Elitenforscher: „Die globalisierte Wirtschaftselite ist eine Legende“

Der Finanzdistrikt von San Franzisco [Foto: yhelfman/Shuttertsock]

International und in der Lage, überall in der Welt Karriere zu machen – so sehen sich Spitzenmanager. Soziologe Michael Hartmann widerspricht im Interview mit Euractivs Medienpartner „WirtschaftsWoche“ . Einen Weltmarkt für Wirtschaftsführer gebe es nicht.

WirtschaftsWoche: Derzeit ist viel die Rede von dem politischen Gegensatz zwischen den globalisierten Eliten und den an ihrer Nation und traditionellen örtlichen Bindungen hängenden Trump-, Le Pen-, Brexit- und AfD-Wählern. Jetzt schreiben Sie in Ihrem aktuellen Buch, „Die globale Wirtschaftselite“ sei „eine Legende“. Gibt es also auch diesen Gegensatz gar nicht.

Michael Hartmann: Dieser Gegensatz ist zumindest schwächer als viele glauben. Man konstruiert da einen Unterschied zwischen kosmopolitischen Eliten und dem „normalen Volk“. Aber die Eliten leben eben gar nicht so kosmopolitisch wie sie sich selbst darstellen. Natürlich können sie unter Milliardären oder Vorstandschefs keinen finden, dessen Bindungen mit denen eines Bauern in der Eifel vergleichbar wären. Aber sie sind in aller Regel nicht die bindungslosen Nomaden, als die sie oft wahrgenommen werden.

Zu dem Narrativ von der globalen Wirtschaftselite gehört vor allem die Behauptung eines weltweiten Arbeitsmarktes für Topmanager. Aber diese beruht in den Medien und der Wissenschaft gleichermaßen nur auf Schilderungen von Einzelbeispielen, zum Beispiel John Cryan oder Anshu Jain.

Ich beschäftige mich nun seit rund 20 Jahren mit dem Thema und habe für mein letztes Buch die 1000 größten Unternehmen der Welt untersucht, weil dort die Internationalität des Topmanagements am größten ist. Ergebnis: Es gibt diesen Weltmarkt der Spitzenmanager nicht. Neun von zehn CEO leiten ein Unternehmen in ihrem Heimatland. Sieben haben sogar ihr gesamtes Leben in ihrer Heimat verbracht, waren nicht einmal für wenige Monate im Ausland.

Seit der so genannten Standort-Deutschland-Debatte gilt es als ausgemacht, dass die besten Köpfe oder auch ganze Unternehmen einfach ins Ausland abwandern, wenn man nicht für angemessene Bedingungen und vor allem global konkurrenzfähige Bezahlung sorgt. Das stimmt also nicht?

An dem Argument, dass die Vorstandsgehälter so hoch sein müssen, weil die Topmanager sonst ins Ausland gehen, ist fast gar nichts dran. Schauen wir uns an, wie viele Deutsche im Ausland Großunternehmen leiten: Das sind ganz wenige Einzelfälle, gut eine Handvoll. Von den Top-300-Unternehmen der USA wird derzeit keines von einem Deutschen geführt, unter allen 4000 börsennotierten US-Unternehmen etwa ein halbes Dutzend. Verschwindend.

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Ist das Topmanagement deutscher Konzerne vergleichsweise besonders wenig internationalisiert?

Nein, eher im Gegenteil. Deutschland liegt mit einem Ausländeranteil von 14 Prozent unter den CEO der 100 größten Konzerne weltweit sogar in der Spitzengruppe. Die globalisierte Wirtschaftselite ist eine Legende.

Gilt das auch für die zweite und dritte Führungsebene?

Vor einigen Jahren hat der Kollege Pohlmann den Anteil ausländischer Manager dieser Ebenen bei deutschen Auto- und Elektrokonzernen untersucht. Da war der Anteil noch geringer als auf der Vorstandsebene. Für andere Industrieländer dürfte ähnliches gelten.

Spielt die Größe der Konzerne eine Rolle?

Ja. Erwartungsgemäß steigt die Wahrscheinlichkeit der Internationalität im Vorstand mit der Größe des Unternehmens.

Sind internationale Erfahrungen für Managerkarrieren ein Vorteil?

Anders als allgemein behauptet, ist das so generell nicht der Fall. Es gibt Studien über Expatriates, also Deutsche, die von ihren Konzernen in Auslandsvertretungen geschickt werden, die zeigen, dass das für die spätere Karriere sogar eher ein Hindernis sein könnte. Denn die wesentlichen Entscheidungen über die großen Karriereschritte finden immer in den Zentralen statt. Längere Auslandsaufenthalte schwächen oft die wichtigen Kontakte.

Gilt ihre Legenden-These auch für die Superreichen?  

Auch von den 1000 reichsten Menschen der Welt leben weniger als 100 außerhalb ihres Landes. Die Frage, ob die Reichen abwandern, wenn sie zu hoch besteuert werden, hängt nicht nur mit dem Steuersystem zusammen, sondern auch damit, wohin die Reichen gehen können, und wie eng ihre Bindungen an staatliche Strukturen sind.

Die russischen Milliardäre leben fast alle wieder in Russland, weil ihr Reichtum vom direkten Draht zur Moskauer Regierung abhängig ist. Für China und für die meisten Schwellenländer gilt das genauso. Auch amerikanische Milliardäre leben fast alle in den USA. Nur drei der 300 reichsten Amerikaner leben im Ausland. Der Grund ist ganz einfach: Amerikaner werden auch im Ausland nach amerikanischem Recht besteuert.

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Im Ausland leben vor allem Milliardäre aus bestimmten europäischen Ländern – Deutschland, Frankreich, Italien. Aber die gehen nicht irgendwohin. Die konzentrieren sich in der Schweiz. Und zwar immer da, wo dieselbe Kultur und Sprache dominiert. Von den 19 deutschen Milliardären außerhalb Deutschlands leben 14 in der Schweiz, davon 12 am Zürichsee, und zwei in Österreich. Die Franzosen wohnen am Genfer See und die Italiener im Tessin.

Auch die Milliardäre, die ihr Land verlassen, sind in der Regel also keine echten Kosmopoliten. Sie gehen, wenn sie in einem Nachbarland mit gleicher Kultur und Sprache viel weniger Steuern zahlen müssen. Reiche Franzosen können problemlos an den Genfer See gehen und die niedrigen Schweizer Steuern zahlen. Sie würden sicher gerne auch nach Monaco gehen. Dort aber sind sie anders als in der Schweiz gemäß eines alten Abkommens weiter in Frankreich steuerpflichtig.

Wenn die globale Wirtschaftselite eine Legende ist, fragt man sich: Wie kommt es dazu? Haben die Topmanager und Superreichen sie selbst geschaffen?

Zunächst ist diese Globalisierungserzählung für deren Interessen natürlich sehr günstig. Der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp verdiente bei der Fusion mit Chrysler 1998 nur gut ein Sechstel von dem, was sein Vize Robert Eaton verdiente, der von Chrysler kam. Da sagte man: Das geht nicht, wir brauchen also auch Regeln wie in den USA mit hohem Bonusanteil.

Natürlich erhob da im Vorstand niemand Einwände, weil das auch für die anderen bedeutete, dass schlagartig die Bezüge stiegen. In anderen deutschen Konzernen griff man das Argument gerne auf, weil es den eigenen Interessen entgegen kam. Was weniger im öffentlichen Fokus steht: Die Aufsichtsratsbezüge sind noch stärker als die der Vorstände gestiegen. Da hat eine Hand die andere gewaschen.

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Völlig aus der Luft gegriffen kann aber eine Legende doch nicht sein, wenn sie offensichtlich glaubwürdig ist.

Topmanager reisen häufiger als früher international. Das hat extrem zugenommen und zum Beispiel die Hobbys der Spitzenmanager verändert. Vor 30 Jahren spielten sie noch oft perfekt Musikinstrumente oder malten. Dafür braucht man Zeit und einen festen Ort. Heute laufen viele Marathon. Denn laufen kann man immer und überall.

Wenn heutige Manager ihre internationalen Kunden treffen oder auf Roadshows sind, dann bekommen sie natürlich selbst den Eindruck: Du bist global unterwegs. Tatsächlich aber sind sie immer nur kurzzeitig in den immer gleichen Hotelketten, und die Heimatbasis, der nationale Bezugspunkt, bleibt erhalten.

Woran machen Sie das fest?

Nehmen wir den aktuellen Dieselskandal. Das Kartell, das sich da zusammenfand, war ein rein deutsches. Weder Ford noch Opel waren dabei, geschweige denn die asiatischen Hersteller. Die deutschen Automobilmanager ticken eben nach einer ähnlichen Logik. Vertrauen stellt sich nicht zuletzt auf einer kulturellen Basis her. Man weiß eben, wie es unter Seinesgleichen läuft. Da will man die US-Amerikaner oder Franzosen nicht drin haben.

Es gibt also eine Diskrepanz zwischen dem pseudoglobalen Selbstbild und der faktischen nationalen Gebundenheit der Manager?

Ja. Die Selbstsicht nimmt die kulturelle Gebundenheit nicht wahr. So etwas wird nicht reflektiert. Man sieht sich selbst als globale Manager. Vor allem, weil man sich mit den Generationen davor vergleicht, die viel seltener auf internationalen Dienstreisen waren. Zu der Entstehung der Legende kommt neben dem Eigeninteresse der Manager und ihrer Selbstwahrnehmung durchs viele Reisen noch die Verstärkung durch die Medienberichterstattung. Wer die These von der globalen Wirtschaftselite in allen Wirtschaftsressorts immer wieder liest, der wird in seiner Selbstsicht noch bestärkt.

Welche Rolle spielt die Hochschulausbildung der Wirtschaftseliten für deren globalistisches Selbstbild?

Die vorgeblichen Brutstätten der globalen Elite, etwa die London School of Economics oder die Harvard Business School, sind auch eine Legende. Von den CEOs der 1000 weltgrößten Unternehmen haben gerade einmal 19 an einer berühmten Business-School im Ausland studiert, davon fünf an der LSE. In Harvard waren zwar insgesamt 20, aber davon sind 16 US-Amerikaner.

Die amerikanischen CEOs haben sehr oft an ihren eigenen Elite-Unis studiert, da gehört Harvard als Krönung natürlich dazu. Für die Franzosen haben die Grandes Écoles diese Funktion, für die Briten LSE, Oxford und Cambridge, für die Japaner die Big-Five-Unis. Aber dass ein Ausländer da studiert und CEO wird, ist eine Seltenheit. Wenn doch kommen diese meist aus kleineren Ländern, in denen es keine renommierten Unis gibt.

Wenn deutsche Vorstandschefs im Ausland studiert haben, waren sie meist in St. Gallen in der Schweiz. Selbst kürzere Studienaufenthalte im Ausland sind in den Lebensläufen der Vorstandschefs selten. Fazit: Auch die Elitebildungseinrichtungen bleiben den Traditionen des eigenen Landes verhaftet.

Und die deutschen Management-Kaderschmieden?

Im Wesentlichen haben Vorstandschefs nach deutscher Tradition studiert, das heißt, sie kommen querbeet von allen möglichen deutschen Universitäten. Die privaten Business Schools wie die WHU und die EBS spielen keine Rolle. Selbst Absolventen von Provinzuniversitäten sind häufiger in Vorständen vertreten als die von privaten Business Schools. In den Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen sitzen z.B. drei Paderborner Absolventen und genau einer von der EBS. Von der WHU auch nur einer. Aber von der Universität Passau zwei.

Welche politischen Folgerungen ziehen Sie aus Ihren Ergebnissen? Sollte die Wirtschaftselite anders behandelt werden?

Dieser vorauseilende Gehorsam der Politik gegenüber der Wirtschaftselite ist auf ganz vielen Gebieten nicht nötig. Wenn es zum Beispiel um die Begrenzung von Managergehältern oder die Steuergesetzgebung geht, muss man zunächst einmal feststellen: Es ist machbar, ohne dass die Spitzenmanager zuhauf das Land verlassen. Sie können zwar damit drohen, tun aber es faktisch nicht, weil es die unterstellten Ausweichmöglichkeiten für sie gar nicht gibt. Die Politik hat also viel mehr Handlungsmöglichkeiten, als man gemeinhin annimmt.

Was man umsetzen will, hängt natürlich vom politischen Standpunkt ab, aber man kann die Debatte nicht einfach dadurch beenden, dass man sagt: Es geht sowieso nicht anders. Unternehmen können noch am ehesten woanders investieren. Aber auch da sind die Grenzen enger, als man annimmt, vor allem für die Firmenzentralen.

Beispiel Autoindustrie. So ein Geflecht von Kompetenz, wie es im Großraum Stuttgart existiert, kann man nicht beliebig verlegen. Gleiches gilt für das Silicon Valley. Die könnten sagen: Wir gehen nach Irland wegen der niedrigen Steuern. Aber dann haben sie nicht mehr die Anbindung an Stanford und Berkeley. Die informellen Netzwerke, die für Innovation und Produktivität entscheidend sind, bleiben gebunden an bestimmte Standorte. Darum ist das Drohpotential geringer, als es erscheint.

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