Ischgl: Österreichisches Skiparadies als Corona-Hotspot

Der Skiort Ischgl im November 2019, kurz nach Saisonstart. [STR/EPA]

Das österreichische Skigebiet Ischgl hat tragische internationale Bekanntheit erlangt: Hunderte von TouristInnen sollen sich dort mit dem Coronavirus angesteckt und es mit heimgenommen haben. Jetzt wird die Tiroler Landesregierung schwer beschuldigt.

Der Ort Ischgl in Tirol gehört zu Österreichs beliebtesten Skiegebieten. Das 1.600-Seelen-Dorf liegt umringt von prachtvollen Bergen, auf deren perfekt präparierten Pisten WintersportlerInnen aus aller Welt herabsausen. Hier spielten schon Lenny Kravitz und SEEED, beim diesjährigen Saisonstart wurden zwei neue Sesselbahnen eröffnet. Alles sprach für einen weiteren Prachtwinter im Skiparadies.

Doch dann kam das Coronavirus nach Ischgl – und konnte sich dort ungehindert ausbreiten. Internationale SkitouristInnen steckten sich an und brachten das Virus zurück in die Heimat, großteils nach Nordeuropa und Deutschland. Das geht aus Recherchen von t-online hervor. Die Schuld wird nun bei der Tiroler Landesregierung gesucht, weil sie nicht rechtzeitig auf internationale Warnungen reagiert habe. Doch Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) betonte in einem Fernsehinterview, die Behörden hätten „alles richtig gemacht“.

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Warnungen aus Island ignoriert

Tatsache ist, dass die isländische Behörden bereits am 5. März Ischgl zum Risikogebiet erklärt hatte, auf einem Level mit Wuhan oder dem Iran –  und dass es neun Tage dauern sollte, bis die österreichische Regierung Maßnahmen zur Isolation vor Ort setzt.

Anlassfall für die isländische Maßnahme waren positive Tests von heimgekehrten Ischgl-UrlauberInnen. Der Tiroler Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber erklärte daraufhin, es sei  „aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist“. Er stellte stattdessen die These auf, die IsländerInnen hätten sich bei einem anderen Flugzeugpassagier angesteckte – ein Heimkehrer aus Italien.

Diesen kranken Co-Passagier gab es tatsächlich. Dennoch entschieden sich die isländischen Behörden am 5. März zu diesem Schritt – während Tirol sich entschied, das muntere Skitreiben fortzusetzen. Doch es folgten immer mehr Corona-Fälle mit Ischgl-Konnex. Alarmiert von der isländischen Entscheidung begann Norwegen, RückkehrerInnen aus Tirol zu testen. Am 8. März lag das Ergebnis vor: von 1.198 Infizierten hätten 491 das Virus aus Österreich, überwiegend aus Tirol.

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Fatale Fehler 

In der Zwischenzeit gab es auch in Ischgl selbst eine bestätigte Infektion: Am Abend des 7. März – zwei Tage nach der isländischen Einstufung als Risikogebiet, einen Tag vor Norwegens Verkündung der Tirol-Infektionen – wurde ein 36-jähriger Deutscher positiv getestet. Er arbeitete als Barkeeper in einem beliebten Aprés-Ski-Lokal, allabendlich gesteckt voll mit TouristInnen aus aller Welt.

Die Tiroler Landesregierung erklärt am nächsten Tag, eine Übertragung auf Gäste der Bar sei „aus medizinische Sicht eher unwahrscheinlich“. Tags darauf wurden 15 Menschen aus dem Umfeld des Barkeepers positiv getestet, und die Landesregierung macht eine kommunikative Kehrtwende: Es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass es eine Verbindung zu einem Teil der in Island positiv getesteten Personen gibt“. Die Bar wurde am 10. März geschlossen. Doch die Skibetriebe liefen am 7. und 8. März weiter, als bereits die Infektionen des Barkeepers und seines Umfeld bekannt war.

In der Woche darauf häuften sich die Diagnosen in Tirol, das Bundesland wurde zum Corona-Hotspot Österreichs, hier verbreitete sich das Virus am schnellsten. Einige Gemeinden wurden unter Qurantäne gestellt – andere, die direkt nebenan lagen, nicht.

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„Alles richtig gemacht“

Am Abend des 16. März hätte die Landesregierung die Chance gehabt, ihr Verhalten zu erklären. Bernhard Tilg, Landesrat für Gesundheit, war in Österreichs wichtigster Nachrichtensendung per Videoschaltung zu Gast. Doch er betonte nur immer wieder, die Behörden hätten alles richtig gemacht, ohne auf die Fragen von Moderator Armin Wolf einzugehen. Die Vorwürfe gegen die Landesregierung wurden lauter. Oppositionsparteien forden den Rücktritt von Landesgesundheitsrat Tilg.

Zwei Tage später, am 18. März, verordnete verordnete Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) schließlich eine Ausgangssperre in ganz Tirol. Ohne triftigen Grund darf seitdem niemand die Wohnung verlassen.

Neben Island und Norwegen haben noch andere europäische Länder Corona-Fälle von heimgekehrten Ischgl-UrlauberInnen gemeldet, darunter Dänemark und Deutschland. Manfred Lucha, grüner Sozialminister von Baden-Württemberg, sagte sogar: „Unser Problem heißt nicht Iran, sondern Ischgl“. Harte Worte für einen Ort, der immer noch zu den schönsten Skigebieten Österreichs zählt.

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