Größte DDR-Demo: Abgesang am Alexanderplatz

Am 4. November 1989 kam es in Berlin zur größten Demonstration der DDR-Geschichte. Hunderttausende Oppositionelle forderten gemeinsam mit einigen Regimevertretern Reformen. Nur fünf Tage später fiel die Berliner Mauer. [EPA/MAURIZIO GAMBARINI]

Am 4. November 1989 kam es in Berlin zur größten Demonstration der DDR-Geschichte. Hunderttausende Oppositionelle forderten gemeinsam mit einigen Regimevertretern Reformen. Nur fünf Tage später fiel die Berliner Mauer. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Es rumorte schon lange in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Seit Monaten wagten sich immer mehr Menschen aus der Deckung und gingen auf die Straße. In Leipzig demonstrierten jeden Monat zigtausend Menschen für Meinungs- und Reisefreiheit. Immer mehr kehrten ihrem wirtschaftlich und politisch bankrotten Land auf mehr oder weniger gefährlichen Wegen den Rücken. Im Jargon des kommunistischen DDR-Regimes waren sie „Republikflüchtlinge“.

Erich Honecker, der seit 1973 mächtigste Mann, war am 18. Oktober gestürzt worden. Aber auch sein Nachfolger Egon Krenz genoss in der Bevölkerung keinerlei Vertrauen. In dieser Stimmung fand am 4. November 1989 die größte offiziell genehmigte Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Initiatoren waren Schauspieler und Theater-Leute aus Ost-Berlin. Sie beriefen sich auf die Verfassungsartikel 27 und 28, also auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Artikel, die in 40 Jahren DDR nur in der Theorie existiert hatten.

An diesem Tag aber wurde die so lange mit Füßen getretene Verfassung von einer riesigen Menschenmenge auf dem Berliner Alexanderplatz mit Leben erfüllt. Die Schätzungen schwanken auch 30 Jahre danach zwischen 200.000 und einer Million Teilnehmern. Was sie erlebten, war einzigartig in der DDR-Geschichte: Die Demonstranten standen vor einem kleinen Lastwagen, auf dessen offener Ladefläche ein provisorisch gezimmertes Holzpodest platziert war. Das war die Bühne für mehr als 20 Redner: Schauspieler, Sänger, Schriftsteller, Pfarrer – aber auch Vertreter des Regimes.

Der Redner Günter Schabowski wird fünf Tage später weltberühmt

Einer von ihnen sollte fünf Tage später, am 9. November 1989, weltweit bekannt werden: Günter Schabowski, Berliner Chef der DDR-Staatspartei SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland). In dieser Eigenschaft verkündete er auf einer Pressekonferenz ein neues Reisegesetz, das völlig überraschend die Berliner Mauer zum Einsturz brachte. Auf der Demo am 4. November wurde Schabowski von der Masse noch gnadenlos ausgebuht. Auch als er zu Beginn sagte: „Billigen wir einander die Kultur des Dialogs zu!“

Funktionäre des maroden DDR-Regimes hatten zu diesem Zeitpunkt längst jeden Kredit verspielt. Schabowskis Selbstkritik ging im Pfeifkonzert unter. „Was bewegt einen Kommunisten in dieser Stunde im Anblick und im Blickfeld von Hunderttausenden?“, fragte er die ihm überwiegend feindselig gestimmten Menschen. Seine eigene Antwort: „Nur wer die Mahnung hört und versteht, ist fähig zu neuem Anfang.“

Pfarrer Friedrich Schorlemmer reformiert die DDR-Nationalhymne

Einer, der mit Schabowskis Worten etwas anfangen konnte, war der Regimekritiker Friedrich Schorlemmer. Der Theologe aus Wittenberg, der Stadt des protestantischen Kirchenreformers Martin Luther, zitierte leicht verändert den Titel der DDR-Hymne: „Im Herbst 1989 sind wir auferstanden aus Ruinen und der Zukunft neu zugewandt.“ Unter dem Eindruck der vielen DDR-Flüchtlinge forderte er die Bevölkerung zum Bleiben auf, um das Land gemeinsam zu erneuern: „Jetzt brauchen wir buchstäblich jeden und jede.“

Der junge Schauspieler Jan-Josef Liefers, im heute vereinten Deutschland berühmter TV-Gerichtsmediziner in der Serie „Tatort“, stellte die SED-Herrschaft offen infrage: „So lange die Spitze der SED nur auf unser aller Druck reagiert, kann meiner Meinung nach von führender Rolle nicht die Rede sein.“ Solche Sätze wollte die Menschenmasse auf dem Alexanderplatz vor allem hören. Entsprechend groß war der Beifall.

Eine Stasi-Legende spricht von „Scheinwelt“ der DDR-Führung

Selbstkritisch gab sich der ehemalige stellvertretende Stasi-Chef Markus Wolf. Bis 1986 hatte er die Auslandsaufklärung geleitet, das Pendant zum Bundesnachrichtendienst (BND) im Westen Deutschlands. Wolf ging auf den Realitätsverlust im Machtapparat der DDR ein: Trotz zunehmend mahnender Stimmen in den eigenen Reihen habe man nicht verhindern können, „dass unsere Führung bis zum 7. Oktober in einer Scheinwelt lebte“. Damit spielte er auf das Gründungsdatum der DDR an.

Anlässlich des 40. Republik-Jubiläums hatte sich die greise Führung ein letztes Mal selbst inszeniert und gefeiert. Proteste Oppositioneller waren brutal niedergeknüppelt worden. Ex-Stasi-Mann Wolf attestierte den lange von ihm unterstützen Genossen, selbst dann noch versagt zu haben, „als die Menschen begannen, mit den Füßen abzustimmen“. Mit anderen Worten: Sie verließen über Umwege die DDR, vor allem durch Flucht in westdeutsche Botschaften in benachbarten sozialistischen Ländern.

Marianne Birthler: „Hoffnung, Fantasie, Frechheit und Humor“.

Anders als die Stasi befürchtete, blieb die gut dreistündige Demonstration im Zentrum Ost-Berlins friedlich. Wenige Tage vorher hatte Stasi-Chef Erich Mielke den am 4. November eingesetzten Diensteinheiten ein Bündel von Befehlen erteilt, darunter die unbedingte Sicherung der nahe gelegenen Berliner Mauer: „Zur Verhinderung von Angriffen auf die Staatsgrenze sind personelle und technische Blockierungsmaßnahmen (Einsatz von Sperrmitteln) vorzubereiten.“

Mielkes Sorgen waren unnötig, denn die Demonstration war „unglaublich schön“, wie es Bürgerrechtlerin Marianne Birthler Jahre danach einmal beschrieb. Als Rednerin auf dem Alexanderplatz sprach die spätere Chefin der für alle zugänglichen Stasi-Akten-Behörde über die Gewalt des kommunistischen Regimes und die Hoffnung, „die seit ein paar Wochen endlich in der DDR wächst“. Auf dem Alexanderplatz, sagte Birthler damals, sei hunderttausendfach Hoffnung versammelt, „Fantasie, Frechheit und Humor“.

„Ereignis mit Auswirkungen für Europa“

Das musste auch die Stasi anerkennen, die in einem ausführlichen Bericht über den Verlauf der live im Fernsehen übertragenen Demonstration berichtete. Darin notierte sie unter anderem, was auf einer zur „Volkswalze“ umfunktionierten Kabeltrommel zu lesen war: „Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen!“ Dem überwiegenden Teil der Demonstranten attestierte die vorher so ängstliche Staatssicherheit ein „diszipliniertes“ Verhalten.

„Feindliche Kräfte“, mit denen Stasi-Chef Mielke fest gerechnet hatte, waren weit und breit nicht zu erkennen. In einem anderen Punkt behielt er allerdings recht: dass die Demonstration am 4. November 1989 nach dem Willen der Organisatoren zu einem „Ereignis mit Auswirkungen für Europa“ werden könne. Fünf Tage später, am 9. November, fiel die Berliner Mauer.

 

 

 

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