„Time is Brain“: wie EFRE-Gelder in Berlin Leben retten

Mit drei STEMOs im Einsatz ist Berlin die weltweit erste Millionenmetropole mit nahezu flächendeckender mobiler Schlaganfallversorgung. [Foto: Charité - Center for Stroke Research]

Das umfangreichste Instrument der EU zur Förderung der regionalen Entwicklung ist der EFRE-Fonds. Doch in den meisten Fällen bleibt sein Wirken in der Öffentlichkeit größtenteils unbekannt. Ein Beispiel aus Berlin zeigt, wie mit EFRE-Geldern wortwörtlich Leben gerettet werden.

Ungefähr 1,8 Millionen Nervenzellen sterben pro Minute bei einem Schlaganfall im menschlichen Gehirn. Bei der Behandlung zählt deshalb jede Minute. Wird ein Patient im Krankenhaus eingeliefert, vergehen vom Notruf im Schnitt etwa 80 Minuten, bis ein blutverdünnendes Lysemedikament verabreicht oder entsprechende andere Maßnahmen eingeleitet werden können. Der Transport ins Krankenhaus, die Übergabe, Blutabnahme, neurologische Untersuchung, Computertomographie, all das kostet Zeit. Und viele Millionen Nervenzellen.

Genau für dieses Problem sind bei der Berliner Feuerwehr drei Rettungswagen der besonderen Art im Einsatz: Die Stroke-Einsatz-Mobile, kurz STEMOs, erlauben die komplette Diagnostik inklusive Computertomographie und die Lysetherapie noch an Bord des Fahrzeugs. Dadurch kann die Zeit von der Alarmierung des Rettungsdienstes bis zum Beginn der Therapie um etwa eine halbe Stunde verkürzt werden – statistisch gesehen sind das rund 45 Millionen geretteter Nervenzellen beim einzelnen Patienten.

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Das ist eine technologische Meisterleistung, die es weltweit nur in wenigen Ländern gibt, darunter in den USA, in Kanada, Norwegen,Australien und in Thailand. Hierzulande fahren Schlaganfallmobile nur in zwei Regionen, in Berlin und dem Saarland. Möglich gemacht wurde das innovative Projekt in Berlin durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), einem der Strukturfonds der EU.

Kampf um die Bewilligung der Gelder

Das STEMO-Projekt reiht sich in eine weite Bandbreite von Projekten ein, welche das Land Berlin im derzeitigen Förderungszeitraum kofinanziert. Bis 635 Millionen Euro stehen in der Hauptstadt zwischen 2014-2020 für Investitionen in Wettbewerbsfähigkeit, Forschung, Stadtentwicklung oder die Sicherung von Arbeitsplätzen zur Verfügung.

Die Initiative zur Anschaffung der Berliner STEMOs kam 2010 seitens des Charité Universitätsklinikums. Zusammen mit der Feuerwehr erbat die Charité die benötigten Gelder von der Technologiestiftung Berlin, die wiederrum Gelder vom Land und dem EFRE Fonds verwendete.

Ganz ohne Widerstand verlief das allerdings nicht: „Es war schon ein ziemlicher Kampf, die STEMOs auf die Straßen zu kriegen“, meint der Neurologe Alexander Kunz, der auch STEMO-Einsätze fährt. Nicht alle im Senat und bei der Feuerwehr waren vom medizinischen Prestige-Projekt angetan. Denn während ein normaler Rettungswagen mit etwa 200.000 Euro zu Buche schlägt, kostet ein STEMO rund eine Million Euro. Geld, das viele gerne für weitere Rettungswagen oder Ausbildungsmaßnahmen ausgegeben hätten. „Am Ende haben wir aber die benötigte Unterstützung aus dem Senat erhalten“, so Kunz.

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Was das STEMO so teuer macht, sind vor allem der mobile Computertomograph und die Labordiagnostik an Bord. Außerdem verfügt das Fahrzeug über eine gesicherte telemedizinische Vernetzung, über die in komplizierten Fällen ein Facharzt im Centrum für Schlaganfallforschung in der Charité per Video zugeschaltet werden kann. Darüber hinaus hat das Einsatzfahrtzeug bestimmte personelle Anforderungen, denn es braucht neben dem Rettungs- auch einen Radiologieassistenten sowie einen als Notarzt qualifizierten Neurologen.

Seit Auslaufen des Pilotprojektes und damit der EFRE-Förderung hat die Berliner Feuerwehr drei weitere STEMOs angeschafft, finanziert aus Landesmitteln. „Ich habe zwischenzeitlich nicht daran geglaubt, dass das Projekt so weitergeführt wird“, meint Professor Heinrich Audebert, Leiter des STEMO-Forschungsprojekts. Doch die Politik habe sich aber sehr für das Projekt eingesetzt und auch der Landesbranddirektor hat dem Projekt großen Rückhalt gegeben. Letztendlich billigte der Senat in einem Haushaltsbeschluss die Investitionen.

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STEMOs rentieren sich nur in Großstädten

Obwohl die drei STEMOs in Berlin einen Großteil der rund 12.000 akuten Schlaganfälle jährlich abdecken können, sind die Fahrzeuge nicht überall eine Option. Zwar wäre gerade in ländlichen Regionen eine Behandlung noch im Krankenwagen ein enormer Gewinn, wenn das nächste Krankenhaus weit entfernt ist. Doch damit sich die Anschaffungskosten des Fahrzeugs lohnen, müssen etwa eine Millionen Menschen auf ein STEMO kommen. Im ländlichen Raum wäre das logistisch unmöglich, ein einzelnes Fahrzeug müsste viel zu weit fahren, um eine solche Abdeckung zu erreichen. Aber auch in anderen Großstädten zögert man bei der Anschaffung der Fahrzeuge. „Derzeit haben wir noch keine ausreichenden Langzeitergebnisse zu den Vorteilen der Behandlung im STEMO, unsere Studie läuft noch“, erklärt Professor Audebert. Er sei aber zuversichtich, dass sich das ändert, sobald vorzeigbare Ergebnisse vorliegen.

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