Jüdischer Appell an Polen: „Hören Sie auf, aus Opfern Täter zu machen“

In einem offenen Brief appelliert der Vize-Generaldirektor des World Jewish Congress (WJC), Maram Sternan, an die Regierung Polens, sich der Geschichte zu stellen.  [Cristian Puscasu/shutterstock]

In einem offenen Brief appelliert der Vize-Generaldirektor des World Jewish Congress (WJC), Maram Sternan, an die Regierung Polens, sich der Geschichte zu stellen. 

Die Sorge um die Rechtsstaatlichkeit in Polen wird am kommenden Mittwoch im Plenum des EU-Parlaments ein zentrales Diskussionsthema. Für besondere Empörung sorgt das so genannte Holocaust-Gesetz, das am 1. März in Kraft treten soll. Demzufolge wird es künftig unter Strafe verboten sein, der polnischen Nation die Verantwortung oder Mitverantwortung für vom nationalsozialistischen Deutschland begangene Verbrechen zuzuschreiben. Historiker warnen vor einem Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit. Kritiker befürchten eine Ausblendung heikler Themen wie der Kollaboration mancher Polen mit den Besatzern. Trotzdem lässt sich die Regierung in Warschau von den Protesten nicht beeindrucken.

Polnischer Senat stimmt für umstrittenes Holocaust-Gesetz

Der polnische Senat hat trotz Protesten aus Israel und den USA den Weg für ein umstrittenes Holocaust-Gesetz freigemacht.

Der Vize-Generaldirektor des World Jewish Congress (WJC), Maram Stern, hat daher einen Brief an Polens Premierminister Mateusz Morawiecki gerichtet, mit dem er die Öffentlichkeit aufzurütteln versucht, in der Hoffnung, dass die polnische Regierung ihr Fehlverhalten erkennt und doch noch einlenkt. Dieses Schreiben wurde auch EurActiv zugeleitet. Es ist ein beeindruckender Appell, keine Geschichtsklitterung zu betreiben sondern die Fakten mit ihrer ganzen Dramatik zu akzeptieren.

Die Wahrheit lässt sich durch ein Gesetz nicht verbieten

Stern schildert zunächst seinen persönlichen Zugang: „Ich bin Jude mit deutscher Staatsbürgerschaft, 1955 in Berlin geboren, aber meine Mutter und mein Vater waren beide Polen. Sie überlebten nur durch glückliche Umstände den Holocaust. Mein Vater stammte aus einem Ort bei Lodz und berichtete uns Kindern häufig vom alltäglich spürbarem Judenhass, den es dort schon lange vor dem Einmarsch der deutschen Truppen gab.

Meine Mutter wuchs in Warschau auf. Wie oft hörte ich sie sagen, dass sie sich selbst während der deutschen Besatzung mehr vor ihren polnischen Nachbarn als vor den deutschen Soldaten gefürchtet hatte. Sie wurde schließlich von Nachbarn verraten und kam ins Warschauer Ghetto. Später wurde sie nach Auschwitz deportiert und überlebte nur durch großes Glück.“

Morawiecki verteidigt Holocaust-Gesetz

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat das umstrittene Holocaust-Gesetz seines Landes verteidigt.

Stern verweist dann in seinem Brief darauf, dass die Denunziation von Juden durch polnische Bürger von den deutschen Besatzern bewusst gefördert wurde. So gab es auch Pogrome an Juden, die von Polen an jüdischen Mitbürgern initiiert wurden, zum Beispiel in Jedwabne 1941. Der Judenhass fand aber mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus kein Ende. Stern: „Es gab solche Pogrome sogar nach 1945, wie jenes in Kielce im Jahr 1946. Historiker schätzen, dass mindestens 1.000 jüdische Holocaust-Überlebende in Polen nach 1945 gewaltsam ums Leben kamen. Das alles gehört zur Wahrheit dazu: Viele in meiner Generation haben von ihren Eltern ähnliche Geschichten gehört. Kein Gesetz der Welt wird uns verbieten, darüber zu sprechen, was unsere Eltern oder Großeltern durchmachen mussten“.

Es gab auch Helden, Schutzengel, Menschen

Für den WJC-Vize-General hilft das polnische Holocaustgesetz nicht der Wahrheitsfindung, sondern dient vielmehr der Einschüchterung von Historikern, die Licht in das dunkelste Kapitel europäischer Geschichte bringen wollen. Das Gesetz würde auch keine alten Wunden heilen, sondern nur neue Ressentiments fördern. Und das sei die unumstößliche Faktenlage.

„Polen hatte vor dem Krieg die größte jüdische Gemeinde der Welt hatte. Über drei Millionen polnische Juden wurden in der Shoah ermordet. Heute gibt es nur noch eine kleine Gemeinde dort. Und trotz alledem grassiert der Antisemitismus weiter.

Es waren deutsche Lager

Das polnische Holocaust-Gesetz ist besonders im Zusammenhang mit der israelisch-polnischen Debatten über Geschichte und Verantwortung besorgniserregend, meint Manuel Sarrazin.

Polen hat im Zweiten Weltkrieg einen schrecklichen Blutzoll bezahlt. Es waren die Deutschen, die Polen besetzten und dort Vernichtungslager errichteten. Es gab keine polnischen Vernichtungslager. Mehr noch: Viele Polen haben unter dem Risiko, von Deutschen hingerichtet zu werden, Juden bei sich versteckt. Die meisten Gerechten unter den Völkern waren polnische Bürger. Sie waren Helden, Schutzengel, Menschen.“

Stern schließt in seinem Schreiben an den polnischen Ministerpräsidenten mit einem berührenden Appell:

„Wir Juden können nicht vergessen, was unseren Familien in der Shoah angetan wurde. Wir vergessen ganz sicher nicht jene, welche in der Stunde der größten Not unseren Eltern beigestanden haben. Denn ohne diese Gerechten wären viele von uns gar nie geboren worden. Wir werden aber auch nicht schweigen, wenn Versuche unternommen werden, Geschichtsklitterung zu betreiben. Hören Sie auf, aus Opfern Täter zu machen.“

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