Ein vergessenes Jubiläum: Startschuss für den Abbau des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren

Überreste des Eisernen Vorhangs. Am 2. Mai 1989 wurde erstmals mit dem Abbau des Grenzzaunes zwischen West und Ost im ungarischen Sopron begonnen. [Shutterstock]

Vor 30 Jahren wurde mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs begonnen. Ein Ereignis, das Europas Gesicht nachhaltig veränderte. Die Politik hat darauf weitgehend vergessen. Eine Chronik von Herbert Vytiska.

Die EU-Politik steht derzeit fast ausschließlich im Zeichen des Wahlkampfs für die Wahlen zum Europäischen Parlament und der Ungewissheit, ob und vor allem wann es zum Brexit kommt. Kaum Aufmerksamkeit findet dagegen ein Jubiläumstag, der Europa grundlegend veränderte: Vor 30 Jahren wurde mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs begonnen. Der Grundstein dafür, dass am 1. Mai 2004, also vor 15 Jahren, die acht ehemaligen Ostblockstaaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn sowie auch Malta und Zypern der Europäischen Union beitraten – der größten Erweiterungsschritt der EU. Anstelle Diskussionen über die Vertiefung des Erfolgsprojekts EU zu führen, wird ein regelrechter Abwehrkampf gegen rechtspopulistische Parteien geführt, die das Rad der Geschichte zurückdrehen möchten.

Für Österreich hat das Ende der Teilung Europas in zwei unterschiedlich ideologisch geprägte Hemisphären besondere Bedeutung. So erinnert der Europaparlamentarier Othmar Karas (ÖVP) daran, dass damit Österreich nicht nur vom Rand in die Mitte Europas rückte. Für Österreich, das damals gerade den Antrag auf Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft gestellt hatte, erhielt eben dieser Antrag eine völlig neue Dimension. Das Land wurde für Brüssel zum Brückenbauer zu den ehemaligen kommunistischen Volksdemokratien. Im Avis vom 31. Juli 1991, mit dem grünes Licht für Beitrittsverhandlungen gegeben wurde, war zu lesen: „Der Gemeinschaft werden ferner die Erfahrungen eines Landes zum Vorteil gereichen, das wie Österreich aufgrund seiner geographischen Lage, seiner Vergangenheit und der ererbten und neu hinzugewonnenen Verbindungen genau im Mittelpunkt des Geschehen liegt, aus dem das neue Europa entsteht.“

Abbau des Eisernen Vorhangs: Keine Medienresonanz

Bereits mit Kriegsende 1945 begannen jene Staaten, die von sowjetischen Truppen besetzt worden waren, mit der sukzessiven hermetischen Abriegelung ihrer Grenzen mit Westeuropa.

Am 2. Mai 1989 kündigte die damalige und noch kommunistisch geführte ungarische Regierung an, mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs zu beginnen. Der eigentliche Grund dafür war, dass man sich die Erhaltungskosten für den mittlerweile in die Jahre gekommenen Grenzschutz ersparen wollte. Von einem freien Grenzverkehr war damals noch nicht die Rede.

Der Reporter Bernhard Holzner fuhr daraufhin sofort zur österreichisch-ungarischen Grenze bei Hegyeshalom und fotografierte, wie Arbeiter mit der Demontage des Stacheldrahtverhaus begannen. Für die Fotos von diesem Ereignis – immerhin trennte 44 Jahre lang der Eiserne Vorhang Europa in einen West- und Ostblock – gab es weltweit keine Resonanz.

Wieder einmal zeigte sich, wie sehr es in der Politik auf Inszenierungen ankommt: Holzner fuhr ins Außenministerium und beklagte beim Pressesprecher, dass sich offenbar niemand für seine Fotos von der Zeitenwende interessiere. Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen und ging damit zu seinem Minister, Alois Mock. Während die Diplomaten eigentlich kein Aufsehen machen wollten, entschied Mock, seinen ungarischen Amtskollegen Gyula Horn anzurufen und ihm vorzuschlagen, doch gemeinsam einen historischen Akt zu setzen und den Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn öffentlichkeitswirksam durchzuschneiden.

Gesagt, getan: Am 27. Juni wurde die Öffnung an den Grenze zu Sopron vor einer Hundertschaft von Kameraleuten inszeniert. Die Bilder davon gingen weltweit durch die Medien und werden bis heute mit dem Beginn vom Ende des Kalten Kriegs assoziiert.

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