The Capitals: Verlorene E-mails, Fehlerhafte Testkits, Ungeschütztes Gesundheitspersonal

Großbritannien hat derzeit nur 8.000 Beatmungsgeräte zur Verfügung, obwohl es Bestellungen und Verträge über weitere 18.000 Stück abgeschlossen hat. [EPA/Andy Rain]

The Capitals versorgt Sie mit Nachrichten aus ganz Europa – dank des EURACTIV Netzwerks. Heute u.a. mit dabei: Britische Regierung macht verlorene E-Mails für EU-Beschaffungschaos verantwortlich, Spanien schickt fehlerhafte COVID-19-Testkits an China zurück, und italienisches Personal weist hohe Infektionszahlen auf. 

Einen Überblick über unsere bisherige Coronavirus-Berichterstattung finden Sie hier.

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LONDON

Verlorene E-mails sind schuld. Die Regierung von Boris Johnson machte eine Kommunikationsverwechslung dafür verantwortlich, dass die Frist für die Teilnahme an einem EU-Beschaffungsprogramm zur Herstellung von Beatmungsgeräten und anderen dringend benötigten medizinischen Geräten zur Bekämpfung der Coronavirus-Krise verpasst wurde.

Am Donnerstag, den 26. März, wurden die Minister beschuldigt, dass der Brexit für sie wichtiger sei als die Beatmung, nachdem ein Regierungssprecher erklärte, dass Großbritannien sich dafür entschieden habe, das EU-Programm zugunsten seiner eigenen Pläne, neue Verträge mit bestehenden Lieferanten zu vereinbaren und britische Firmen ihre Fabriken auf die Produktion der Ausrüstung umzustellen, abzulehnen. Die im Rahmen des EU-Programms bestellte Ausrüstung wird voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Wochen fertig gestellt werden.

Das Vereinigte Königreich verfügt derzeit nur über 8.000 Beatmungsgeräte, obwohl es Bestellungen und Verträge über weitere 18.000 Geräte abgeschlossen hat.

Downing Street machte Stunden später eine Kehrtwendung und sagte, dass „ein anfängliches Kommunikationsproblem“ dazu geführt hätte, dass die Beamten keine E-Mails erhalten haben, in denen das Vereinigte Königreich zur Teilnahme an der ersten Beschaffungsrunde eingeladen wurde.

(Benjamin Fox | EURACTIV.com)

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BERLIN

Die „Ruhe vor dem Sturm”. In einer Pressekonferenz gestern, den 26. März, erklärten Gesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, gegenüber Reportern, dass der Höhepunkt der Infektionen noch bevorsteht. Sie erläuterten anschließend die Maßnahmen der Regierung, um sich darauf vorzubereiten. „Keiner kann genau sagen, was in nächsten Wochen kommt,“ so der Gesundheitsminister. Die Ärzte und Pflegekräfte „bereiten sich auf die wohl größte Herausforderung in 75 Jahren vor“ – die Politik sei „im Krisenmodus“.

Gegenwärtig arbeitet die Regierung daran, ihre Krankenhauskapazitäten zu erhöhen, um sich auf einen Anstieg der COVID-19-Patienten vorzubereiten. Auch Tests wurden ausgeweitet: in der letzten Woche wurden von medizinischem Fachpersonal rund 360.000 Tests durchgeführt. Spahn betonte auch die Bedeutung der derzeitigen Kontaktbeschränkungen, um die Infektionsketten zu verlangsamen. 

RKI-Präsident Wieler teilte mit, dass schätzungsweise 5.900 Menschen in Deutschland inzwischen wieder genesen sind. Allerdings gibt es noch immer mehr als 36.000 bestätigte Fälle in Deutschland. Er betonte, dass es noch zu früh sei, um zu beurteilen, ob sich der Anstieg der Infektionen durch die staatlichen Restriktionen verlangsamt. Zudem gibt es weiterhin starke regionale Unterschiede, wobei Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg am stärksten betroffen sind.

(Sarah Lawton | EURACTIV.de)

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WIEN

Ausgangssperre im virusgeplagten Tirol verlängert. Als die österreichische Infektionsrate am Donnerstagnachmittag auf 6.398 stieg, beschlossen die Behörden, die Ausgangssperre in Tirol, wo die politischen Versäumnisse zu einer massiven Verbreitung des Virus führten, bis zum 13. April zu verlängern. Die Staatsanwaltschaft eröffnete Ermittlungen gegen Tiroler Politiker wegen „Verdachts der fahrlässigen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten“.

Für ganz Österreich ist der 13. April ein magisches Datum: Die Regierung hat in der vergangenen Woche ihre restriktiven Maßnahmen bis zum diesjährigen Ostermontag verlängert. Doch angesichts der Zahlen stellen sich schon jetzt Beobachter die Frage, inwieweit sich das öffentliche Leben bis dahin wieder normalisieren kann. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) selbst hat damit begonnen, die Öffentlichkeit auf eine weitere Verlängerung vorzubereiten: “Wir werden nach Ostern in einer Phase sein, die der heutigen mehr ähnelt als dem Normalzustand.”

>> Mehr dazu: Ischgl: Österreichisches Skiparadies als Corona-Hotspot

(Philipp Grüll | EURACTIV.de)

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MADRID

Spanien gibt fehlerhafte Testkits an China zurück. Die chinesische Botschaft in Spanien teilte am Donnerstag mit, dass die spanische Regierung eine Charge von fehlerhaften COVID-19-Testkits von einer nicht autorisierten chinesischen Firma gekauft habe.

„Die Spezifikationen der Charge stimmten nicht mit der mitgelieferten Qualitätszertifizierung überein, was bedeutete, dass sie zurückgeschickt werden mussten und das Unternehmen sie ändern wird“, teilte der Leiter der Notfallabteilung für öffentliche Gesundheit in Spanien, Fernando Simon, mit.

Der spanische Verband der Mikrobiologen (SEIMC) warnte bereits zuvor, dass die Testkits in dieser Charge eine Genauigkeit von unter 30 Prozent aufweisen.

SEIMC-Sprecherin María del Mar Tomás erklärte gegenüber Efe: „Mit diesem Genauigkeitsgrad ist es unmöglich, sie routinemäßig einzusetzen.“

>> Mehr dazu: Spanien gibt fehlerhafte COVID-19-Testkits an China zurück

(EuroEFE.EURACTIV.es)

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LISSABON

Behandlung mit Malaria- und Ebola-Medikamenten. COVID-19 Patienten in Portugal können mit Malaria- und Ebola-Medikamenten behandelt werden, heißt es in einer neuen Vorschrift des Gesundheitsministeriums, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Derzeit wird der Einsatz der beiden Medikamente gegen das neue Coronavirus noch untersucht.

Die portugiesische Zentralbank schätzte am Donnerstag, dass das portugiesische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie in einem Basisszenario um 3,7 Prozent und in einem negativen Szenario um 5,7 Prozent sinken wird. Die Arbeitslosenquote wird voraussichtlich über die zehn Prozent-Marke steigen.

Portugal meldete am Donnerstag insgesamt 60 Todesfälle durch COVID-19, 17 mehr als am Mittwoch. Laut dem jüngsten epidemiologischen Bulletin der Generaldirektion für Gesundheit gibt es derzeit 3.544 bestätigte Corona-Infektionsfälle in dem südeuropäischen Land. 

(Margarida Pinto, Lusa.pt)

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PARIS

Französische Wirtschaft im Straucheln. Die französische Wirtschaftstätigkeit ist laut INSEE um 35 Prozent rückläufig.

Das Institut de Conjoncture schätzt, dass die französische Wirtschaft nach einem Monat der Ausgangsbeschränkungen drei Punkte des jährlichen BIP verlieren würde. Zwei Monate Ausgangssperre würden zu einem Rückgang von sechs Punkten führen. Diese Schätzungen „entsprechen dem beobachteten Rückgang des Stromverbrauchs in Frankreich, der derzeit etwa 20 Prozent unter dem normalen Niveau liegt.”

 (EURACTIV.FR)

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BRÜSSEL

Sondervollmachten genehmigt. Nachdem die wichtigsten politischen Parteien Anfang des Monats die Pattsituation bei der Regierungsbildung durchbrochen und sich darauf geeinigt hatten, der Regierung unter Premierministerin Sophie Wilmes für die nächsten sechs Monate Sondervollmachten zur Bewältigung der Coronavirus-Gesundheitskrise einzuräumen, hat das belgische Parlament den Gesetzentwurf mit 104 Ja- und 8 Nein-Stimmen (PTB) angenommen. 16 Enthaltungen gab es von der Partei Vlaams Belang.

(Alexandra Brzozowski | EURACTIV.com)

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ROM

Nicht geschütztes Gesundheitspersonal. Seit dem Beginn des COVID-19-Ausbruchs zahlen die italienischen Gesundheitsexperten einen hohen Preis. 41 Ärzte sind an dem Virus gestorben und insgesamt 6.205 Mitarbeiter des Gesundheitswesens haben sich bisher infiziert. 

„Die Daten, die unseren Beruf betreffen, sind wesentlich schlechter als die in China, wo die Zahl der infizierten Ärzte bei 3.300 lag und 23 Tote zu beklagen waren“, schrieb Filippo Anelli vom nationalen Ärzteverband in einem Brief, der im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

Dies wäre weitgehend vermeidbar gewesen, wenn das Gesundheitspersonal ordnungsgemäß informiert und mit angemessener persönlicher Schutzausrüstung (PSA) wie Masken, Handschuhen, Einwegkitteln und Schutzvisieren ausgestattet worden wäre, heißt es in dem Schreiben.

(Gerardo Fortuna | EURACTIV.com)

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ATHEN

Mitsotakis für Corona-Bonds. Bei der virtuellen Tagung des Europäischen Rates am Donnerstag, dem 26. März, bekräftigte der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis seine Unterstützung für die Ausgabe von Euro-Anleihen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie.

Laut Mitsotakis machen die neun Länder, die einen Brief mit der Forderung nach den Corona-Bonds unterzeichnet haben, 57 Prozent des BIP der Eurozone aus.

Mitsotakis betonte die Notwendigkeit, dass Europa mutige Initiativen ergreifen müsse, und verwies darauf, dass die Vereinigten Staaten ein wirtschaftliches Hilfspaket in Höhe von zwei Billionen Dollar angekündigt hätten.

(Sarantis Michalopoulos)

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HELSINKI

Politische Parteien sind uneins über COVID-19-Maßnahmen. Eine vom finnischen Rundfunk in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, dass 49 Prozent der BürgerInnen die Maßnahmen der Regierung im Umgang mit dem Coronavirus für rechtzeitig und angemessen halten. 46 Prozent der Befragten gaben sogar an, dass die Einschränkungen strenger hätten sein können.

Zwischen den Altersgruppen gab es keine wesentlichen Meinungsverschiedenheiten. Allerdings schien die Parteizugehörigkeit eine große Rolle zu spielen. Von den Anhängern der populistischen Finnischen Partei erhofften sich 75 Prozent schärfere Maßnahmen. Von den Wählern der Linksallianz hingegen teilten nur 29 Prozent diese Ansicht. Weder die Grünen (34 Prozent) noch die Sozialdemokraten (32 Prozent) waren besonders an weiteren Einschränkungen interessiert.

(Pekka Vänttinen | EURACTIV.com)

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WARSCHAU

Parlament stimmt online ab. Da es nun 1.221 Fälle von bestätigten Coronavirus-Infektionen und 16 Todesfälle in Polen gibt, stimmte die untere Kammer des Parlaments für eine Änderung ihrer Geschäftsordnung: bis zum 30. Juni kann das Parlament online abstimmen. Das Parlament wird über die „Anti-Krisen-Maßnahmen“ der Regierung abstimmen, die 212 Milliarden PLN (etwa 47 Milliarden Euro) für Lohn- und Steuervergünstigungen umfassen. 

(Łukasz Gadzała | EURACTIV.pl)

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BRATISLAVA 

Düstere Lage für Unternehmen. Ein Drittel der Unternehmen gibt an, dass sie aufgrund von Coronavirus-Beschränkungen ihre Tätigkeit eingestellt und ihre einzige Einnahmequelle verloren haben, wie eine neue Umfrage des Verbandes junger Unternehmer der Slowakei ergab. 37 Prozent der Unternehmen werden sicherlich ihre Mitarbeiter entlassen oder in Teilzeitbeschäftigung wechseln, geht aus der Umfrage hervor. Fast 60 Prozent geben an, dass sie nur einen Monat lang Löhne und Rechnungen bezahlen können.

(Zuzana Gabrižová | EURACTIV.sk)

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PRAG

Notfallhilfe. Die Tschechische Republik hat angeboten, 10.000 Schutzanzüge für medizinisches Personal an Italien und Spanien zu spenden. „Wir können es uns leisten, und sie brauchen es dringend“, sagte Innenminister Jan Hamáček. Die Tschechische Republik verfügt derzeit über etwa 250.000 dieser Anzüge, und weitere seien auf dem Weg. 

Andererseits weigerte sich die tschechische Regierung, Militärärzte nach Südeuropa zu schicken. „Sie werden zu Hause gebraucht. Sie helfen und werden dies auch in Zukunft tun. Die tschechische Armee ist ein wichtiger Teil unseres Kampfes gegen den Ausbruch des Coronavirus“, schrieb Verteidigungsminister Lubomír Metnar auf Twitter.

(Lukáš Hendrych | EURACTIV.cz)

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SOFIA

Der Staat wird einige Medien unterstützen. Die bulgarische Regierung plant, ihre Unterstützung auf die von den Maßnahmen gegen COVID-19 betroffenen Medien auszudehnen. Der Staat wird 60 Prozent der Gehälter der Medien zahlen, die aufgrund der Krise Personal abbauen mussten. Bevor die Ideen der Regierung bekannt wurden, forderte einer der reichsten Bulgaren, Kirill Domuschiev, den Staat auf, den Medien zu helfen. 

Vor einem Jahr kaufte er einen der beiden größten privaten Fernsehsender des Landes – Nova TV. Im März erholte sich der Geschäftsmann innerhalb von zwei Wochen von einer COVID-19-Infektion, nachdem er sich in Frankreich angesteckt hatte.

(Krassen Nikolov | EURACTIV.bg)

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ZAGREB    

Rückführung von Soldaten. Kroatien wird seine Truppen, die ihre Dienstzeit in Afghanistan im Rahmen der NATO-Friedensmission „Resolute Support“ beendet haben und deren Rückkehr sich wegen der Coronavirus-Pandemie vorübergehend verzögert hat, zurückführen, berichtete Hina.

Premierminister Andrej Plenkovic betonte am Donnerstag zudem, dass Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie ergriffen würden. Er wies darauf hin, dass Quarantäne und Isolation für die Verhinderung der Ausbreitung der Krankheit unerlässlich seien.

„In Kroatien befinden sich 32.000 Menschen in Selbstisolierung“, sagte Plenkovic, „alles, was wir tun, ist im Interesse der Gesundheit und der Sicherheit unserer Bürger“.

(Karla Junicic, EURACTIV.hr)

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[Bearbeitet von Sarantis Michalopoulos, Daniel Eck, Benjamin Fox und Britta Weppner]

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