Schweden: Neue Nachtzüge nach Hamburg und Brüssel

Die schwedische Hauptstadt Stockholm soll per Nachtzug mit Hamburg verbunden werden. [Photo: Shutterstock]

Die schwedische Regierung hat am vergangenen Donnerstag angekündigt, man wolle die Großstädte Stockholm und Malmö künftig per Nachtzug mit Hamburg und Brüssel verbinden. Einmal mehr scheint es, als ob Nachtzüge in Europa ein Revival feiern könnten.

Die nationale Transportbehörde Schwedens ist von der sozialdemokratisch-grünen Regierung beauftragt worden, neue Schlafwagen zu beschaffen und Fahrpläne für zwei getrennte Strecken zu organisieren, die zwischen der schwedischen Hauptstadt Stockholm und Hamburg sowie zwischen Malmö und Brüssel verkehren sollen.

Die täglichen Verbindungen sollen Mitte 2022 in Betrieb genommen werden.

Finanzminister Per Bolund, dessen Regierung in ihrem Herbsthaushalt fast 30 Millionen Euro für den Zugverkehr bereitgestellt hat, sagte, derartige Verbindungen böten „eine Möglichkeit, Europa auf die wirklich nachhaltigste Art und Weise zu entdecken“.

Nach Abschluss einer Bewertung im April war die schwedische Transportbehörde zu dem Schluss gekommen, dass Nachtzugverbindungen durch das praktisch ausgelastete deutsche Streckennetz nicht durchführbar, ein Fahrt-Endziel in Hamburg aber machbar sei.

Deutsche Bahn sieht in Klimapaket größtes Investitionsprogramm in Bahngeschichte

Die Deutsche Bahn hat die Beschlüsse des Klimakabinetts als „hervorragende Nachrichten für die Eisenbahn in Deutschland und ihre Kunden“ begrüßt.

Nachtzüge erfreuen sich aktuell zunehmender Beliebtheit. Dies könnte neben einem gestiegenen Klimabewusstsein auch auf eine coronavirusbedingte Wertschätzung für Reisen zurückzuführen sein, bei denen das physische Abstandhalten etwas leichter gemacht wird.

Die Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Europäischen Parlaments, Karima Delli, kommentierte gegenüber EURACTIV.com, der schwedische Plan sei ein „willkommener Schritt vorwärts“.

Sie fügte hinzu: „Ich hoffe, dass dies nur der Anfang eines umfassenden Trends ist und freue mich auf ähnliche Initiativen in allen EU-Mitgliedsstaaten.“

Weitere Nachtzug-Verbindungen

Unbegründet ist diese Hoffnung nicht: Am vergangenen Donnerstag kündigte der französische Verkehrsminister Jean-Baptiste Djebbari an, als Teil der von der Regierung diskutierten Rettung des staatlichen Bahnunternehmens SNCF solle eine Nachtzugverbindung zwischen Paris und Nizza „wiederbelebt“ werden. Die Route war 2017 eingestellt worden.

Die tschechische Bahn hat vor kurzem eine Direktverbindung von Prag in die kroatische Küstenstadt Rijeka aufgenommen, die durch insgesamt fünf Länder führt – darunter die Slowakei, Ungarn und Slowenien. Die Verbindung hat sich bei Touristen auf dem Weg ans Meer als äußerst beliebt erwiesen.

Anfang des Jahres wurde darüber hinaus eine neue Nachtzugverbindung zwischen Wien und Brüssel eröffnet. Aufgrund der Pandemie und strenger Quarantänemaßnahmen in den beiden Ländern wurde das Angebot allerdings vorübergehend eingestellt.

Grüne wollen innerdeutsche Flüge bis 2035 abschaffen

Die Grünen fordern, schrittweise eine Kerosinsteuer einzuführen und parallel der Bahnverkehr deutlich auszubauen. Eine europäische Lösung für die Besteuerung von Flügen bleibt weiterhin außer Sichtweite.

Anfang Juni hatte die Interessenvertretung für Nachtzüge Back on Track Belgium die Abgeordneten des Europäischen Parlaments sowie belgische Politikerinnen und Politiker dazu aufgerufen, sich dafür einzusetzen, dass Brüssel zum „europäischen Knotenpunkt“ für den Nachtzugverkehr wird. Man könne in dieser Hinsicht von Brüssels zentraler Lage im europäischen Schienennetz und auch von der großen internationalen Community in der Stadt profitieren.

Nach den Vorstellungen der Gruppe könnte es neue Verbindungen aus der belgischen Hauptstadt nach Barcelona, Venedig, Warschau, Prag, Malmö (wie nun auch von der schwedischen Regierung anvisiert) und in weitere Städte geben. Darüber hinaus bleibt auch das Vereinigte Königreich dank der Eurostar-Verbindung durch den Ärmelkanal in unmittelbarer Nähe der westlichen EU-Staaten.

„Jahr der Schiene“

Die EU-Abgeordnete Delli fügte im Gespräch mit EURACTIV.com hinzu, es sei „im Vorfeld des Europäischen Jahres der Schiene von großer Bedeutung, Projekte zu starten oder wiederzubeleben, die den CO2-Ausstoß in der gesamten EU senken“. Laut aktuellen Schätzungen stoßen Nachtzüge pro Passagierkilometer bis zu 14-mal weniger Schadstoffe aus als Flugzeuge.

Anfang 2020 hatte die Europäische Kommission vorgeschlagen, das Jahr 2021 zum „Jahr der Schiene“ in der EU zu erklären. Man wolle als Teil des Green Deal den Zugverkehr als nachhaltige Verkehrsoption fördern.

2021 soll das "Jahr der Schiene" werden

Die EU-Kommission hat mitgeteilt, dass der Zugverkehr im Jahr 2021 als Teil des europäischen Green Deals besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten soll.

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) unterstützte am vergangenen Mittwoch diesen Vorschlag der Kommission und drängte die EU-Exekutive, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um „mehr Sichtbarkeit“ für die Bahn zu schaffen und den Personenverkehr weiter zu verbessern.

EWSA-Mitglied Alberto Mazzola erklärte, es biete sich außerdem die Gelegenheit, „die Attraktivität einer beruflichen Laufbahn in der Bahnbranche besser zu vermitteln, insbesondere an junge Europäerinnen und Europäer gerichtet.“

In einer Stellungnahme des EWSA wird auch die frühere Forderung mehrerer EU-Abgeordneter wieder aufgenommen, Bürgerinnen und Bürgern der EU zu ihrem 18. Geburtstag kostenlose Bahn-Tickets zu schenken, um so das Interesse an Bahnreisen sowie an der EU und ihren Ländern an sich zu stärken.

Politisch konkreter könnte es im kommenden Jahr werden: 2021 ist das erste Jahr, in dem die EU-Mitgliedsstaaten die Regeln des Vierten Eisenbahnpakets vollständig umgesetzt haben sollen.

Allerdings: Mehrere Länder müssen den Prozess noch abschließen; 13 haben bereits Verlängerungen beantragt.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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