Ethnische Vielfalt: Die weiße EU

Die Europäische Union: "In Vielfalt geeint" ? [Shutterstock]

Für eine Institution, die sich für Vielfalt, Chancengleichheit und Menschenrechte einsetzt, ist die Europäische Union überraschend lasch, wenn es darum geht, diese Ziele auch in die Praxis umzusetzen – insbesondere im Hinblick auf die Beschäftigung ethnischer Minderheiten.

Brüssel ist eine sehr vielfältige Stadt. Von den 1,1 Millionen Einwohnern wurde rund die Hälfte außerhalb Belgiens geboren.

Die Zahl der Angehörigen ethnischer Minderheiten, die in den EU-Institutionen arbeiten, ist jedoch äußerst gering – weniger als zwei Prozent der Beschäftigten in hochrangigen Positionen. Von den aktuell 751 Parlamentsabgeordneten sind weniger als 20 farbig.

„Die EU, eine internationale Organisation mit 28 Mitgliedsstaaten, die stolz verkündet, sie sei „in Vielfalt geeint“, ist nichts dergleichen,“ kritisiert Syed Kamall, Ko-Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR) und Mitglied des Europäischen Parlaments.

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Die EKR ist dabei noch eine der vielfältigsten Fraktionen im Parlament; mit fünf nicht-weißen Abgeordneten von insgesamt 72. Drei der fünf kommen aus dem Vereinigten Königreich, das als das vielfältigste Land in der EU gilt. Die letzte Volkszählung im Jahr 2011 ergab, dass fast 12 Prozent der britischen Bevölkerung einer ethnischen Minderheit angehören.

Ein Großteil der ethnischen Vielfalt, die in den EU-Institutionen besteht, ist auf das Vereinigte Königreich zurückzuführen. Mit dem Brexit dürfte sich dies also ändern.

„Nach meiner persönlichen Erfahrung kommen viele der Menschen, mit denen ich in Bezug auf meine Arbeit in Kontakt komme, aus dem Vereinigten Königreich und aus Frankreich. Nicht so sehr aus anderen Mitgliedstaaten. Und das ist es, was mich glauben lässt, dass Brexit echte Auswirkungen haben könnte,“ sagt Sarah King, Administratorin in der Arbeitnehmerabteilung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA).

„Wenn wir im März 2019 austreten, wird es in den Ausschusssitzungen und im Parlament noch weniger Erinnerung daran geben, wie die Welt außerhalb der Brüsseler Blase aussieht. Das sollte die EU beunruhigen,“ so Kamall gegenüber EURACTIV.

Sarah Chander vom Europäischen Netzwerk gegen Rassismus (ENAR), sieht den Ursprung des Problems in der „nichts Böses hören, nichts Böses sehen“-Mentalität in den EU-Institutionen.

„Ehrlich gesagt ist es keine Priorität für die EU, sich damit auseinander zu setzen,“ glaubt Chander. Die EU-Institutionen folgten dem Grundsatz: ‚Wenn wir nicht darüber reden, gibt es das Problem nicht‘.

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Mitglieder der ENAR-Bezugsgruppe für Farbige treffen sich regelmäßig und teilen ihre Erfahrungen in der Brüsseler Blase. Ein Mitglied sagte, die einzigen anderen Farbigen, die sie in den EU-Institutionen sieht, seien in der Regel Berufseinsteiger.

Der deutsche Kommissar Günther Oettinger hatte 2017 eine neue Charta für Vielfalt und Integration ins Leben gerufen. Die Strategie zielt darauf ab, „einen besseren Arbeitsplatz für alle zu schaffen – einschließlich Frauen, Mitarbeiter mit Behinderungen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle (LGBTI) sowie ältere Mitarbeiter“. Die Kommission kündigte außerdem an, bis 2019 mindestens 40 Prozent Frauen in Führungspositionen zu haben.

Nicht erwähnt wurden allerdings Maßnahmen zur Unterstützung ethnischer Minderheiten.

„Die Strategie hat es völlig versäumt, Maßnahmen zur Bekämpfung der Diskriminierung von Menschen aus rassischen, ethnischen und religiösen Motiven einzuführen,“ moniert Soraya Post, schwedische Europaabgeordnete der sozialdemokratischen S&D-Fraktion und Ko-Präsidentin der Interfraktionellen Arbeitsgruppe Anti-Rassismus und Vielfalt (ARDI).

„Gleichheit für einige ist nicht Gleichheit für alle. Die Kommission hat die falsche Botschaft an gegenwärtige und zukünftige Arbeitnehmer aus rassischen, ethnischen und religiösen Minderheiten gerichtet: Nämlich, dass weder sie noch ihre Anliegen eine Priorität der Europäischen Kommission sind,“ kritisiert Post heftig.

Ein Sprecher der Kommission sagte gegenüber EURACTIV hingegen, bei der Einstellung neuer Mitarbeiter werde „konsequent eine Politik der Chancengleichheit anwendet und sich für die Gleichbehandlung aller Kandidaten einsetzt“. Gleichzeitig werde darauf hingearbeitet, „die Vielfalt der Bewerber weiter zu erhöhen.“

„Wir sollten nicht vergessen, dass die selektivste Phase der Einstellung von Beamten (nämlich computergestützte Tests) völlig anonym ist und als solche nicht zu Diskriminierung führen kann. Darüber hinaus werden die Ergebnisse der Auswahlverfahren überwacht, um anormale Ausfallraten von Minderheitengruppenmitgliedern während der Verfahren zu vermeiden und gegebenenfalls Korrekturmaßnahmen zu ergreifen,“ erläuterte der Sprecher weiter.

Gundi Gadesmann, Kommunikationschefin des Europäischen Bürgerbeauftragten, erklärt darüber hinaus: „Die Frage der ethnischen Vielfalt ist natürlich eine wichtige Angelegenheit für die EU-Institutionen, aber wir haben (noch) keine Beschwerden zu diesem Thema erhalten.“

Das Problem beschränkt sich jedoch nicht nur auf Brüssel: Ein anderes Mitglied der ENAR-Gruppe für People of Colour erzählt, in einigen EU-Ländern könne man sich, wenn man farbig ist, fast nicht als Teil dieses Mitgliedstaates oder gar als Europäer fühlen.

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„Europa macht einen Schritt zurück, weil es die Vielfalt nicht schätzt“, fürchtet auch Madi Sharma, Unternehmerin und Mitglied des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Ihrer Ansicht nach müsse jede EU-Institution einen Diversity-Ansatz, demokratischere Prozesse und mehr Transparenz bieten.

„Wenn es in einem Unternehmen oder einer Firma Rassendiskriminierung gibt, werden wir verklagt. Aber wenn man in der Europäischen Kommission oder einer EU-Institution rassistisch diskriminiert, passiert nichts,“ so Sharma.

Die EU-Institutionen erheben Daten über Nationalität, Alter und Geschlecht ihres Personals. Sie sammeln jedoch keine Daten über Rasse, Ethnizität und Religion. Auch viele nationale Regierungen haben keine Statistiken über die Größe ihrer Minderheitengruppen.

In Frankreich ist es für die Regierung illegal, Daten über die Ethnizität ihrer Bürger zu sammeln, da dies als rassistisch an sich gilt. In Deutschland hingegen werden keine Daten über die „Rasse“ erhoben, weil befürchtet wird, unbequeme Erinnerungen an die Nazizeit könnten geweckt werden.

Aus Sicht von Sarah Chander vom ENAR sei es aber eine Möglichkeit, diese Ängste zu zerstreuen, indem die Daten anonym und freiwillig gesammelt würden. Nach wie vor mache der Mangel an Daten es unmöglich, zu sagen, ob es für Farbige schwieriger ist, in einem professionellen Umfeld voranzukommen.

Professionelle Aufstiegsmöglichkeiten gebe es „für jeden, theoretisch“, so Chander. Theoretische Chancengleichheit bedeute aber nicht, dass in der Praxis auch gleiche Ergebnisse beobachtet werden können.

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