiche Bürgerrechte, Steuern, Migration, Bildung, Gesundheitswesen und Verkehr umfasst.

Die EU hat sich für einen sogenannten „Backstop“ eingesetzt, um die Integrität des Binnenmarkts zu wahren und eine harte Grenze in Irland zu vermeiden. Die Haltung Londons bzw. ein Alternativvorschlag ist indes nach wie vor nicht eindeutig.

„Europa wird Irland nicht im Stich lassen, da bin ich zuversichtlich“, betonte Murphy.

Keine Gewinner

Vom Tourismus in Spanien, tausenden Arbeitsplätzen in der britischen Enklave Gibraltar und den über eine Million polnischen Bürgern im Vereinigten Königreich, über Investitionen in Malta, den Agrar- und Ernährungssektor in Griechenland, der Modeindustrie in Italien, hin zur Elektronikbranche in der Tschechischen Republik: Regionen und Länder in ganz Europa werden die Folgen des EU-Austritts des Vereinigten Königreichs in unterschiedlichem Maße zu spüren bekommen.

Die Ergebnisse der AdR-Studie zeigen, dass „die meisten Regionen aufgrund des Brexits wahrscheinlich ihre derzeitige Position in einigen Sektoren – sei es beim Handel, Direktinvestitionen oder Umzugs- und Mobilitätsmöglichkeiten für Arbeitnehmer, Studenten oder Forscher – verlieren würden“.

Mit anderen Worten: es wird keine klaren „Brexit-Gewinner“ geben.

Dennoch könnte der britische Austritt für einige wirtschaftlich stärkere Regionen auch eine Chance sein, Unternehmen, die das Vereinigte Königreich verlassen, für ein Wiederansiedlung im EU-Binnenmarkt zu gewinnen. Für Regionen mit weniger dynamischer und weniger diversifizierter Wirtschaft dürfte der Brexit hingegen eine deutlich größere Herausforderung darstellen.

Das Problem ist, dass selbst im Falle eines geordneten Austritts noch unklar ist, welche Art von Beziehungen die EU und das Vereinigte Königreich in Zukunft unterhalten werden. Die Antwort auf diese Frage wird bestimmen, wie stark der Brexit die europäischen Regionen und Städte trifft.

Regionen brauchen dringend Brexit-Strategie

Der Brexit wird für Regionen, die viel nach Großbritannien exportieren, viele sehr praktische Konsequenzen haben. Nur wenige haben bislang eine Strategie.

Gerade weil der Brexit nicht alle Regionen Europas und nicht alle Sektoren gleichermaßen beeinflussen wird, fordert der AdR die Europäische Kommission auf, entsprechende Instrumente in den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU aufzunehmen, um dieses spezielle Problem anzugehen.

„Mit Blick auf die zukünftige Kohäsionspolitik müssen wir vor allem die Situation der Regionen im nahen Umfeld des Vereinigten Königreichs berücksichtigen,“ glaubt auch François Decoster.

Ein möglicher „Vorteil“ für die Regionen könnte sein, dass der ehemalige EU-Kommissar für Regionalpolitik, Michel Barnier, heute der Chefunterhändler der EU für das Brexit-Abkommen ist.

Der AdR-Vorsitzende Karl-Heinz Lambertz machte gegenüber EURACTIV deutlich: „Es müssen Maßnahmen für jede hypothetische Situation ergriffen werden.“

Er schloss: „Wenn der Brexit kommt, muss die EU ihren Mehrwert [für die europäischen Regionen] unter Beweis stellen.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Benjamin Fox]

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