Italien: Die zwei Seiten der Immigration

Der tunesischstämmige Marwen sagte gegenüber EURACTIV: "Die Probleme in der Umgebung des Bahnhofs rücken sowohl die Stadt als auch die Einwanderer in schlechtes Licht. Es sollten Lösungen für Italiener und auch für die Migranten gefunden werden." [Irene Marchi/ EURACTIV]

Bilder von notleidenden Flüchtlingen, die an den italienischen Küsten ankommen, sind in den letzten Jahren zum vertrauten Nachrichteninhalt geworden. EURACTIV berichtet über die Situation in Norditalien.

Mit dem Vormarsch der harschen Anti-Einwanderungsrhetorik in Italien wurde das Bild von Migranten als Menschen, die größte Probleme bei der Integration und Übernahme europäischer Werte haben, weiter verstärkt. Das wenig überraschende Ergebnis dieser eskalierenden Rhetorik war der Erfolg der rechtsextremen Lega bei den Parlamentswahlen im März 2018. Die Partei hatte sich im Wahlkampf insbesondere gegen Immigration stark gemacht.

Jenseits reißerischer Schlagzeilen und sprachlicher Zündeleien zeigt sich, dass Integration zwar schwierig, aber möglich zu sein scheint. Nehmen wir zum Beispiel die kleine Stadt Ferrara in der Emilia Romagna im Nordosten Italiens: Einst ein ruhiger, provinzieller Ort, machte die Stadt kürzlich Schlagzeilen mit Geschichten über Gewalt und Drogenhandel durch Migranten.

Ferrara spiegelt die breiteren Veränderungen in Italien wider, wo die Einwanderung einer der Hauptstreitpunkte des Wahlkampfes war. Die Kommentare von Lega-Führer Matteo Salvini gehen regelmäßig über den italienischen Stiefel hinaus viral. Die rechtsextreme Lega wurde die drittgrößte Partei; bei den Wahlen im März erhielt sie mehr als 17 Prozent der Stimmen.

Die Lega ist inzwischen in einer Koalitionsregierung mit der Fünf-Sterne-Bewegung, und Salvini ist der neue Innenminister. Er verlor keine Zeit, um für seine migrantenfeindliche Agenda zu werben. Einer seiner ersten „Amtshandlungen“ war es, Mario Balotelli, einen der bekanntesten Fußballspieler Italiens, anzugreifen. Salvinis Ansicht nach solle Balotelli nicht Kapitän der Nationalmannschaft sein, denn der Kapitän müsse „repräsentativ“ sein.

In Ferrara sind die Spannungen im Bereich des Hauptbahnhofs, dem sogenannten „Gad“, besonders hoch. Dort kommt es inzwischen immer häufiger zu Kämpfen unter Drogenhändlern. Medienberichte, die die jüngsten Vorfälle mit der nigerianischen Mafia in Verbindung bringen, haben die Ängste der Bevölkerung weiter geschürt.

Populistische und fremdenfeindliche Botschaften haben daher in der Stadt fruchtbaren Boden gefunden: In Ferrara, das seit 1946 von der sozialdemokratischen PD regiert wird, erhielt die Lega bei den Wahlen im März fast 24 Prozent der Stimmen – verglichen mit weniger als drei Prozent im Jahr 2013.

Stereotypen und Fehlinformationen

Laut einer Untersuchung von IPSOS MORI  ist Italien „das am schlechtesten informierte Land der Welt, wenn es um Immigration geht“. Eine Mehrheit der Italiener glaubt, dass die in Italien lebenden Einwanderer 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen (die wahre Zahl liegt bei acht Prozent), und dass Muslime sogar ein Fünftel (in Wirklichkeit vier Prozent bzw. ein 25tel) der Gesamtbevölkerung stellen.

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Irrtümer sind in Bezug auf Migration in Italien weit verbreitet. So glaubten laut Abschlussbericht des Jo-Cox-Ausschusses des italienischen Parlaments im Jahr 2016 rund 65 Prozent der Italiener (gegenüber 21 Prozent der Deutschen), dass „Flüchtlinge eine Last sind, weil sie die Sozialleistungen und die Arbeit der einheimischen Bevölkerung ausnutzen“.

Dabei wird leicht und allzu oft vergessen, dass die meisten Einwanderer in Italien legal ankommen, eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielen und zum wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben des Landes beitragen.

Diese Geschichten gehen oft unter; ebenso in Ferrara, wo im Jahr 2017 ungefähr 13.500 Ausländer lebten.

Studenten, Arbeiter, Drogendealer

EURACTIV hat sich mit Einwanderern in Ferrara getroffen, um ihre Erfahrungen zu erörtern und die Realität der Einwanderung in Italien besser zu verstehen. Alle Befragten kamen mit einem legalen Visum als Studenten oder für eine Familienzusammenführung nach Italien und durchliefen ein Bewerbungsverfahren, das oft über ein Jahr dauerte.

Marwen, ein tunesischer Student, der seit 2015 in Italien lebt, erzählt, er habe zunächst ein Jahr lang einen Intensiv-Sprachkurs am italienischen Kulturzentrum in Tunis besucht, um ein Studentenvisum zu erhalten. Anschließend schrieb er sich an der Universität von Ferrara ein, wo er derzeit Kommunikation studiert.

Hamdi, ein weiterer Tunesier, der 2012 ankam, um seinen Universitäts-Abschluss zu machen, erklärt, dass Ausländer mit einem Visum vom Typ D zusätzlich eine Bankgarantie in Höhe von 5000 Euro vorlegen müssen. Italien gewährt zwar Stipendien für ausländische Studierende mit dieser Art von Visum, aber der Beitrag ändert sich im Laufe der Zeit.

„Im ersten Jahr deckt das Stipendium 100 Prozent der Studien- und Unterkunftsgebühren ab, aber inzwischen bekommen immer weniger ausländische Studenten ein Stipendium“, so Marwen.

Unter den Arbeitnehmern in Ferrara machen die Zuwanderer insgesamt 10,5 Prozent der Arbeitskräfte aus. Sie tragen mit einem Nettogewinn von 2 Milliarden Euro zur Volkswirtschaft bei. Diskriminierung ist dennoch üblich.

„Man kann nicht verallgemeinern. Man kann aufgeschlossene Menschen finden, aber auch andere, die nicht besonders freundlich oder entgegenkommend sind,“ sagt Alina, eine Ukrainerin, die 2013 nach Italien kam, um hier zu arbeiten.

Alina, eine ukrainische Immigrantin in Italien. [Irene Marchi]

Die Integration scheint für junge Menschen einfacher, vor allem in der Schule und an den Universitäten.

Das größte Misstrauen herrsche bei den italienischen Senioren und fremden Menschen auf der Straße: „Sobald sie dich kennen, nehmen die Menschen dich endlich als Individuum wahr und nicht mehr als den ‚üblichen‘ tunesischen Einwanderer,“ meint Hamdi.

Er arbeitet aktuell für einen Verein, der Flüchtlingen mit Bürokratie und Unterkunft hilft, sowie als Freiwilliger beim Roten Kreuz. Er glaube, dass Integration gegenseitigen Respekt und Offenheit zwischen Einwanderern und Italienern erfordert, so Hamdi.

Obwohl er selbst keinen Rassismus oder Diskriminierung erlebt habe, sei für viele Italiener die Integration gleichbedeutend mit „Bier trinken und Speck essen“ [d.h. grundlegende Vorschriften des Islam ablehnen/ablegen].

Integration und gegenseitiges Verständnis statt massiver Polizeipräsenz

Im Allgemeinen komme Diskriminierung eher vor, wenn die Person sichtbar „anders“ ist. Hamdis Freunde tunesischer Herkunft, die in Ferrara geboren und aufgewachsen sind, hatten bis zum letzten Jahr keine Probleme – bis einige der Mädchen anfingen, den Hijab zu tragen, erinnert er sich. Auch wenn man mit Freunden afrikanischer Herkunft unterwegs ist, sei es wahrscheinlicher, Diskriminierung ausgesetzt zu sein.

Die Ukrainerin Alina, eine ausgebildete Ingenieurin, arbeitet jetzt als Buchhalterin in einer Fabrik. Ihr Ingenieurs-Abschluss wird in Italien nicht anerkannt. Man habe ihr gesagt, sie solle „dankbar sein“, dass sie ihren jetzigen Job hat, anstatt als Altenpflegerin arbeiten zu müssen – eine Arbeit, für die oft und gerne an Frauen aus Mittel- und Osteuropa eingesetzt werden.

Viele der Immigranten in Ferrara engagieren sich auch zivilgesellschaftlich. Vor einem Jahr startete Hamdi das Webradio Giardino. Sein Ziel: „Wir brauchen mehr Ehrlichkeit, um die wahre Geschichte ausländischer Bürger zu erzählen. Wir arbeiten für eine multiethnische Stadt.“

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Das Radio ist eine von mehreren neuen Initiativen im als Problembezirk verrufenen „Gad“, die darauf abzielen, mehr kulturelle Aktivitäten zu schaffen und seinen Bewohnern kreative Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten.

Es wurde mit Unterstützung des für Kultur und Tourismus zuständigen Stadtratsmitglieds Massimo Maisto ins Leben gerufen. Maisto ist sich sicher, dass Initiativen dieser Art – im Gegensatz zu verstärkter Polizeipräsenz – den größten Beitrag zur Erneuerung und Wiederbelebung dieses Stadtteils leisten werden.

„Die Drogenhändler sind doch inzwischen in die Innenstadt weitergezogen. Die Polizei ist nur noch nützlich, um zu zeigen, dass etwas „getan wird“. Das hat aber nicht wirklich Auswirkungen auf die eigentlichen, grundlegenden Probleme,“ so der Stadtrat. Vielmehr fühlten sich durch die massive Polizeipräsenz inzwischen „alle Einwanderer als Kriminelle wahrgenommen. Sie schämen sich schon für ihre Hautfarbe“.

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