Rettungsdienste ohne/mit Grenzen

Eigentlich sollte die Pandemie eindringlich daran erinnert haben, dass Krisen, Krankheiten und Unfälle nicht an Grenzen Halt machen. [Lakiere Christie_Shutterstock]

Im Rahmen des europäischen Projekts Inter’Red arbeiten mehrere französische, deutsche, belgische und luxemburgische Rettungsdienste zusammen, um im Notfall schnell handeln zu können. Grenzschließungen aufgrund der Pandemie würden diese Kooperation deutlich erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Eigentlich sollte spätestens die Pandemie eindringlich daran erinnert haben, dass Krisen, Krankheiten und Unfälle nicht an Grenzen Halt machen. In Lothringen (Frankreich), dem Saarland und Rheinland-Pfalz (Deutschland), Wallonien (Belgien) sowie dem Großherzogtum Luxemburg hatten die Rettungsdienste bereits zuvor beschlossen, ihre Kräfte in einem gemeinsamen Kooperationsgebiet zu bündeln.

„Die meisten unserer Einsätze umfassen Brände, Überschwemmungen und Autounfälle,“ erklärt Emilie Schwartz, Beraterin für grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Feuerwehr- und Rettungsdienst des französischen Départements Moselle. „Wir hatten schon immer einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit unseren Nachbarn. In der Vergangenheit waren unsere Beziehungen allerdings zwar freundlich, aber informell. Inzwischen treffen wir uns sehr regelmäßig – normalerweise mehr als vierzig Mal im Jahr – und teilen uns die Einsätze.“

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In einer Solidaritäts-Aktion wurden Löschflugzeuge, Helikopter und Feuerwehrleute aus ganz Europa entsandt.

Das Projekt Inter’Red wurde im Jahr 2018 ins Leben gerufen. Es wird größtenteils aus EU-Mitteln finanziert und bringt mehrere Rettungsdienste der Großregion zusammen.

Nach einer eingängigen Kartierung verschiedener Risiken werden inzwischen Ausrüstung gemeinsam genutzt sowie Ausbildung und Einsätze gemeinsam durchgeführt. „Um das Ganze offiziell zu machen, haben wir sogar eine Partnerschaft für die Unterbringung während einzelner Trainings ins Leben gerufen,“ so Schwartz. Die Aufgaben gingen somit inzwischen weit über einfache „Besuche unter Nachbarn“ hinaus.

Seitdem das Projekt gestartet wurde, mussten die Rettungsdienste bereits mehrfach eng zusammenarbeiten: Unter anderem bei Großbränden in der Industrie, aber auch bei Unfällen – vor allem auf der A31, einer stark befahrenen Autobahn entlang der luxemburgischen Grenze. Je nach genauem Unfallort gehen Notrufe von dort bei unterschiedlichen Telefonzentralen der nationalen Rettungsteams ein.

Die Zusammenarbeit klappt meist tadellos – wie beispielsweise im Sommer 2019, als die Feuerwehr der französischen Gemeinde Freyming-Merlebach bei sengender Hitze mit einem Tankwagen zu den saarländischen Kolleginnen und Kollegen fuhr, deren Löschwasservorräte erschöpft waren.

Grenzschließungen

Die grenzüberschreitenden Rettungsteams haben also Erfahrung in Katastrophensituationen. Doch die Coronavirus-Pandemie stellt auch sie vor große Herausforderungen: Der persönliche Austausch, der im Frühjahr aufgrund der Grenzschließungen komplett ausgesetzt werden musste, konnte inzwischen allmählich wieder aufgenommen werden, „aber weiterhin meist nur per Bildschirm“, bedauert Schwartz.

"Als ob das Virus an der Grenze Halt machen würde"

Der EU-Rat hat heute über den Grenzschutz zwischen den Mitgliedsländern während der Pandemie diskutiert und sich auf gemeinsame Reiserichtlinien verständigt. Es ist ein heikles Thema, insbesondere für die Bevölkerung in Grenzgebieten, die unter den Grenzschließungen während der Lockdowns leiden musste.

Aktuell sorge sie sich insbesondere, dass es schlimmstenfalls erneut zu Grenzkontrollen und sogar -schließungen innerhalb der Großregion kommen könnte. Um der Verbreitung von Viren-Mutationen entgegenzuwirken, hat Berlin schließlich seit Sonntag wieder Kontrollen an den Grenzübergängen zu Tschechien und dem österreichischen Bundesland Tirol eingeführt. Es scheint daher nicht undenkbar, dass Kontrollen auch auf das Département Moselle und Luxemburg ausgeweitet werden könnten – zwei Gebiete, in denen die sogenannten „brasilianischen“ und „südafrikanische“ Varianten aufgetreten sind.

Die weitere Offenhaltung der Straßenverbindungen und die Möglichkeit zum persönlichen Kontakt ist laut Schwartz jedoch „unerlässlich, erst recht bei Rettungseinsätzen“.

Um zu betonen, wie wichtig die Zusammenarbeit inzwischen ist, verweist sie auf eine Partnerschaft zwischen den medizinischen Zentren im französischen Forbach und in Saarbrücken. Diese ermöglicht es, Patientinnen oder Patienten aus der Region Forbach, die einen akuten Herzinfarkt erleiden, zur Notfallbehandlung ins spezialisierte Klinikum im nahegelegenen Saarbrücken zu verlegen.

Schwartz warnt: „Bei einer Wiedereinführung von Grenzen und ohne einen speziellen ‚Sanitätsdienstkorridor‘ müssten unsere Rettungsdienste solche Personen künftig nach Metz bringen.“

Die Hauptstadt des Départements liegt rund 35 Autominuten entfernt.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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