Mordserie in Hanau: „Wir sind nirgendwo sicher“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeieer und seine Frau Elke Buedenbender gedenken den Toten von Hanau. [GUIDO BERGMANN/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Ein Mann erschießt in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Am Tag danach herrschen in der hessischen Stadt Wut, Angst und Trauer. Von Helena Kaschel, Hanau.

Melissa Kaynak steht nachdenklich vor einem Kiosk mitten in Hanau. Schräg gegenüber liegt die Shisha-Bar „Midnight“ – abgesperrt mit Flatterband. Die Straße füllt sich allmählich immer mehr mit Journalisten und Passanten. An der gegenüberliegenden Straßenecke haben Menschen Blumensträuße und Kerzen abgelegt. Eine auffällige Ruhe liegt über dem Viertel mit seinen Kiosken, Imbissen und Spielhallen – eine Gegend, in der am Abend zuvor ein mutmaßlicher Rechtsextremist mehrere Menschen erschoss.

Die Sozialarbeiterin mit türkischen Wurzeln kam kurz nach der Tat das erste Mal zur Midnight-Bar, um ihren Bruder zu suchen, der manchmal hier ist. „Ich habe ihn nicht auf dem Handy erreicht und habe mir Sorgen gemacht. Deshalb bin ich hierhin gefahren.“ Zwischen Rettungs- und Polizeiwagen habe sie ein Mädchen getröstet, das unter Schock gestanden habe, und mit Augenzeugen gebetet, erzählt Kaynak.

Elf Tote nach Schüssen in zwei Shisha-Bars

Bei einem Attentat im hessischen Hanau sind am Mittwochabend mindestens neun Menschen getötet worden. Inzwischen wurde laut Medienberichten in einer Wohnung die Leiche des mutmaßlichen Täters zusammen mit einem Bekennerschreiben gefunden.

Neun Menschen hat der Täter am Mittwochabend erschossen – in der Shisha-Bar „Midnight“ und in einem Kiosk mit Bar in einem anderen Viertel von Hanau. Sechs weitere wurden verletzt. Die neun Todesopfer der beiden Attentate hatten einen Migrationshintergrund. Der mutmaßliche Täter – ein 43-jähriger Deutscher – und seine Mutter, wurden später in ihrer Wohnung ebenfalls erschossen aufgefunden. Laut Generalbundesanwalt Peter Frank hinterließ der Tatverdächtige Videobotschaften und eine Art Manifest, die eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ aufwiesen.

Ich möchte, dass in Deutschland etwas passiert“

Melissa Kaynak ist wütend. „Das war ein antimuslimischer, rassistischer Angriff, ein Angriff gegen Ausländer. Unschuldige Menschen mussten heute sterben und das verstehe ich nicht.“ Natürlich habe man jetzt mehr Angst, sagt die Sozialarbeiterin, die sich ehrenamtlich in der Jugendhilfe engagiert. „Ich möchte, dass in Deutschland endlich etwas passiert. Erst war Halle, jetzt das hier. Ich möchte, dass wir nicht übereinander, sondern miteinander sprechen und versuchen, schon Jugendliche und Kinder aufzuklären und mit ihnen über das Thema Rassismus zu sprechen – egal, ob es um Antisemitismus, Farbe, Religion, Kultur oder Herkunft geht. Ich möchte, dass wir das Thema gemeinsam auch in den Schulen und Universitäten und an Arbeitsplätzen besprechen.“

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Der Platz rund um die Shisha-Bar füllt sich mit jeder Minute mehr. Auch Mehmet Tanriverdi ist gekommen. Der stellvertretende Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland trägt einen Rosenstrauß, nähert sich langsam den Tatort, spricht leise mit Journalisten. Unter den Getöteten sind auch mehrere Kurden – rund 5000 von ihnen leben in der Stadt. „Wir sind fassungslos“, sagt Tanriverdi. Es sei schrecklich, was in Hanau passiert ist: „Wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass in einer offenen Stadt in einem Café soetwas stattfinden kann. Wir hoffen, dass das lückenlos aufgeklärt wird.“

Wir sollten keine Angst haben“

Zwar habe die kurdische Gemeinde zuletzt vermehrt Drohungen erhalten, diese hätten sich aber nicht gegen normale Bürger gerichtet. Er glaube auch nicht, dass es der Täter auf Kurden abgesehen habe. „Er hatte Hass gegen anders aussehende. Menschen aus der Türkei, aus Kurdistan, aus den arabischen Regionen.“

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Da es in jeder Stadt Fremdenfeindlichkeit gebe, könne eine Tat wie diese überall passieren – vor allem nach dem Attentat von Halle im Oktober, bei dem zwei Menschen wahllos erschossen wurden . „Wir sind nirgendwo sicher“, sagt Tanriverdi. Dennoch sollten die Menschen sich nicht aus dem öffentlichen Leben zurückziehen: „Wir sollten keine Angst haben. Wir sollten uns aufrecht gegen Rechtsradikalismus äußern, auf die Straße gehen, Flagge zeigen. Ich glaube, in allen Städten in Deutschland gibt es Mahnwachen und das ist sehr gut.“

Plötzlich setzt sich die inzwischen riesige Menge an Kamerateams, Fotografen und Schaulustigen in Bewegung. Bundesinnenminister Horst Seehofer trifft am Tatort ein. Während die Journalisten versuchen, einen guten Platz zu ergattern, schimpft eine junge Frau über die Menge. „Die vielen Kameras werden die Toten auch nicht zurückholen“, ruft sie, während sie sich – von den Fernsehteams unbemerkt – in einem Hauseingang bückt, um eine Kerze anzuzünden. Wie viele andere an diesem Tag möchte sie weder fotografiert werden, noch ihren Namen nennen.

„Rassismus ist Gift“

Seehofer stellt sich zwischen Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. An einem Fleckchen Grün, einem Baum vor der „Midnight Bar“, legen die Politiker Blumen und Kränze nieder. „Wir sind gekommen, um Anteil zu nehmen, sagt Seehofer.“Ich habe heute Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland angeordnet.“

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Man werde alles tun, um die Hintergründe der schrecklichen Tat aufzuklären und zu überlegen, welche Konsequenzen man daraus ziehen müsse, so Seehofer. Am Abend werde er deshalb mit allen Landesinnenministern darüber beraten, wie die Sicherheit vor allem bei öffentlichen Veranstaltungen und von sensiblen Einrichtungen gewährleistet werden könne. Seehofer wiederholt auch die Worte von Kanzlerin Angela Merkel, „Rassismus ist Gift“. Es sei wichtig, „mit aller Entschiedenheit den Gegnern der freiheitlichen rechtsstaatlichen Ordnung die Stirn zu bieten“.

Kameraüberwachung und abgeschlossene Türen?

Vor einem Dönerladen beobachten Ayse Tek und Mehmet Topan die Szene. Die 19-jährige Stundentin und der 27-jährige Fliesenleger hatten Glück: Sie besuchen das „Midnight“ regelmäßig. Tek hatte sich am Mittwochabend kurzfristig entschieden, nicht hinzugehen. Topan war erst am Dienstag in der Bar. „Gestern Abend habe ich zu Hause Playstation gespielt und auf einmal habe ich von einem Freund per Whatsapp eine Nachricht bekommen, dass jemand erschossen wurde. Das war für mich schon krass. Einen Tag vorher war ich ja noch da“, sagt der junge Mann.

Auf die Motive des mutmaßlichen Täters angesprochen sagt Ayse Tek – eine gebürtige Deutsche mit albanischen Wurzeln, sie habe sich heute in Hanau unwohl gefühlt. „Ich hab ich schon ein bisschen aufgepasst, wo ich entlang laufe. Man sieht ja, dass ich Ausländerin bin. Ich habe schwarze Haare, dunkle Augen, ich rede ein bisschen wie eine Ausländerin. Aber was soll man machen?“ Beide haben den Eindruck, dass die Ausländerfeindlichkeit in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen hat. „Ich finde es heute richtig extrem. Es hat sich verschlimmert. Manchmal hört man Aussagen wie ‚Geh in dein Land zurück‘.“

Nach der Tat haben beide Angst, in Bars zu gehen. „Ich finde, dass Shisha-Bars Kameras haben sollten und die Türen immer abgeschlossen sein sollten“, sagt Tek. Neben Sicherheitsmaßnahmen wünscht sich die 19-Jährige auch einen gesellschaftlichen Wandel – in einem Land, in dem die Liste der Städte, deren Name für immer mit fremdenfeindlichen Morden verknüpft sein wird – nun um einen Ort länger geworden ist: Hanau.

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