Nizza, Dschidda: Messerangriffe halten Frankreich in Atem

In Nizza, Avignon und Dschidda kam es am heutigen Morgen zu Messerangriffen. [EPA-EFE/SEBASTIEN NOGIER]

Knapp zwei Wochen nach der Enthauptung eines Lehrers bei Paris ist in Frankreich erneut ein Mensch von einem mutmaßlichen Islamisten geköpft worden. Bei dem Messerangriff in Nizza sind in der Nähe der Kathedrale insgesamt drei Personen getötet worden. Außerdem wurde ein Angriff auf einen Sicherheitsbeamten des französischen Generalkonsulats in Jeddah Saudi Arabien verübt.

Die Regierung in Paris setzte die höchste Sicherheitswarnstufe für das gesamte französische Territorium in Kraft. Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi sprach von einer terroristischen Tat. Nur wenig später erschossen Polizisten in Montfavet nahe Avignon einen ebenfalls mutmaßlichen Islamisten, der Passanten mit einer Pistole bedroht haben soll. Im saudiarabischen Dschidda wurde ein Wachposten des französischen Konsulats mit einem scharfen Gegenstand angegriffen und verletzt.

Der Angreifer in Nizza wurde von der Polizei niedergeschossen und ins Krankenhaus gebracht, wie Bürgermeister Estrosi mitteilte. Selbst nach seiner Festnahme habe er noch mehrmals “Allahu Akbar” – arabisch für “Gott ist groß” – gerufen.

Bei dem mutmaßlichen islamischen Attentäter von Nizza handelt es sich nach Informationen aus Polizeikreisen offenbar um einen 21-jährigen Tunesier. Der Mann sei kürzlich über Italien nach Frankreich eingereist, sagte ein Insider am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Seine Identität werde noch geprüft. Bei dem Messerangriff in einer Kirche in Nizza waren drei Menschen getötet worden. Eines der Opfer wurde dabei enthauptet. Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi zufolge wurde der mutmaßliche Angreifer nach der Tat von der Polizei angeschossen und ins Krankenhaus gebracht.

Schwer bewaffnete Polizisten riegelten das Gebiet rund um die Kirche Notre Dame ab. Das Gebäude liegt an der Avenue Jean Medecin, einer der größten Einkaufsstraßen in der südfranzösischen Hafenstadt. Mehrere Kranken- und Feuerwehrwagen waren vor Ort. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft soll die Ermittlungen übernehmen.

Le Drian: Frankreich wird das Schweigen zum Paty-Mord nicht vergessen

Paris hat seinen Botschafter aus der Türkei abberufen und deutlich gemacht, man werde sich an diejenigen „erinnern“, die es nicht vollbracht haben, den Mord am Geschichtslehrer Samuel Paty zu verurteilen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Frankreich will “hart und unerbittlich” reagieren

Ministerpräsident Jean Castex kündigte eine „harte und unerbittliche“ Reaktion an. Präsident Emmanuel Macron kündigte einen verstärkten Schutz von Schulen und Kirchen an. In Paris legten die Abgeordneten der Nationalversammlung aus Solidarität mit den Opfern eine Schweigeminute ein. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprach von einem „abscheulichen und brutalen Angriff“. Ganz Europa stehe solidarisch zu Frankreich und bleibe geeint und entschlossen im Angesicht von „Barbarei und Fanatismus“. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich erschüttert. „Der französischen Nation gilt in diesen schweren Stunden Deutschlands Solidarität“, erklärte sie auf Twitter here.

Die Angriffe am Donnerstag ereigneten sich am Geburtstag des Propheten Mohammed. Estrosi sah Parallelen zu der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty in dem Pariser Vorort Conflans Sainte Honorine. Die Methoden stimmten zweifelsfrei überein. Paty war von einem mutmaßlichen Islamisten tschetschenischer Herkunft auf offener Straße mit einem Messer enthauptet worden. Im Unterricht hatte er beim Thema Meinungsfreiheit umstrittene Mohammed-Karikaturen genutzt, die manche Muslime als Blasphemie erachten. Seine Ermordung sorgte für große Bestürzung im ganzen Land. Macron und zahlreiche weitere französische Politiker verurteilten die Tat scharf. Auf Solidaritätsmärschen wurden die Karikaturen gezeigt. Das wiederum löste in Teilen der muslimischen Welt wütende Reaktionen aus. Einige Regierungen, allen voran die türkische, warfen Macron eine anti-islamische Agenda vor.

Ob die Angriffe am Donnerstag ebenfalls in Zusammenhang mit dem Karikaturen-Streit stehen, war zunächst nicht klar. Das türkische Außenministerium verurteilte die Tat in Nizza und erklärte, die Türkei stehe an der Seite der Franzosen gegen Gewalt und Terrorismus. Auch Saudi-Arabien verurteilte die Tat. Zugleich sei zu betonen, wie wichtig es sei, jedes Vorgehen zu vermeiden, das Hass, Gewalt und Extremismus hervorrufe, erklärte das Königreich.

In Saudi-Arabien meldeten die Behörden die Festnahme eines Mannes nach dem Angriff auf den Wachposten. Der Wachmann sei ins Krankenhaus gebracht worden, sein Leben sei nicht in Gefahr, teilte das französische Konsulat mit.

Islamistische Anschläge gibt es in Frankreich vergleichsweise häufig. In Nizza raste 2016 am Nationalfeiertag ein tunesischstämmiger Franzose mit einem Schwerlaster in eine Menschenmenge und tötete dabei 86 Personen.

Im Streit um Mohammed-Karikaturen verschärfen sich Proteste gegen Frankreich

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron wird wegen seiner Aussagen zum Islam und den Mohammed-Karikaturen weltweit immer schärfer kritisiert. Paris verschärfte unterdessen seine Reisehinweise unter anderem für die Türkei – für Franzosen sei dort „größte Wachsamkeit“ geboten.

Merkel „tief erschüttert“ über „die grausamen Morde in einer Kirche“ in Nizza

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich „tief erschüttert über die grausamen Morde in einer Kirche“ in Nizza gezeigt. „Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Ermordeten und bei den Verletzten“, erklärte Merkel nach Angaben ihres Sprechers Steffen Seibert am Donnerstag in Berlin. „Der französischen Nation gilt in diesen schweren Stunden Deutschlands Solidarität“, fügte die Kanzlerin hinzu.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte den „abscheulichen Anschlag“. Europa stehe in dieser Situation solidarisch zu Frankreich, erklärte die CDU-Politikerin. Sie sprach sich für ein „geschlossenes“ Auftreten „gegen Barbarei und Fanatismus“ aus.

Auch EU-Parlamentspräsident David Sassoli forderte ein geschlossenes Auftreten gegen „die Verbreitung von Hass“. Der britische Premierminister Boris Johnson erklärte, das Vereinigte Königreich stehe im Einsatz gegen „Terror und Intoleranz“ an der Seite Frankreichs.

Der italienische Regierungschef Giuseppe Conte sprach von einem „niederträchtigen Anschlag“, durch den jedoch „die gemeinsame Front zur Verteidigung der Werte der Freiheit und des Friedens nicht ins Wanken gebracht werden“ könne. „Unsere Bestimmtheit ist stärker als der Fanatismus, der Hass und der Terror.“

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