Die heimliche Hauptstadt des Front National

Marine Le Pen [European Parliament]

Kurz vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich will die Rechtspopulistin Marine Le Pen von einer Kleinstadt im Norden aus das ganze Land erobern.

In Hénin-Beaumont ist die Welt in Ordnung, zumindest glaubt das Marine Le Pen. Für die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin ist die nordfranzösische Stadt mit 27.000
Einwohnern so etwas wie die heimliche Hauptstadt ihrer „Bewegung“. Hier eroberte ihre Front National (FN) 2014 symbolträchtig das Rathaus. Bei der Präsidentschaftswahl in rund zwei Wochen soll die FN-Hochburg im früheren Stammgebiet der regierenden Sozialisten als Modell für den erhofften Sieg dienen.

Steeve Briois ist dort das Gesicht der Front National. Der 44-Jährige ist nicht nur Bürgermeister von Hénin-Beaumont und Europaabgeordneter, sondern auch einer der Stellvertreter von Marine Le Pen. Seit er bei der Kommunalwahl vor drei Jahren schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit holte, gilt er in der Partei als Held. Zudem spielt er eine Schlüsselrolle in Le Pens Strategie, die FN zu „entdiabolisieren“ und für breite Wählerschichten attraktiv zu machen.

Front National: Eine Wählerschaft aus Vätern und Söhnen

Für Marine Le Pen und ihren FN stehen die Chancen gut, auf der Populismus-Welle weit voranzukommen. Warum genießt der Front National so viel Zulauf? EURACTIV Frankreich berichtet.

„Unsere Mission ist es, die Leute zu beruhigen“, sagt Briois. „Wir haben zwar seit 2011 bei jeder Wahl zugelegt. Aber 40 Prozent der Franzosen denken immer noch an den Teufel, wenn sie uns sehen.“

Die offene und freundliche Art des Bürgermeisters komme bei den Leuten an, sagt Elisabeth Develter. „Ich habe früher links gewählt“, erzählt die pensionierte Supermarkt-Mitarbeiterin. „Aber die Linke hat uns verraten und ausgeraubt. Dieser Bürgermeister macht, was er ankündigt.“ Deshalb heißt die Wunschpräsidentin der 70-Jährigen: Marine Le Pen.

FN macht gegen Flüchtlinge mobil

Wie Develter denken viele: Laut Umfragen kann Le Pen in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in knapp drei Wochen auf rund 25 Prozent der Stimmen hoffen, sie liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem parteilosen Emmanuel Macron. In der zweiten Runde soll sie Macron allerdings deutlich unterliegen.  „Wenn die Front National auf lokaler Ebene ihre Versprechen hält, heißt das doch, dass sie es auf nationaler Ebene auch macht“, sagt der 32 Jahre alte Lagerarbeiter Bastien. Versprochen hat die FN in Hénin-Beaumont: mehr Sicherheit, mehr Krippenplätze, die Auflösung eines Roma-Lagers.

AfD und Front National zunehmend auf einer Wellenlänge

Seit dem Rechtsruck innerhalb der Alternative für Deutschland (AfD) nähert sich die Partei immer weiter an Frankreichs rechtsextremen Front National (FN) an. Jetzt scheinen beide Bewegungen über ihre Russlandpolitik zusammenzufinden. Euractiv Frankreich berichtet.

Zudem macht die FN gegen Flüchtlinge mobil: Kürzlich hat das Rathaus eine neue Satzung veröffentlicht, mit dem Titel „Meine Gemeinde ohne Migranten“. Den sozialistischen Kommunalpolitiker Stéphane Filipovitch regt das auf. „Das ist typisch für Populisten, Ängste zu schüren, um Anhänger zu gewinnen“, sagt er. Dabei gebe es in der Nähe von Hénin-Beaumont nicht mal ein Flüchtlingszentrum. Allerdings liegt die Stadt rund 80 Kilometer südöstlich von Calais, wo das Flüchtlingslager im Herbst aufgelöst wurde.

Städtische Angestellte eingeschüchtert

Auch die Grünen-Politikerin Marine Tondelier hat ihre Erfahrungen mit der Front National gemacht. Bei Sitzungen des Stadtrats seien Beleidigungen und Provokationen durch die FN an der Tagesordnung, kritisiert Tondelier, die mit fünf anderen Oppositionellen gegen 19 FN-Mitglieder die Stellung hält. Zudem würden städtische Angestellte eingeschüchtert, die nicht „auf Linie“ seien    Über ihre Erfahrungen schreibt Tondelier in ihrem Blog „Nouvelles du Front“ („Neuigkeiten von der Front“) und einem gleichnamigen Buch. Darin prangert sie das Bild eines rechtspopulistischen „Disneyland“ an, das Le Pen verbreite.

TV-Debatte in Frankreich: Europa noch immer zweite Geige

Die fünf Präsidentschaftsanwärter Frankreichs standen sich am gestrigen Abend in einer dreistündigen TV-Debatte gegenüber. Um Europa und Außenpolitik ging es jedoch erst in der letzten Viertelstunde. EURACTIV Frankreich berichtet.

Denn die sozialen Probleme in der früheren Bergbaustadt Hénin-Beaumont sind weiter groß. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei rund 18 Prozent, das ist fast doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt. Bürgermeister Briois und Le Pen machen dafür die sozialistische Regierung von Präsident François Hollande verantwortlich.

Als Affront gegen Hollande und das politische „Establishment“ ist auch Le Pens jüngste Ankündigung gedacht: Sie will ihren erhofften Triumph in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 23. April nicht in Paris feiern, sondern in Hénin-Beaumont. Und zwar ausgerechnet in einem Saal, der nach dem früheren sozialistischen Präsidenten François Mitterrand benannt ist.

Wahl in Frankreich: Macron hat beste Chancen

In Frankreich wird einer Umfrage zufolge der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron die Präsidentenwahl klar gewinnen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.