Ein deutsch-französisches Amphibienfahrzeug für den Katastrophenschutz

Was bislang entlang des gesamten Oberrheins gefehlt hat, war ein Amphibienfahrzeug. Ein deutsch-französisches Projekt hat es möglich gemacht. [THW]

Der Oberrhein zwischen Basel und Karlsruhe ist eine Region, die vom Hochwasserrisiko besonders stark betroffen ist. Hier ist die Rheinebene zu beiden Seiten flankiert von zwei Mittelgebirgen, den Vogesen und dem Schwarzwald; und bei starken Regenfällen oder bei Schneeschmelze führt der Rhein zudem riesige Wassermassen aus den Alpen mit sich, die der 1.232 km lange Strom bis zu seiner Mündung in die Nordsee transportieren muss.

Daher ist es für die Region Oberrhein besonders wichtig, die Einsatzkräfte, die bei schweren Überschwemmungen den Schutz der Bevölkerung zur Aufgabe haben, für den Ernstfall mit geeignetem Material für erforderliche Hilfsmaßnahmen auszustatten. Das gilt umso mehr für Grenzregionen, denn effektiver Katastrophenschutz über Ländergrenzen hinweg erfordert zudem eine auf die beteiligten Länder abgestimmte Organisationsstruktur, wie beispielsweise gemeinsame Einsatzpläne, die an die jeweiligen Ressourcen angepasst sind. Am Oberrhein sind hierfür das Technische Hilfswerk (THW) auf deutscher Seite und die Protection Civile auf französischer Seite zuständig.

Was bislang entlang des gesamten Oberrheins gefehlt hat, war ein Amphibienfahrzeug, das die Lücke zwischen klassischen Einsätzen auf dem Wasser oder an Land schließen könnte. Überall dort, wo bei Überschwemmungen Boote, Arbeitsplattformen und Pontons, aber auch Lastwagen an ihre Grenzen stoßen, etwa in innenstadtnahen Bereichen, in denen die Wassertiefe innerhalb kurzer Distanzen starken Schwankungen unterliegen kann, kann ein Amphibienfahrzeug in die Bresche springen.

Diese Lücke ist zum Jahreswechsel geschlossen worden, als der Germersheimer Landrat Dr. Fritz Brechtel den Vertretern des THW und der Protection Civile du Bas-Rhin ein neues Amphibienfahrzeug für den Katastrophenschutz offiziell übergab.

Das neue Gefährt ist in Germersheim stationiert und steht für Einsätze auf beiden Seiten des Rheins zur Verfügung. Die Besatzung, die aus gemischten Teams aus Frankreich und Deutschland besteht, hat das neue Einsatzfahrzeug liebevoll „Lurchi“getauft, was auf seine amphibische Natur anspielt. Sein Haupteinsatzgebiet ist dabei der Eurodistrikt Pamina, der die Südpfalz und den Mittleren Oberrhein mit den Landkreisen Karlsruhe und Rastatt auf deutscher Seite und den Nordelsass auf französischer Seite umfasst. Doch im Bedarfsfall kann Lurchi auch in angrenzenden Regionen eingesetzt werden. Allerdings ist die Besatzung mit dem neuen Fahrzeug nicht zu Einsätzen gerufen worden, denn seit Inbetriebnahme ist am Oberrhein noch kein Hochwasser aufgetreten, das einen Einsatz erfordert hätte.

Der Eurodistrict Pamina befindet sich nicht nur geografisch im Herzen Europas. Mit seiner Lage zu beiden Ufern des Rheins steht die Region auch sinnbildlich für die bewegte Geschichte beider Länder, die mit der deutsch-französischen Freundschaft inzwischen in ruhigere, friedliche Fahrwasser gemündet ist. In diesem Jahr feiert der Eurodistrikt Pamina sein 30. Jubiläum.

„Das neue Amphibienfahrzeug ist wie ein großzügiges Geburtstagsgeschenk an die gesamte Region“, sagt Frederic Siebenhaar, der vonseiten der Verwaltung des Eurodistrikts an der Anschaffung des Amphibienfahrzeugs beteiligt war.

Es ist auch ein kostspieliges Geschenk. Allein 200.000 Euro hat die Anschaffung des Fahrzeugs gekostet. Es ist ein Prototyp, eigens hergestellt von der Firma IVECO, und momentan das einzige Amphibienfahrzeug seiner Art in Deutschland und Frankreich. Vergleichbare Fahrzeuge waren nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten übernommen worden, sind aber aufgrund fehlender Ersatzteile längst außer Dienst gestellt.

Insgesamt schon sich die Kosten der Anschaffung und der Nutzung auf rund 300.000 Euro belaufen. Davon wurden etwa 60 Prozent (178.000 Euro) über die Fördertöpfe des Interreg-V-Programms der Europäischen Union bereitgestellt.

Der Landkreis Germersheim, in dem „Lurchi“ stationiert ist, und die Kollegen von der Protection Civile erstellen gemeinsam die Einsatzpläne. Und sie bilden gemeinsam das nötige Personal aus, denn es sollen gemischte Teams an Bord gehen, sowohl was die Nationalität angeht, als auch das Geschlecht. Auf beiden Seiten werden momentan acht bis zehn Kandidatinnen und Kandidaten auf ihren Einsatz vorbereitet. Zur Ausbildung gehören u.a. der Erwerb spezieller Führerscheine für Spezialfahrzeuge für den Einsatz zu Lande, aber eben auch entsprechende Bootsführerscheine für den Einsatz im Wasser.

„Es ist ein Zeichen der Freundschaft und der Völkerverständigung, wenn man dem anderen über Ländergrenzen hinweg in der Not beisteht und zur Hilfe eilt“, sagt Frederic Siebenhaar von Eurodistrikt Pamina. „Es wird dazu beitragen, dass die Menschen auf der deutschen und der französischen Seite des Flusses in Zukunft noch enger zusammenwachsen werden.“

Für „Lurchi“, das Amphibienfahrzeug auf dem Oberrhein gelten im Einsatz ohnehin keine Ländergrenzen. Für das Hochwasser ja auch nicht.

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