EU-Wirtschaft verliert 60 Milliarden jährlich wegen gefälschter Produkte

Obwohl 97 Prozent der Europäer den Schutz geistigen Eigentums für wichtig halten, haben viele von ihnen auch schon einmal gefälschte Produkte gekauft. [Shutterstock]

Laut einer Studie des Amtes für geistiges Eigentum der EU sind die Einkommensausfälle aufgrund gefälschter Markenprodukte in Europa nach wie vor hoch. EURACTIV Frankreich berichtet.

Fälschungen sind teuer für die EU. Laut einer Studie des Amtes für geistiges Eigentum der Europäischen Union (EUIPO) erleidet die europäische Wirtschaft durch gefälschte Handtaschen, Kleidung, Smartphones und auch Arzneimittel einen Schaden von 60 Milliarden Euro jährlich.

Eine Tendenz, die nach Schätzungen des EUIPO und der OECD weiter zunimmt. Rund fünf Prozent der Einfuhren in die EU – und Warenwerte von immerhin 85 Milliarden Euro pro Jahr – entfallen auf gefälschte Produkte.

Die Maßnahmen zur Bekämpfung solcher Fälschungen sind im Vergleich zum Umfang des Problems allerdings nach wie vor schwach.

Nach den von der Kommission im Jahr 2016 veröffentlichten Zahlen beschlagnahmten die Zollbehörden rund 41 Millionen gefälschte Waren. Der Gesamtwert der entsprechenden authentischen Produkte wird derweil auf knapp über 672 Millionen Euro geschätzt.

In Frankreich hat der Zoll im Jahr 2017 rund 8,4 Millionen gefälschte Produktartikel an seinen Grenzen gestoppt. 1,2 Millionen davon waren Spielzeug- und Sportartikel, gefolgt von 1,1 Millionen Kleidungsstücken und mehr als einer Million Elektro- und Computergeräten.

Geistiges Eigentum und Arbeitsplatzverluste

Diese Massenfälschungen bedrohen insbesondere europäische Wirtschaftszweige, die auf geistigem Eigentum beruhen. Sie machen 42 Prozent des europäischen BIP aus und schaffen 28 Prozent der Arbeitsplätze in der EU.

Im letzten EUIPO-Bericht über gefälschte Markenprodukte heißt es, der Einkommensverlust durch Fälschungen entspreche einem Beschäftigungsverlust von 434.000 Arbeitsplätzen in den 13 untersuchten Branchen, darunter Lederwaren, Spielzeug, Bekleidung, Wein und Spirituosen, Tabakwaren und Medikamente.

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Der Bericht hebt hervor, dass es keine ausreichend abschreckenden Sanktionen für die Einfuhr gefälschter Produkte gibt – im Gegensatz, beispielsweise, zu den für Drogenhandel verhängten Strafen. Somit habe die Fälschungsindustrie diverse Netzwerke der organisierten Kriminalität angezogen, weil es keine erkennbaren Risiken zu geben scheint.

„Die Arbeitsweise dieser [der kriminellen Organisationen] wird aufgrund der Entwicklung der Technologie und der Lieferketten sowie der Bandbreite an Produkten, die gefälscht werden können, immer komplexer,“ betont die Studie.

Das Internet hilft beim Vertrieb gefälschter Produkte

Fälscher haben besonders vom Internet und dem Ausbau des E-Commerce für den Verkauf von Produkten profitiert. Die Praxis des E-Commerce hilft vor allem auch, gefälschte Produkte unter Originalprodukte zu mischen und sie so besser zu verbergen.

Darüber hinaus profitieren illegale Websites auch von digitaler Werbung, die den Umsatz erhöht: Einige dieser Websites zeigen Werbung für Produkte, die mit legalen, echten Marken assoziiert werden, und verkaufen dann deren gefälschte Versionen.

Obwohl die Studie zeigt, dass 97 Prozent der Europäer den Schutz geistigen Eigentums für wichtig halten, haben viele von ihnen auch schon einmal gefälschte Produkte gekauft.

Laut einer Studie der Union des Fabricants (UNIFAB, einer französischen Organisation, die sich für den internationalen Schutz des geistigen Eigentums und die Bekämpfung von Fälschungen einsetzt), gehören Kleidung, Lederwaren und Parfüm zu den am meisten freiwillig und bewusst gekauften Fälschungen unter den französischen Verbrauchern.

Allerdings nutzen Fälscher auch den Informationsmangel und das Unwissen unter den Verbrauchern, die oft gefälschte Produkte kaufen, die sie für echt halten. In Frankreich hätten beispielsweise 37 Prozent der Verbraucher Fälschungen erworben, weil sie glaubten, diese seien authentische Markenprodukte, so die Zahlen von UNIFAB.

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Gerade gefälschte Medikamente können gefährlich sein

Bei den Jugendlichen (15-18 Jahre) fiel in den Studien besonders auf, dass die Identifizierung der am stärksten gefährdeten Branchen sowie der möglichen Risiken von Fake-Produkten auffällig niedrig war. Lediglich 40 Prozent der Jugendlichen waren sich des Risikos von gefälschten Hygieneprodukten bewusst; bei Tabakerzeugnissen lag der Wert bei 71 Prozent und bei gefälschten Arzneimitteln immerhin noch bei 57 Prozent.

Das gibt Anlass zur Sorge, da gefälschte Arzneimittel für die Verbraucher sehr gefährlich sein können: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es jedes Jahr 700.000 Todesfälle durch den Einsatz gefälschter Arzneimittel.

„Die Verbraucher sind die ersten, die Opfer von Kollateralschäden werden, die von diesen Fälschern verursacht werden. Diese Menschen haben keine Skrupel, andere auszutricksen, um mehr Gewinn zu machen. Die Studie zeigt, dass wir unsere Sensibilisierungskampagnen fortsetzen und verstärken müssen,“ sagte der Leiter von UNIFAB, Christian Peugeot.

Die Verbraucher sprechen sich allgemein zum größten Teil gegen Fälschungen aus; sie haben aber unterschiedliche Gründe dafür: 17 Prozent sagten, sie würden lieber das Originalprodukt kaufen, während 30 Prozent keine Fälschungen erwerben, weil dies illegal ist. 30 Prozent gaben an, sie seien aus Prinzip gegen Fälschungen und würden sie daher nicht kaufen.

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