Flüchtlinge in Norddeutschland: „Da treffen Welten aufeinander“

Über 3.100 Asylanträge sind in den ersten fünf Monates des Jahres 2018 in Schleswig-Holstein eingegangen. [Foto: Shutterstock]

This article is part of our special report Integration in Sachsen: der Wille ist da, die Probleme auch.

Bei der aktuellen Debatte um Transferlager und Asylregulierungen gerät eines aus dem Blick der Öffentlichkeit: die Integration derer, die bleiben. Wie verläuft dieser Prozess in den Regionen Deutschlands? Ein Blick in den hohen Norden. EURACTIV sprach mit Felix Carl.

Felix Carl ist Integrationsbeauftragter des Kreises Nordfriesland in Schleswig-Holstein.

EURACTIV: Herr Carl, wie steht es um die Willkommenskultur und die ehrenamtliche Hilfe für Flüchtlinge in Ihrem Kreis, drei Jahre nach der akuten Phase?

Felix Carl: Immer noch sehr gut. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber wir gehen davon aus, dass sich rund 250 Menschen regelmäßig in verschiedenen Netzwerken und Gremien für Flüchtlinge engagieren. Nordfriesland hat eine tiefsitzende Tradition des Nachbarschaftsengagements, weil wir eine ländliche Gegend sind, wo demografischer Wandel und eingeschränkte Mobilität zur Realität gehören. Es war uns auch nie fremd, Geflüchtete bei uns zu haben. Unter anderem wurde unsere Kreisstadt Husum nach dem zweiten Weltkrieg von geflüchteten Deutschen wieder aufgebaut, später flohen viele Menschen aus dem Bosnien-Krieg zu uns.

Aber natürlich kommt es nach drei Jahren auch zu Erschöpfungen im Engagement oder dazu, dass Menschen ihre Haltung ändern, wenn die Dinge nicht so schnell voranschreiten, wie sie sollten. Das sieht man seitens der Verwaltung als auch bei den Ehrenämtlern.

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Meinen Sie die Integration auf dem Arbeitsmarkt?

Ja, zum Beispiel. Das geht nur sehr schleppend voran und funktioniert mit großem zeitlichen Verzug. Die Menschen müssen nach wie vor zu lange auf Sprachkurse warten, dann geht nochmal Zeit ins Land zwischen Sprachkurs und Arbeit. Außerdem nehmen wir stark wahr, dass der deutsche Arbeitsmarkt mit Blick auf Qualifizierung und Leistung schwere Hürden für viele Geflüchtete darstellt. Da treffen Welten aufeinander.

Wie steht es denn um die Qualifizierung der Zugewanderten?

Leider ist  die Schulbildung im Durchschnitt unzureichend. Auch wenn ein Zertifikat vorliegt, entspricht das häufig nicht unseren hiesigen Abschlüssen. Viele müssen zudem erst alphabetisiert werden. Wir hadern im Landkreis auch mit einem stetigen Mangel an Personal für Alphabetisierungs- und Integrationskurse.

Nichtsdestotrotz bekommen wir viele Leute in Ausbildungen. Bei uns an der Küste sind die Gastronomie und der Tourismus die Hauptberufsfelder. Doch die Flüchtlinge müssen dann in der Regel drei Jahre Berufsschule bestehen, und darauf werden sie in den Integrationskursen nicht vorbereitet. Plötzlich kommen dann Fächer wie Mathematik dazu, die teilweise ganz neu gelernt werden müssen. Die meisten bräuchten eigentlich neben der allgemeinen Schulpflicht und den Integrationskursen eine entsprechende Nachsorge wie zum Beispiel Nachhilfe. Wir sehen aber auch viele Erfolgserlebnisse. Mithilfe des BAMF, der Arbeitsagentur, der Jobcenter und unseres Programms „Ankommen – Perspektive Job“, das auch von der EU gefördert wird, vermitteln wir ungefähr ein Drittel der Leute in Arbeit und ein Drittel in Ausbildung. Das letzte Drittel ist schwer vermittelbar.

Woran liegt das?

Das liegt nicht nur am individuellen Hintergrund, sondern daran, dass die Herkunftsländer unterschiedlich gehandelt werden. Leute aus Ländern mit geringerer Bleibeperspektive durchlaufen ein längeres Asylverfahren und erhalten weniger ausbildungsbegleitende Hilfen. Wenn der Betrieb zum Beispiel 50 Kilomenter weit weg ist, und man nicht das Geld hat, jeden Tag zu pendeln, macht das die Arbeitsaufnahme unmöglich.

Letztendlich geschieht Integration immer in der Kommune. Was macht Landkreis Nordfriesland dafür?

Wir haben zum Beispiel ein Projekt für politische Partizipation, das Teil des Integrationskonzeptes des Landes Schleswig-Holstein ist. In dem Mentoringprogamm begleiten politisch interessierte Geflüchtete ein paar Monate lang Lokalpolitiker, um die Kommunalpolitik kennenzulernen. Das ist schon Integration auf zweiter Stufe. Die Menschen lernen so, dass sie sich auch als Nicht-Deutsche in politischen Gremien engagieren und abstimmen können.

(Beitrag: Nils Hansen, NDR Schleswig-Holstein)

Zahlen die Kommunen so etwas aus eigener Kasse?

Wenn es sein muss, ja. Die Kommunen sehen ja, wenn es zum Beispiel an Unterstützung bei den hohen Fahrtkosten mangelt, damit die Menschen die  Integrationskurse besuchen können. Wenn dann kein Geld aus dem Innenministerium oder BAMF bereit steht, wundert man sich, was in kommunaler Selbstverwaltung möglich ist. Gelder werden aufgebracht und Posten im Budget zusammengelegt. So haben wir unter anderem arabische wie auch afghanische Sprach- und Kulturmittler bei uns einstellen können – aus eigenen Mitteln.

Was halten Sie als Integrationsbeauftragter von den laut Koalitionsvertrag geplanten Ankerzentren? Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hat erklärt, dass Schleswig-Holstein sich erst einmal nicht am Pilotprojekt beteiligen werde.

Weil wir so etwas schon in abgewandelter Form haben, nämlich unsere beiden Erstaufnahmeeinrichtungen im Land. Von dort aus werden Menschen mit einer Aufenthaltsgestattung verteilt. Meine persönliche Meinung ist aber, dass die Ankerzentren nicht zu Ende gedacht sind, wenn es nur darum geht, Flüchtlinge möglichst schnell abzuschieben. Ein faires, qualitatives Asylverfahren dauert de facto länger als 48 Stunden.

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Vor allem dürfen abgelehnte Asylbewerber nicht in diesen Zentren zwischengeparkt werden, wenn andere EU-Staaten, die laut Dublin-Verordnung für sie verantwortlich wären, die Übernahme verweigern. Dann werden Flüchtlinge zum Spielball der Justiz und das führt zu einer Katastrophe. Momentan wird in Glückstadt eine Abschiebehafteinrichtung für abgelehnte und ausreisepflichtige Asylbewerber geplant. Davon haben wir eine sehr hohe Zahl in Schleswig-Holstein, etwa sieben bis acht Tausend Menschen. Trotzdem haben wir bisher recht wenige Abschiebungen. Daher ist es sehr wichtig, dass diesen Menschen vor und nach dem Bescheid integrative Angebote gemacht werden. Sonst gehen wir einen gefährlichen Weg.

Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands in der Asyldebatte auf EU-Ebene?

Auch wenn es schwer zu ertragen ist, was momentan im Innenministerium geschieht, ist Deutschland noch ein recht liberales Land, das muss man ehrlich sagen. In Nachbarländern wie Dänemark oder Frankreich wird im Vergleich strikt gegen Flüchtlinge vorgegangen. Daher müssen wir immer und immer wieder den Dialog mit rechtspopulistischen Regierungen suchen, auch wenn das unangenehm ist. Aber wenn ich sehe, dass zum Beispiel bei uns in Schleswig-Holstein an einem Integrationsgesetz gearbeitet wird, wo es um mehr als schnelle Abschiebungen und Ankerzentren geht, sondern um ausreichende Gelder und Maßnahmen zur Integration, dann gibt mir das Hoffnung.

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