Integration in Sachsen: der Wille ist da, die Probleme auch

Ein Straßenfest in Görlitz. Rund 1000 Außländer kommen hier auf 57.000 alteingessene Einwohner. [Michael Bertulat/ flickr]

Sachsen ist die Hochburg der AfD. Besonders im ländlichen Raum lehnt man Flüchtlinge ab, heißt es. Aber ist das wirklich so? Eine Umfrage in Görlitz zieht erstmals ein differenziertes Fazit darüber, wie es dort um die Aufnahmebereitschaft von Geflüchteten geht.

Görlitz ist eine Kleinstadt mit Sonderstatus, denn der Landkreis an der polnischen Grenze ist der östlichste Punkt der Bundesrepublik. Auch nach Tschechien kommt man schnell, mit dem Auto ist man in zwei Stunden in Prag. Doch Görlitz fällt auch anders aus dem Rahmen: Bei der Bundestagswahl im letzten September war Görlitz der Wahlkreis mit der dritthöchsten Stimmquote für die rechtspolulistische AfD. 32,9 Prozent hält die Partei dort inne, der bundesweite Durchschnitt liegt im Vergleich bei 12,6 Prozent.

Rund 57.000 Menschen leben in Görlitz, dazu gehören rund 1000 Migranten, viele von ihnen sind Polen und Tschechen. Die  Aufnahme von Geflüchteten ist hier relativ friedlich verlaufen. Doch die hohe Zustimmung zur AfD lässt vermuten, dass es auch in Görlitz Abneigung gegen die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik gibt.

In der Stadtverwaltung ist man daher bemüht, nicht nur die Interessen der Asylbewerber und Flüchtlinge im Blick zu haben, sondern auch die Bedenken, Ängste und Nöte der Einheimischen. Letzten Sommer entschied sich der Stadtrat daher für die Erarbeitung eines eigenen Integrationskonzeptes, für das im Januar die Ergebnisse eine repräsentativen Bevölkerungsbefragung zum Thema Integration im Landkreis vorgestellt wurden. Die zentrale Frage dabei: Wie soll aus Sicht der Bürger mit den Themen Flucht, Migration und Integration umgegangen werden, um langfristig ein Integrationskonzept für den Landkreis entwickeln zu können?

Mehrheit möchte Flüchtlinge aufnehmen – das Problem bleibt die Integration

Ziel der Studie war es, ein möglichst  faktisches Meinungsbild der Region zu erhalten, erklärt die zuständige Dezernentin im Landratsamt, Heike Zettwitz gegenüber dem MDR: „Es sollen keine Vorurteile befeuert werden. Vielmehr zeigt die Studie erstmalig in Sachsen ein differenziertes Meinungsbild der Bevölkerung, dazu noch völlig ungeschminkt. In Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, der kreiseigenen Kultur- und Weiterbildungsgesellschaft sowie Marktforschern von MAS Partners hatte das „Institut für Kommunikation, Information und Bildung“ 1.000 Personen aller Schichten und Altersgruppen ab 14 Jahren im Landkreis Görlitz befragt.

Auch in Görlitz spricht sich die große Mehrheit der Bevölkerung für die Aufnahme von Flüchtlingen aus – allerdings unter Bedingungen. [Grafik: Landratsamt Görlitz]

 

Die Antworten überraschten nicht nur die Fragesteller, sondern auch die Behörden: So lehnt zwar ein Viertel der Befragten die Aufnahme von Asylbewerbern ab, aber 94 Prozent stimmen der Aufnahme von politisch verfolgten Menschen unter Auflagen zu. Bei der Frage nach bedingungsloser Zuwanderung antworteten sogar 42 Prozent der Bürger mit ja. 72 Prozent lehnt außerdem die Idee ab, überhaupt keine Asylbewerber aufzunehmen.

Das zeichnet ein deutlich positiveres Bild gegenüber Flüchtlingen, als die politische Situation in Görlitz suggeriert. Doch in Hinblick auf die Integration in der Kommune sieht es dann doch anders aus. Trotz der Bemühungen durch Behörden, Institutionen, Kirchen und ehrenamtliche Helfer sind nahezu die Hälfte der Befragten der Meinung, dass die Integration der Asylbewerber nicht gelungen ist. Überraschend zeigt die Studie ein weiteres Problem in der Grenzregion: Nur 16 Prozent der Befragten halten Flüchtlinge und Asylbewerber für gleichberechtigte Bürger, während 76 Prozent von Flüchtlingen als „Geduldete“ denken. Zudem müssten straffällig gewordene Asylbewerber sofort abgeschoben werden. Dieser Meinung sind 82 Prozent der Befragten im Landkreis.

Obwohl der gute Wille laut Umfrage da ist, sieht fast jeder zweite in Görlitz keine Fortschrtte in der Integration der Geflüchteten. [Grafik: Landratsamt Görlitz]

Woran das liegt, soll nun ausgearbeitet werden. Joachim Trauboth vom Görlitzer Willkommensbündnis hofft, dass Gelder für eine Erweiterung der Studie bereitgestellt werden: „Nun müssten auf ähnliche Weise nach den Deutschen auch die Ausländer im Landkreis Görlitz befragt werden, um die richtigen Schlüsse für das Integrationskonzept zu ziehen.“ Erkenntnisse darüber, wo es an der Integration scheitert, könnten der Integratiosarbeit der Stadt Görlitz zugute kommen. Möglicherweise kann der Landkreis dann ein positives Beispiel für kommunale Asylpolitik im Wahlbereich der AfD setzen.

 

Inhalte dieses Artikels wurden am 09. Januar 2018 bei MDR Sachsen erstveröffentlicht.

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