Post-Brexit Arbeitskräftemangel könnte britische Landwirtschaft „dauerhaft“ schädigen

Die Brexit-Befürworter:innen argumentierten, dass der Austritt aus der EU und ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik es dem Vereinigten Königreich ermöglichen würde, die finanzielle Unterstützung auf die Bedürfnisse seiner Landwirt:innen anzupassen und möglicherweise zu mehr Selbstversorgung mit Lebensmitteln zu führen. Allerdings importiert das Vereinigte Königreich derzeit knapp  50 Prozent seines Bedarfs an Lebensmitteln. [Shutterstock/Vicente Garces Custode]

Der durch den Brexit verursachte und durch die Corona-Pandemie verschärfte Arbeitskräftemangel hat Unternehmen im gesamten Lebensmittel- und Landwirtschaftssektor im Land schwer getroffen und könnte „dauerhafte“ Schäden verursachen, so das britische Parlament in einem am Mittwoch (6. April) veröffentlichten Bericht.

„Wenn nicht schnell eine Lösung gefunden wird, droht der Sektor dauerhaft zu schwinden, mit einer Kettenreaktion von Lohnerhöhungen und Preissteigerungen, die die Wettbewerbsfähigkeit verringern und dazu führen, dass die Lebensmittelproduktion ins Ausland abwandert und die Importe zunehmen“, so die Abgeordneten des Ausschusses für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten des britischen Parlaments.

Sie fügten hinzu, dass die Regierung den Landwirtschaftssektor um Hilfe gebeten habe und dass der Arbeitskräftemangel die Lebensmittelsicherheit, das Tierschutzniveau und die psychische Gesundheit derjenigen, die in diesem Sektor beschäftigt sind, beeinträchtige.

Die Abgeordneten waren auch „frustriert über die mangelnde Bereitschaft der Regierung, mit der Branche über den Arbeitskräftemangel zu sprechen“, und erklärten, dass „die Minister trotz tapferer Versuche der Branche die Probleme nicht verstanden und sogar versuchten, die Schuld auf die Branche abzuwälzen.“

Der Bericht stellte fest, dass ein Mangel an Metzger:innen dazu führte, dass 35.000 Schweine gekeult werden mussten, weil sie nicht verarbeitet werden konnten, während insgesamt 150.000 Tiere nicht wie geplant geschlachtet werden konnten, was weitere Kosten verursachte.

„Im Jahr 2021 sahen sich die Landwirt:innen mit einer außergewöhnlichen Situation konfrontiert: Die Ernte verfaulte auf den Feldern, und gesunde Schweine wurden gekeult, weil es an Arbeitskräften fehlte“, sagte der konservative Abgeordnete Neil Parish, der den Ausschuss leitet.

Der Ausschuss hörte Beweise dafür, dass ein beträchtlicher Teil der Obst-, Gemüse- und Blumenkulturen nicht geerntet wurde, weil nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen.

Auch die von der Regierung vorgenommenen Änderungen der Einwanderungsbedingungen, die Einführung eines Punktesystems und eines hohen Mindestlohns, haben laut dem Bericht dem Agrarsektor geschadet.

Europäische Saisonarbeiter:innen, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen, müssen nun eine Arbeitsgenehmigung beantragen, um ins Vereinigte Königreich zu kommen, was zu einem erheblichen Rückgang der Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte geführt hat. In dem Bericht wird eine Überprüfung der Regelung zur Erteilung von Facharbeitervisa gefordert.

Parish, ein ehemaliger Europaabgeordneter und selbst Bauer, fügte hinzu, dass die Minister:innen „die verfügbaren Befugnisse – einschließlich der Einwanderungspolitik – nutzen müssen, um den Sektor zu unterstützen. Andernfalls werden wir unsere Lebensmittelproduktion ans Ausland verlieren und mehr Lebensmittel importieren.“

Die Brexit-Befürworter:innen argumentierten, dass der Austritt aus der EU und ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik es dem Vereinigten Königreich ermöglichen würde, die finanzielle Unterstützung auf die Bedürfnisse seiner Landwirt:innen anzupassen und möglicherweise zu mehr Selbstversorgung mit Lebensmitteln zu führen. Allerdings importiert das Vereinigte Königreich derzeit knapp 50 Prozent seines Bedarfs an Lebensmitteln.

Die britische Landwirtschaft ist im ersten Jahr nach dem Austritt aus dem Binnenmarkt eines der Hauptopfer des Brexits, und die Kombination aus Preissteigerungen und Engpässen in der Lieferkette wird durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine, der bereits zu einem Anstieg der Futtermittelkosten geführt hat, noch verschärft werden.

Die National Farmers‘ Union hat sich darüber hinaus über die Gefahr beklagt, dass ihre Viehzüchter:innen, insbesondere im Lamm- und Rindfleischsektor, durch Importe aus Australien und Neuseeland unter den Bedingungen der neuen Handelsabkommen benachteiligt werden.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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