Die Entscheidung über das AfD-Spitzenduo wird zum Richtungskampf

Fraktionschefin Alice Weidel und der Co-Vorsitzende der Partei, Tino Chrupalla. [FILIP SINGER/EPA]

Der Plan, ein strömungsübergreifendes Duo solle die AfD in den Wahlkampf führen, ist gescheitert. Jetzt kommt es zum Konflikt zwischen den Lagern.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Die Sendung ist schon fast vorbei, da sagt Alice Weidel en passant: „Ja, die Spitzenkandidatur mit Tino Chrupalla – das werde ich wohl machen.“ Bislang war nur spekuliert worden, ob sich die AfD-Fraktionschefin Weidel mit dem Parteivorsitzenden Chrupalla als mögliches Spitzenduo für die Bundestagswahl zur Wahl stellen würde. Doch beim Talk mit Markus Lanz bestätigt sie es nun fast beiläufig. In der Ankündigung liegt eine enorme Sprengkraft.

Eigentlich war der Plan von Co-Parteichef Jörg Meuthen, dass ein Spitzenduo die AfD in den Wahlkampf führt, das beide Strömungen der AfD vereint: den sich selbst als gemäßigt verstehenden Teil und den radikalen, dem völkisch-nationalen „Flügel“ nahestehenden. So eine Konstruktion hätte die Partei befrieden und die Lagerstreitigkeiten zumindest für die Zeit des Wahlkampfs ad acta legen sollen. Doch ein Duo aus Weidel und Chrupalla ist genau das Gegenteil: Beide werden vom offiziell aufgelösten „Flügel“ in der AfD unterstützt.

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Chrupalla wollte nicht mit Cotar antreten

Dass es mit einem lagerübergreifenden Duo nichts wird, war aber bereits im Laufe des Dienstages zu erahnen gewesen. Stunden vor Weidel hatte die Bundestagsabgeordnete und AfD-Digitalpolitikerin Joana Cotar angekündigt, sie werde gemeinsam mit dem niedersächsischen AfD-Spitzenkandidaten Joachim Wundrak antreten. Cotar ist eine Verbündete von Parteichef Meuthen und bekämpft den „Flügel“, auch ihr Teamkollege Wundrak wird dem Meuthen-Lager zugerechnet.

Ursprünglich hatte Meuthens Umfeld darauf hingewirkt, dass Cotar gemeinsam mit Chrupalla das Spitzenduo bildet. Parteiintern gab es dazu viele Gespräche. Sie bedaure, dass Chrupalla ihr Angebot, gemeinsam anzutreten, nicht angenommen habe, erklärte Cotar schließlich.

Nun hat die Wahl des Spitzenkandidaten-Duos das Zeug zu einer Richtungsentscheidung für die Partei zu werden. Diese soll nämlich per Urwahl geklärt werden – das heißt: Alle Mitglieder haben die Möglichkeit, abzustimmen. Am 10. Mai wird bekannt gegeben, ob sich noch weitere Duos zur Wahl stellen. Vom 17. bis 24. Mai können die Mitglieder dann ihre Stimme abgeben.

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Prominent, aber innerparteilich umstritten

Weidel und Chrupalla haben jetzt einen entscheidenden Vorteil: Sie sind deutlich bekannter als ihre Kontrahenten. Der sächsische Malermeister Chrupalla ist vor allem im Osten beliebt, Weidel kommt wegen ihrer scharfen Reden im Bundestag und ihrer Medienpräsenz an der AfD-Basis auch im Westen gut an. Hier wird die Ökonomin, die gern mit weißer Bluse und Perlenkette auftritt, trotz ihrer Nähe zum „Flügel“ noch immer als liberal wahrgenommen.

Umstritten ist Weidel vor allem auf der Funktionärsebene. Sie war im April 2017 im Duo mit dem heutigen AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland zur Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl gewählt worden und dann auch zur Fraktionschefin. Das klappte, weil Gauland sich beim „Flügel“ für sie einsetzte. Damals war Weidel noch im „gemäßigten“ Lager verortet und den Völkischen um „Flügel“-Anführer Björn Höcke wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft suspekt. Auch hatte Weidel einst für das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke gestimmt.

Doch im Laufe der Jahre arrangierte sich Weidel mit dem „Flügel“. Sie fuhr etwa nach Schnellroda, wo der neurechte Vordenker Götz Kubitschek sein Institut hat und begann, im Bundesvorstand stärker im Sinne des „Flügels“ abzustimmen. Den Rauswurf des Brandenburger „Flügel“-Strippenziehers Andreas Kalbitz lehnte sie beispielsweise ab.

Nicht nur dafür steht sie in der Kritik. In der Fraktion wird Weidel mangelnde Führung vorgeworfen. Auch ihre Spendenaffäre wird immer wieder gegen sie ins Feld geführt. Und ihr Verbündeter Chrupalla ist ebenfalls alles andere als unumstritten. Er wurde 2019 als Wunschkandidat des „Flügels“ und Ost-Vertreter an die Parteispitze gewählt. Doch im Westen halten ihn viele nicht für eloquent genug. Wären die beiden bei einem Parteitag als Spitzenduo angetreten, hätte es bei einem Votum der Delegierten knapp für sie werden können. Doch da nun die Basis abstimmt, dürfte ihnen vor allem ihre Prominenz zu Gute kommen. Die östlichen Landesverbände stünden geschlossen hinter der Kandidatur, erklärte Weidel.

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Außenseiter – aber nicht ganz ohne Chancen

Der Widersacherin Cotar und ihrem politischer Partner Joachim Wundrak – beide übrigens aus West-Landesverbänden – werden eher Außenseiterchancen eingeräumt. Zu unterschätzen sind sie dennoch nicht. Denn obwohl beide dem Meuthen-Lager angehören, können beide in Reden durchaus radikale Töne anschlagen. Wundrak war bis zu seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr Generalleutnant der Luftwaffe. Damit ist er der ranghöchste ehemalige Soldat in der AfD. Die in Rumänien geborene Hessin Cotar hat sich das Thema Meinungsfreiheit im Netz auf die Fahnen geschrieben.

Am Mittwoch trat das Duo in Berlin vor die Presse. Wundrak – grauer Anzug, graue Krawatte – sagte, er trete für eine Abgrenzung nach „extrem rechts“ ein. Er sei immer dafür, sich „mit Respekt dem politischen Gegner zu nähern“. Cotar erklärte, sie wolle „die wirtschaftliche Lage nach der Lockdown-Politik“ und „Freiheiten und Grundrechte“ in den Mittelpunkt des Wahlkampfes rücken.

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AfD startet verfeindet in den Wahlkampf

Mit der Auseinandersetzung zwischen den beiden möglichen Spitzenduos dürften sich die Gräben innerhalb der AfD noch weiter vertiefen. Dass ein lagerübergreifendes Team nicht zu Stande kam, deutet darauf hin, dass das Anti-Meuthen-Lager und damit auch der „Flügel“ aktiv die Auseinandersetzung suchen will.

Schon auf dem vergangenen Parteitag in Dresden war „Flügel“-Frontmann Höcke ungewöhnlich präsent gewesen und hatte sich in der Debatte um das Wahlprogramm mit mehreren radikalen Änderungsanträgen durchgesetzt. Auch die aktuelle Auseinandersetzung zeigt den Machtanspruch des „Flügels“. Die AfD startet verfeindet in den Wahlkampf.

Die Verbündeten von Weidel und Chrupalla versuchen mit diesem Argument schon mal, die gegnerische Seite zum Aufgeben zu bewegen. Parteivize Stephan Brandner twitterte: Nachdem sich mit Chrupalla und Weidel zwei „Topleute“ bereit erklärt hätten, „sollten alle andere Aspiranten im Sinne der Geschlossenheit der Partei ihre Kandidatur zurückziehen“.

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