Studie: Jeder zweite lehnt weitere Immigration ab

Der Ausländeranteil in Deutschland beträgt 12 Prozent, ist im vergangenen Jahrzehnt aber stark gewachsen. [Fritz12/ Shutterstock]

Eine Studie hat die Einstellung der Deutschen zu Ausländern analysiert – vor und nach dem „Flüchtlingskrise“ von 2015. Die Aufnahmebereitschaft hat seitdem gelitten, denn viele sehen Immigration durchaus als Chance.

Deutschland ist ein Einwanderungsland – oder nicht? Diese Frage, angefacht im Migrationsjahr 2015, dominiert seitdem die deutsche Politik wie kaum ein anderes Thema. Profitieren tut davon vor allem die Alternative für Deutschland (AfD), die trotz stark zurückgegangener Asylzahlen noch immer regelmäßig vor Überfremdung warnt und sich auf gute Wahlergebnisse bei an am Sonntag anstehenden Wahlen in Sachsen und Brandenburg einstellt.

Doch wie steht es wirklich um die Willkommenskultur in der Bundesrepublik? Und wie hat sie sich in den vergangenen Jahren verändert? Dieser Frage ist eine Langzeitstudie der Bertelsmann-Stiftung nachgegangen, deren Ergebnisse gestern 29. August publiziert wurden. Dazu wurden über 2000 Personen befragt und die Ergebnisse mit vergleichbaren Umfragen der vergangenen sieben Jahre verglichen. Es zeigt sich ein unklares Bild. „Die Wahrnehmung von Immigration ist ambivalent, denn das Thema ist ja nicht schwarz und weiß. Die Menschen sehen darin sowohl Chancen als Risiken“, fasst Orkan Kösemen, einer der Verfasser der Studie, für EURACTIV zusammen.

Integration durch Sprache

Fünf Jahre ist es her, dass sich die Gründer von „Teachers on the Road“ zum ersten Mal auf den Weg in fünfzig Flüchtlingsheime in Rheinland-Pfalz machten. Seitdem ist viel passiert – nicht immer zum Besseren.

Demnach sind zwei Drittel der Bevölkerung der Ansicht, Einwanderer seien bei ihnen vor Ort willkommen. 65 Prozent der Befragten sehen darin eine Chance für die Wirtschaft, die seit Jahren über leere Ausbildungsplätze und Fachkräftemangel klagt. Denn Deutschland spürt schon jetzt den demografischen Wandel, Unternehmen suchen oft händeringend nach Nachwuchs. Ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das Anfang 2020 in Kraft tritt, soll gezielt qualifizierte Ausländer nach Deutschland locken. Die Deutschen seien sich den wirtschaftlichen Chancen von Immigration klar bewusst, meint Kösemen, machten aber einen Unterschied zwischen Arbeitsmigranten und Geflüchteten. Gleichzeitig heißen 64 Prozent der Teilnehmer Migranten willkommen, um der Überalterung der Gesellschaft vorzubeugen.

Vielfalt muss man lernen

Doch es herrscht auch Skepsis, denn die Aufnahmebereitschaft vieler Deutscher ist im Migrationsjahr 2015 strapaziert worden. Auf dem Höhepunkt der Immigrationsperiode in den Jahren 2015 und 2016 wuchs die Zahl der in Deutschland gemeldeten Ausländer um fast 1,9 Millionen Menschen an. Damit hat sich der Ausländeranteil – also jene Bürger ohne deutschen Pass – laut Eurostat in den letzten 10 Jahren um ca. 62 Prozent erhöht. Seitdem wächst die Offenheit für Immigration im Vergleich zu den Werten vor 2015 nur langsam wieder an. Denn heute findet immerhin jeder zweite Deutsche, dass das Land keine weiteren Geflüchteten mehr aufnehmen könne, weil die Belastungsgrenze erreicht sei. Vor der „Flüchtlingskrise“ lag der Wert der Migrationskritiker nur bei 40 Prozent.

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Weit verbreitet ist vor allem die Sorge, dass Migranten die Sozialsysteme belasten. 71 Prozent der Befragten sind dieser Ansicht, und gut zwei Drittel sehen darüber hinaus die Gefahr, dass es zu Konflikten zwischen Eingewanderten und Einheimischen kommt. Dabei finden die Autoren der Studie teilweise große regionale Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Das hat unter anderem historische Grüne, erklärt Kösemen: „Es braucht Erfahrung im Umgang mit Immigration, die in Ostdeutschland teilweise noch fehlt. Auch in Westdeutschland hat man schließlich Jahrzehnte gebraucht, um sich als Einwanderungsland wahrzunehmen. Der Begriff ‚Willkommenskultur‘ ist der Öffentlichkeit erst seit einem guten Jahrzehnt bekannt.“

Und auch Bildung scheint bei der Einstellung zu Immigration eine Rolle zu spielen: „Personen mit geringerem Bildungsstand arbeiten oft in Berufen mit niedrigerem Einkommen. Da entsteht schnell die Sorge, dass neue Immigration den Wettbewerb im eigenen Lohnsektor verstärkt“, so Kösemen.

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Deutschland hat seit 2015 so viele Geflüchtete aufgenommen wie kein anderes europäisches Land. Im Vergleich hat die Bundesrepublik aber keineswegs die höchsten Ausländerzahlen in der EU. So lebten Ende des Jahres 2018 ca. 10,92 Millionen Ausländer in Deutschland, das entspricht laut statistischem Bundesamt 12,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Vergleich dazu liegt der Wert in Österreich bei 15,7 Prozent, in Irland bei knapp zwölf und in Frankreich bei sieben Prozent.

„Deutschland ist ein Land, das seit jeher Einwanderung erlebt hat. Das anzuerkennen ist nur realistisch“, meint Kösemen. Länder wie Kanada zeigten, dass man Leben in Vielfalt erlernen kann.

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