Brexit & Pandemie: Stürmische Zeiten für französisches Fähr-Unternehmen

Trotz der Schwierigkeiten hat das Unternehmen Brittany Ferries in diesem Jahr sein neustes und größtes Schiff, die 215 Meter lange "Galicia", eingeweiht. [Brittany Ferries]

Brexit, globale Pandemie, und nun auch noch die in Großbritannien aufgetretene neue Variante des Coronavirus: Seit Monaten häufen sich die schlechten Nachrichten für das französische Fährunternehmen Brittany Ferries. Die Firma hofft nun auf weitere Unterstützung durch den französischen Staat. EURACTIV Frankreich berichtet.

Angesichts der kaum kontrollierbaren Ausbreitung der neuen Variante von SARS-CoV-2 hatte der britische Premierminister Boris Johnson am Montagabend einen strikten Lockdown im Vereinigten Königreich angekündigt. Für die Britinnen und Briten dürften demnach bis (mindestens) Mitte Februar strikte Auflagen und Einschränkungen gelten – genug, um Britanny Ferries noch weiter in die Krise zu stürzen.

Seit dem britischen Referendum über die EU-Mitgliedschaft 2016 hat die französische Reederei nahezu 115 Millionen Euro „allein aufgrund der Pfund-Euro-Wechselkurse verloren“, so der Vorsitzende des Unternehmens, Jean-Marc Roué, kürzlich auf einer Pressekonferenz.

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Das Schicksal des bretonischen Unternehmens, dessen Hauptsitz sich in Roscoff befindet, hing schon immer von den britisch-französischen Beziehungen ab. Tatsächlich wurde das Unternehmen erst nach dem Beitritt des Vereinigten Königreichs zum gemeinsamen europäischen Markt im Jahr 1973 aus der Taufe gehoben.

Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die französische Bretagne zum „Freiluftlabor“ für eine produktions- und exportorientierte Landwirtschaft geworden. Brittany Ferries zeichnete später für einen Großteil der Exporte bretonischer Agrarprodukte über den Kanal verantwortlich. Das allererste Frachtschiff der Flotte wurde auf den Namen „Kersinel“ getauft – nach einem Hof in der Westbretagne, der für seinen Blumenkohl bekannt ist.

Schnell erweiterte das Unternehmen sein Angebot und beförderte bis Ende der 1970er Jahre sowohl Gemüse als auch Passagiere. Die Flotte wuchs von Jahr zu Jahr und besteht heute aus zwölf Schiffen, die Frankreich mit England, Irland und Spanien verbinden.

Schwarzes Jahr 2020

Die goldenen Tage von Brittany Ferries scheinen jedoch vorbei zu sein. Die Unsicherheiten rund um den Brexit wurden durch die Coronavirus-Krise seit vergangenem Frühjahr noch verstärkt. Der Handel wurde massiv ausgebremst.

„Seit dem 17. März befindet sich das Unternehmen im Überlebensmodus und hat im Jahr 2020 rund 50 Prozent seines Umsatzes eingebüßt,“ erklärte Roué. Von den sonst üblichen rund 2,5 Millionen Passagieren konnte Brittany Ferries in diesem Jahr nur 700.000 begrüßen.

„Wir profitieren von einem staatlich garantierten Kredit, den wir noch nicht ganz ausgeschöpft haben. Dadurch konnten wir Zahlungsausfälle vermeiden. Dieser Kredit ist aber eine Schuld, und wir müssen ihn zurückzahlen,“ fügte der Vorsitzende des Unternehmens hinzu.

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Es ist nicht der erste Sturm, den die Reederei überstehen muss. Bereits in den 1970er-Jahren verlor sie zwei Schiffe, die im Hafen von Saint-Malo nach Maschinenproblemen auf Grund liefen. Später blockierten lokale Fischer aus Protest die Einfahrt des neuen Schiffs Coronouaille während der Jungfernfahrt im Hafen von Roscoff.

Dennoch markiert das Jahr 2020 „die schlimmste Krise in der Geschichte“ des Unternehmens, so die Geschäftsführung.

Auch das in letzter Minute geschlossene Handelsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU hat die Sorgen kaum gemildert: „Wir werden nicht vor Freude platzen. Schließlich befinden wir uns weiterhin in einer doppelten Krise: COVID-19 und Brexit,“ sagte Roué am Weihnachtstag gegenüber der regionalen Tageszeitung Ouest-France.

Der Chef von Brittany Ferries hofft, dank eines Vertrags mit dem britischen Verkehrsministerium die Position halten oder sogar die Frequenz der Fährverbindungen erhöhen zu können.

Er baut außerdem auf weitere Unterstützung von Seiten der französischen Regierung. Als der französische Landwirtschaftsminister Julien Denormandie am vergangenen Dienstag den Hafen von Ouistreham im Département Calvados besuchte, betonte der Brittany-Ferries-Geschäftsführer die Wichtigkeit eines „Recovery Plans im Einklang mit den Bedürfnissen“ der Seefahrer im Ärmelkanal.

Die Bedürftigkeit ist ähnlich groß wie die potenziellen Auswirkungen im Falle einer Pleite: Brittany Ferries ist heute der wichtigste Arbeitgeber für französische Seeleute. Nicht weniger als 6.800 direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen von dem Unternehmen ab, insbesondere in der Bretagne.

Während die Mehrheit der Passagiere aus England kommt – 87 Prozent im Jahr 2019 – sind mehr als die Hälfte der Angestellten an Land (also ohne das Schiffspersonal) in Frankreich im Einsatz.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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