Deutschland und andere EU-Länder nehmen Astrazeneca-Impfungen wieder auf

Zwischen den Positionen: Jens Spahn lässt wieder mit AstraZeneca impfen, allerdings mit Warnhinweisen. [FILIP SINGER/EPA]

Als Reaktion auf die Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) nehmen Deutschland und mehrere andere EU-Länder die Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca wieder auf.

Die Impfungen mit dem Präparat sollen noch im Laufe des Freitags fortgesetzt werden – allerdings mit Warnhinweisen, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ankündigte. Auch Länder wie Frankreich, Italien und Spanien wollen das Präparat, das die EMA als „sicher und wirksam“ einstufte, wieder einsetzen.

Sechs Fakten zu den Corona-Zertifikaten der EU

Die EU-Kommission will eine unionsweite Impfbescheinigung für Reisen aufsetzen. Das vorgeschlagene Impfzertifikat solle dabei nicht als „zweiter Reisepass“ angesehen werden. Es gibt jedoch nach wie vor Bedenken.

Die Impfwilligen sollten in aktualisierten Aufklärungsbögen über mögliche Risiken informiert werden, sagte Spahn am Donnerstagabend in Berlin mit Blick auf das Mittel des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca. „Die Bürgerinnen und Bürger können darauf vertrauen, transparent informiert zu werden.“ Nach der Aussetzung der Impfungen am Montag gelte es nun, vier verlorene Tage aufzuholen, sagte der Minister.

Die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) befürwortete die Stellungnahme der EMA. „Die Impfungen sollen ab dem 19. März fortgesetzt werden“, erklärte der Vorsitzende der GMK, Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Astrazeneca sei „ein wichtiger Bestandteil für unsere Impfstrategie“. Mehrere Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, Berlin und Baden-Württemberg, bekräftigen am Donnerstagabend, dass die Impfkampagne mit Astrazeneca am Freitag fortsetzt wird und gaben Details zur Terminvergabe bekannt.

Auch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) äußerte sich erleichtert über die EMA-Empfehlung. „Jetzt muss jede Impfdosis so schnell wie möglich verimpft werden, um vor allem schwere Verläufe durch Covid-19 mit intensivmedizinischer Behandlung oder gar Tod zu verhindern“, erklärte der Verband.

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Deutschland und mehr als ein Dutzend weitere europäische Staaten hatten in den vergangenen Tagen nach Berichten über das Auftreten schwerer Blutgerinnsel bei einigen Geimpften die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin vorerst gestoppt. Die EMA betonte nach einer Sondersitzung am Donnerstag aber, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass von dem Impfstoff ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel ausgehe.

Der EMA-Ausschuss für Impfstoff-Sicherheit sei zu einer „eindeutigen wissenschaftlichen Schlussfolgerung“ hinsichtlich der Sicherheit des Vakzins gekommen, sagte EMA-Chefin Emer Cooke. Der Nutzen des Impfstoffs beim Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung überwiege „mögliche Risiken“, sagte Cooke.

Einen möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen mit Astrazeneca und seltenen, aber gefährlichen Blutgerinnseln konnte die Behörde aber „nicht endgültig“ ausschließen. Die Produktinformation für das Vakzin werde nun dementsprechend angepasst, um Patienten und Ärzte auf die möglichen Gefahren hinzuweisen.

Nach Angaben der EU-Behörde wurden unter den 20 Millionen Menschen, die in der EU sowie in Island, Liechtenstein, Norwegen und Großbritannien eine Astrazeneca-Impfung erhalten haben, 469 Fälle von Blutgerinnseln festgestellt. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sei dies kein erhöhter Wert.

Drohung Richtung London? EU könnte Impfstoff-Exporte drosseln

Die EU-Kommission hat am heutigen Mittwoch mitgeteilt, sie sei bereit, die COVID-Impfstoffexporte in Länder, die selbst Impfstoffe produzieren, oder in Länder mit höheren Impfraten zu reduzieren, wenn diese der von Brüssel geforderten „Offenheit und Gegenseitigkeit“ nicht nachkommen.

Der EMA zufolge traten bei 25 Patienten schwerwiegende Erkrankungen auf, darunter Blutgerinnseln im Gehirn. Davon betroffen waren fast ausschließlich Frauen unter 55 Jahren. Hinweise auf Probleme mit bestimmten Impfstoff-Chargen oder Produktionsstätten gibt es laut EMA allerdings nicht.

Der britisch-schwedische Pharmakonzern begrüßte die Einschätzung der EU-Behörde. Diese habe den „überwältigenden Nutzen“ des Mittels im Kampf gegen die Pandemie bestätigt.

Kurz nach der Bekanntgabe der EMA-Entscheidung kündigten auch Italien, Frankreich, Spanien, die Niederlande, Portugal, Slowenien, Bulgarien, Lettland und Litauen an, die Impfungen mit Astrazeneca wieder aufzunehmen. Ziel seiner Regierung sei es weiterhin, „möglichst schnell so viele Impfungen wie möglich vorzunehmen“, sagte der italienische Ministerpräsident Mario Draghi.

Auch in Frankreich wird der Astrazeneca-Impfstoff von Freitag an wieder genutzt. Er werde sich selbst damit impfen lassen, um zu zeigen, „dass wir vollstes Vertrauen haben können“, sagte Premierminister Jean Castex. Spanien will ab Mittwoch wieder damit impfen.

Norwegen und Schweden wollen hingegen weiter abwarten. Das norwegische Institut für öffentliche Gesundheit nannte die Einschätzung der EMA „verfrüht“ und kündigte für Ende der Woche eine eigene Stellungnahme an. Schweden will in der kommenden Woche eine Entscheidung zum Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs treffen.

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