Mit zivilem Ungehorsam (und ohne Politik) den Planeten retten

Die Frage ist: Wie? [shutterstock_Halfpoint]

Ob direkte Aktionen oder ziviler Ungehorsam: Umweltschutzgruppen erneuern und erweitern ihr Repertoire des (gewaltlosen) Protests, um gegen die Erderwärmung anzukämpfen.

Mehrere Monate lang führte der Fernsehsender Arte eine groß angelegte Untersuchung zum Thema Umweltschutz durch. Unter dem Titel „Es ist an der Zeit“ konnten im Rahmen dieses Projekts mehr als 300.000 junge Menschen ihre Ansichten über die drohende Klimakatastrophe zum Ausdruck bringen.

Die Ergebnisse sind interessant: Um das Klima zu retten, sind demnach 82 Prozent der Befragten der Meinung, dass „radikale Maßnahmen erforderlich sind“.

27 Prozent sehen explizit die „Missachtung von Gesetzen zum Schutz der Umwelt“ als „notwendig“ sowie 38 Prozent als immerhin „akzeptabel“ an.

Wächst gerade eine radikalere Jugend heran?

Klimaaktivisten beginnen mehrtägige Blockade in Europas Städten

In 60 Städten auf der Welt finden heute Proteste von Klimaaktivisten statt. Die Bewegung „Extinction Rebellion“ hat angekündigt, Berlin eine Woche lang blockieren zu wollen.

Diese Annahme zu bestätigen scheint in jedem Fall die Zunahme der Zahl an Umweltschutzgruppen: In Frankreich sind insbesondere Extinction Rebellion, NVA-Cop21 und Alternatiba in den vergangenen Monaten durch direkte Aktionen und zivilen Ungehorsam aufgefallen und populär geworden.

In Deutschland kommen vor allem die Anti-Kohle-Bewegung Ende Gelände sowie die Aktivistinnen und Aktivisten im Hambacher Forst in den Sinn.

Ein weiterer Beleg dafür, dass radikalere Protestformen attraktiv sind: In Frankreich ist Anfang Oktober ein neues Kollektiv entstanden: Unter dem Namen La Ronce ruft diese weitgehend anonym auftretende Gruppe ihre Sympathisanten dazu auf, direkte Aktionen zu starten. Man wolle zu „Tausenden von Dornen in den Füßen der multinationalen Konzerne“ werden, die schließlich für die „Zerstörung von Leben“ verantwortlich sind.

Viele Anlässe

Flammenmeere in Kalifornien und Australien, Umweltminister Nicolas Hulot verlässt aus Protest die französische Regierung, Greta Thunberg startet ihren Schulstreik: Der Sommer 2018 markiert einen wichtigen Wendepunkt im globalen Kampf für das Klima.

Seitdem haben sich Umweltschutzgruppen überall mobilisiert: Demonstrationen und Petitionsunterzeichnungen waren insbesondere vor Ausbruch der Pandemie, sind aber auch heute auf der Tagesordnung.

Das gleiche gilt für radikalere Aktionen.

Hunderte Festnahmen bei Klimamaprotest in London

Bei einem Protest der Klimabewegung Extinction Rebellion in London hat die Polizei knapp 300 Personen festgenommen. Europaweit kommt es seit Monaten regelmäßig zu Klimamärschen, die bislang friedlich verliefen.

Der Philosoph Geoffroy de Lagasnerie erkennt in diesem Rückgriff auf direkte Aktion und zivilen Ungehorsam ein „Ohnmachtsgefühl“ der Jugend: „Wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, greifen wir auf bereits existierende Formen zurück, die uns als kämpfendes Subjekt ausweisen, sei es in Form von Demonstration, Lobbying, Petition oder auch Aufruhr und Krawall. Die Frage ist: Wenn wir auf diese bekannten Formen zurückgreifen, destabilisieren wir damit das System oder halten wir es am Laufen?,“ fragte er kürzlich in einem ausführlichen Interview mit dem französischen Umweltjournal Reporterre.

Seiner Meinung nach habe die Umweltbewegung „zweifellos einen Paradigmenwechsel in Bezug auf das Bewusstsein der Jugend bewirkt“. Die Bewegung habe Anklang gefunden – sicherlich auch durch den Einsatz „gewisser neuer Aktionsformen“.

Das Niedermähen von gentechnisch veränderten Pflanzen, die Aufnahme eines (illegalen) Migranten in der eigenen Wohnung, der Diebstahl von Stühlen bei großen Bankunternehmen: All diese beobachteten Aktionen würden allgemein als „ziviler Ungehorsam“ angesehen – ein überaus „modischer Begriff“, wie Albert Ogien gegenüber EURACTIV Frankreich erklärt: „Für jede direkte Aktion wird heute der Begriff des zivilen Ungehorsams verwendet. Dabei ist es eigentlich ein Konzept, das einer sehr präzisen Definition unterliegt,“ so der Soziologe.

Spektakuläre Wende im Hambacher Forst

Aus der geplanten Demo gegen die Rodung des Hambacher Forstes wurde ein Fest. Tags zuvor wurde eine weitere Abholzung vorerst gerichtlich gestoppt. Es geht um mehr als ein Stück Wald.

Das Thema wird von Henri David Thoreau in seinem Essay „Ziviler Ungehorsam“ von 1849 theoretisiert und beinhaltet demnach die öffentliche und wissentliche Weigerung, sich einem als ungerecht erachteten Gesetz zu unterwerfen. „Langfristig besteht das Ziel darin, die Debatte beispielsweise vor Gericht zu bringen, um sie besser beeinflussen zu können. Bürgermeister, die sich geweigert haben, in ihren Gemeinden Pestizide einsetzen zu lassen, sind ein perfektes Beispiel dafür,“ sagt Ogien.

Aus Sicht des Soziologen ist es wichtig, die von Umweltbewegungen verwendete Terminologie zu hinterfragen: „Ziviler Ungehorsam ist ein attraktiver Begriff, aber vor allem ein Begriff, der mit der Politik, wie sie heute tatsächlich praktiziert wird, bricht. Umweltorganisationen ziehen diesen „Ungehorsam“ der „direkten“ oder der explizit „politischen Aktion“ vor. Dabei ist die Mobilisierung doch eminent politisch!“

Er sorge sich daher in gewisse Weise „bezüglich dieses Gefühls eines regelrechten Ekels unter jungen Menschen, wenn es um das Thema Politik geht“, so der Soziologe.

Tatsächlich spiegelt sich auch in der Arte-Umfrage ein deutliches Misstrauen gegenüber „der Politik“ wider. Auf die Frage, wem sie zutrauen, „die Probleme der Welt zu lösen“, nannten lediglich drei Prozent der gut 323.000 Befragten ihre jeweilige Regierung.

31 Prozent gaben an, sie würden dies eher „den Bürgerinnen und Bürgern“ zutrauen.

Protest-Bündnis erhöht Druck auf Klimakabinett in Berlin

Am Freitag werden in Berlin wohl so viele Menschen wie nie zuvor für eine wirkungsvolle Klimapolitik demonstrieren – womöglich auch mit drastischen Mitteln.

Dieses Phänomen sei bei den neuen „Umweltkollektiven“ grundsätzlich wahrnehmbar, bemerkt Ogien: „Diese Organisationen bevorzugen im Allgemeinen Bewegungen ohne Anführer; Organisationen, in denen Entscheidungen von unten nach oben getroffen werden. Diese Ablehnung des vertikalen Funktionierens fällt mit der Ablehnung der Politik zusammen.“

Zwar gingen Radikalität und Effizienz nicht immer Hand in Hand, Ogien verstehe die Forderungen der Bewegung dennoch, „zumal diverse Klimagipfel anstehen“: Um die Erderwärmung unter 2°C zu halten, werde die nächste Schlacht nun einmal entscheidend sein.

Und sie wird wohl ebenso auf der politischen Bühne wie auch auf der Straße ausgefochten werden.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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