Facebook: Der Westen ist weiterhin Ziel russischer Desinformationskampagnen

False friends: Facebook hat nach eigenen Angaben erneut Desinformationskampagnen aus Russland registriert. [Shutterstock]

Eine neue Welle von koordinierten Desinformationskampagnen, die von der russischen Internet Research Agency (IRA, auch bekannt als „Trollarmee“) ausgehen, hatte einmal mehr westliche und europäische Ziele im Visier, teilt Facebook mit.

Das Social-Media-Unternehmen hat kürzlich seinen August-Bericht über „koordiniertes, unauthentisches Verhalten“  vorgelegt, in dem „Bemühungen, die öffentliche Debatte für ein strategisches Ziel zu manipulieren“ analysiert werden. Darin wird auf ein kleines Netzwerk von 13 Facebook-Konten und zwei Seiten von Usern verwiesen, die in Verbindung mit der russischen IRA stehen sollen.

Die Konten seien demnach auch mit der Politik-Nachrichtenwebsite Peace Data verknüpft, die eine Reihe falscher Berichte über die angebliche „Migrationskrise“ im Vereinigten Königreich, die Politik der NATO und der EU und den französischen Einfluss in Afrika veröffentlicht hatte – neben weiter gefassten Themen wie der US-amerikanischen Militärpolitik, den Spannungen zwischen Israel und Palästina und US-Präsident Donald Trump.

Flut an Fake News zu Coronavirus: Alarmsystem der EU im Einsatz

Ein EU-Warnsystem zur Überwachung von Desinformation wurde nach einer Reihe von Fake News rund um den Coronavirus-Ausbruch erstmals genutzt.

„Die Personen, die hinter dieser Aktivität standen, nutzten gefälschte Konten – von denen einige bereits von unseren automatisierten Systemen erkannt und deaktiviert worden waren -, um ausgeklügelte fiktive Personen zu erstellen, Seiten zu verwalten, in Gruppen zu posten und Leute auf ihre Off-Plattform-Site zu locken, die sich als unabhängiger Nachrichtensender ausgibt,“ hält Facebook in seinem Bericht fest.

„Diese fiktiven Personen operierten auf diversen Internet-Diensten und benutzten falsche Namen und Profilfotos, die wahrscheinlich mit Hilfe von Techniken des maschinellen Lernens, wie z.B. generative adversial networks (GAN), erstellt wurden. So gaben sie sich als Nachrichtenredakteure aus.“

Wie NBC News berichtet, hatte Facebook einen Hinweis vom US-amerikanischen FBI erhalten. Es scheint, dass der Social-Media-Riese die entsprechenden Konten löschen konnte, bevor sie eine größere Präsenz auf der Plattform entwickelten. Die entsprechenden Seiten in englischer Sprache hätte zum Zeitpunkt der Löschung lediglich rund 200 Follower gehabt.

Russische Corona-Desinformation für den "heimischen Markt"?

Im Westen gehen viele davon aus, dass russische Stellen Desinformationen streuen, um so Misstrauen in westliche Institutionen zu befeuern. Allerdings könnte vielmehr das heimische russische Publikum das Hauptziel der Kampagnen sein.

EU-Abwehrversuche

Die russische IRA führt Online-Einflusskampagnen im Namen von Kunden durch, von denen einige vermutlich die Interessen der russischen Regierung vertreten. Die Aktivitäten in diesem Bereich haben in der Vergangenheit Bedenken bei zahlreichen Politikerinnen und Politikern in Brüssel ausgelöst.

Im Jahr 2015 wurde die Abteilung Strategische Kommunikation und Informationsanalyse des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) als Teil der East Stratcom Task Force eingerichtet, um Fake News und Desinformation aus Russland entgegenzuwirken.

Allerdings sind die Fähigkeiten der East StratCom Task Force, angemessen auf Fake News zu reagieren, schon seit Längerem ein Grund zur Sorge bei der EU-Kommission: Der ehemalige Kommissionsvize Andrus Ansip beklagte Ende 2018 bereits, dass das Budget für die Einheit, das derzeit fünf Millionen Euro beträgt, bei weitem nicht ausreiche – insbesondere, wenn man es mit den finanziellen Mitteln vergleicht, die der russischen Seite zur Verfügung stehen.

Kommissionsstudie: "Sanktionen" für Fake News

In einer Studie der EU-Kommission wird der „selbstregulierende Charakter“ des Verhaltenskodex gegen Desinformation kritisiert. Vielmehr sollten „Sanktionen und Abhilfemechanismen“ eingeführt werden, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten.

Dabei steht der Kampf gegen Desinformation schon lange sehr weit oben auf der EU-Agenda. So wurde beispielsweise der (freiwillige) Verhaltenskodex gegen Desinformation im Oktober 2018 eingeführt. Ziel war es vor allem, Fake News und Manipulationen im Vorfeld der Europawahlen im Mai 2019 einzudämmen.

Eine kürzlich von der EU-Exekutive in Auftrag gegebene Studie über den Kodex kritisiert jedoch vor allem die Freiwilligkeit des Rahmens. Daher wird vorgeschlagen, künftig Sanktionen für Plattformen einzuführen, die sich nicht an die Richtlinien halten.

Eine offizielle Evaluierung des Verhaltenskodex gegen Desinformation soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Derweil prüft die EU weitere Maßnahmen, die als Teil der neuen Regelungen im Digital Services Act und im Aktionsplan für Demokratie umgesetzt werden könnten. Letzterer soll sich explizit auf Desinformation im Zusammenhang mit externer Einmischung und Manipulation bei Wahlen konzentrieren.

[Bearbeitet von Sam Morgan und Tim Steins]

Erneuter Hacker-Verdacht gegen Russland

Großbritannien, die USA und Kanada haben schwere Vorwürfe gegen Russland erhoben:  „Russische Akteure“ hätten versucht, sich in die Parlamentswahl in Großbritannien im vergangenen Jahr einzumischen. Der Kreml wies die Vorwürfe zurück.

Fall Nawalny: Merkel verlangt Antworten von Russland

Der Kreml-Kritiker Nawalny wurde Merkel zufolge „zweifelsfrei“ mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet. Die Bundesregierung droht nun mit Konsequenzen.

„EU will nicht die Rolle eines Wahrheitsministeriums spielen“

Heute erwartet die Kommission einen ersten Bericht über die Anwendung eines Ehrenkodex für Facebook, Google und Co. Doch reicht das, um Fake News zu bekämpfen?

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN