Europol warnt: Terrorgefahr in Europa nach wie vor hoch

Ein schwer bewaffneter Polizist am Berliner Breitscheidplatz, wo am 21.12.2016 bei einem Terroranschlag insgesamt 12 Menschen getötet und 56 verletzt wurden. [EFE / Bernd Von Jutrczenka]

Die Bedrohung durch Terrorismus hat sich in Europa trotz der Gebietsverluste des IS in Syrien und im Irak „nicht verringert und hält an“, so der Leiter des Zentrums für Terrorismusbekämpfung von Europol, Manuel Navarrete. EURACTIVs Medienpartner Euroefe berichtet.

„Wir sind in Europa nach wie vor sehr wachsam. Die Bedrohung ist beträchtlich und nimmt viele unterschiedliche Formen an. Wir sprechen von mehr als 20 Vorfällen im Jahr 2017, von gut geplanten Anschlägen wie in Barcelona und Manchester bis hin zu weniger vorbereiteten,“ sagte Navarrete in einem Interview am Sitz von Europol in Den Haag.

Der Oberst der spanischen Guardia Civil steht seit Januar 2016 an der Spitze des Europäischen Zentrums für Terrorismusbekämpfung. Seine Abteilung hat die Aufgabe, „die Reaktionsfähigkeit der EU auf den Terror zu stärken“.

Nach Angaben von Europol – das seinen Jahresbericht 2017 noch nicht vorgelegt hat – wurden im vergangenen Jahr in Europa 980 Personen im Zusammenhang mit Dschihadismus verhaftet. Dieser Wert liegt leicht unter den 1.000 Verhaftungen im Vorjahr.

Navarrete wies darauf hin, dass „auch wenn die Bedrohung fortbesteht, die Zahl der Opfer zurückgegangen ist.“ So habe es 2017 insgesamt 68 Tote infolge islamistischer Anschläge in Europa gegeben; im Vergleich zu 135 im Jahr 2016.

Mehr Geld für gemeinsame Anti-Terror-Einheit in der Sahelzone

Bei einem Gipfeltreffen am Freitag wurden für die Unterstützung der Streitkräfte der Sahelzonenländer Mittel in Höhe von 414 Millionen Euro zugesagt. Die langfristige Finanzierung ist jedoch nicht gesichert.

Al-Qaida

Die internationale Aufmerksamkeit richtet sich aktuell größtenteils auf den Gebietsverlust des Islamischen Staates (IS) und seines selbsternannten „Kalifats“ in Syrien und im Irak. Doch Navarrete warnte davor, andere Terrorgruppen wie Al-Qaida zu vernachlässigen. Auch diese sei nicht verschwunden: „Diese beiden Bedrohungen existieren parallel.“

Für den Anti-Terror-Experten nimmt die Bedrohung durch den IS „verschiedene Formen an, ist schwierig nachzuverfolgen und hat viele unterschiedliche Tendenzen – auch im Ausland“. So habe der IS weiterhin „Verbindungen, aber auch Konkurrenz und Konflikte“ mit Al-Qaida.

„Über den IS und Al-Qaida als ein und dasselbe zu sprechen, ist falsch. Wir können nicht sagen, dass es eine tatsächliche Zusammenarbeit zwischen ihnen gibt, aber es gibt zumindest Verbindungen,“ erklärte Navarrette.

Für die Sicherheitskräfte sei vor allem wichtig, „wie sie [die Verbindungen] sich in terroristischen Anschlägen oder Aktionen manifestieren“, sei es in Europa oder im Rest der Welt.

Der IS habe ein Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert aufgebaut. Die Gruppe scheine „aggressiver und rücksichtsloser“, auch aufgrund ihrer Propaganda, die die Miliz auf Social Media mit Videos und Fotos ihrer Verbrechen verbreitet.

Doch Al-Qaida, die große Terroranschläge wie am 11. September in New York (3.016 Tote) oder am 11. März in Madrid (193 Tote) verübte, sei eine „ebenso aggressive und rücksichtslose Gruppe, aber mit einem gewissen Grad an Raffinesse und Planung“, so Navarrete.

Heute ließen sich somit drei „Hauptquellen“ islamistisch-terroristischer Bedrohung identifizieren: Einzeltäter, die „in sehr kurzer Zeit von 0 auf 100 gehen können“; dazu die ausgefeilteren und längerfristigen Pläne von Al-Qaida sowie drittens das komplexe Aktionssystem des IS.

Wachsende Bedrohung außerhalb Syriens

Der Rückzug des IS im Irak und Syrien reduziere die terroristische Bedrohung in Europa nicht und erhöhe einen bestimmten Risikofaktor sogar: Extremisten, die im „Kalifat“ gekämpft haben und mit der Belagerung/Zerschlagung ihres Territoriums konfrontiert sind, werden versuchen, in die europäischen Länder zurückzukehren, aus denen sie stammen, warnt Europol.

„In den letzten Jahren haben wir uns auf den Umgang mit diesem Problem vorbereitet. Der Informationsaustausch hat sich verbessert, die Polizeieinsätze werden immer besser und sind auf den Kampf gegen den Terrorismus und gegen Online-Propaganda ausgerichtet,“ so der Europol-Beamte Navarrette.

Die Strafverfolgungsbehörde der EU konzentriere sich nun vor allem auf die „Identifizierung, Abwehr und Verfolgung“ von Mitgliedern dschihadistischer Gruppen, die aus dem Nahen Osten nach Europa einreisen wollen.

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