Deutscher Corona-Hackathon liefert 800 Ideen

Bei #WirVsVirus ging es um digitale Lösungen zu Herausforderungen der Corona-Pandemie. [MaD Checkpoint/Shutterstock]

Die deutsche Regierung lud ein, Lösungen für akute Herausforderungen der Corona-Pandemie zu finden. Dem Aufruf folgten über 42.000 TeilnemerInnen, die in 48 Stunden gemeinsam daran arbeiteten, Probleme wie soziale Distanz oder Informationsunsicherheit durch Technologie zu lösen. Noch ist aber ungewiss, was mit den besten Ideen passieren soll.

Letztes Wochenende ließ die deutsche Regierung 42.869 Gehirne rauchen, um innovative Lösungen zu akuten Herausforderungen der Corona-Pandemie zu finden. Das Ergebnis: über 800 Ideen zu Themen wie Einkauf, Kinderbetreuung und Symptomüberwachung. Eine Jury sowie eine Umfrage unter TeilnehmerInnen entscheidet bis 29. März, welche Projekte von der Regierung gefördert werden sollen.

Ein „Hackathon“ ist traditionellerweise eine Veranstaltung, bei der Menschen einige Stunden (in diesem Fall: 48) Zeit haben, um konkrete Herausforderungen zu lösen – meist durch technologische Innovation. Dabei handelt es sich oft um reale Probleme  von Privatfirmen, beispielsweise mangelnde Effizienz bei bestimmten Produktionsprozessen. Hackathons fungieren oft als Bühnen für Start-Ups oder als Talente-Schau für Recruiter.

Neben diesen kommerziellen Hackathons gibt es welche, die sich mit sozialen Herausforderungen beschäftigen. Ein solcher war es, den die Regierung letztes Wochenende unter dem Titel #WirVsVirus organisierte – angeblich innerhalb von vier Tagen. Unterstützung kam von Organisationen wie Code for Germany oder dem Impact Hub Berlin, Schirmherr war Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU).

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Hacking from Home

Die 42.696 internationalen TeilnehmerInnen trafen sich nicht, wie bei Hackathons meist üblich, in einer Mehrzweckhalle, sondern blieben daheim und trugen ihren Teil aus dem Home Office bei. Sie organisierten sich in Teams, die spezifische Herausforderungen angingen, beispielsweise Coronavirus-Tracking, Testprozesse oder Krisenkommunikation, aber auch den Schutz vulnerabler Gruppen oder mentale Gesundheit in der Isolation.

Ein Team erdachte einen „Symptomtracker“, eine Art Tagebuch, in dem Verdachtsfälle ihre Symptome eintragen und somit genau überwachen (lassen) können. Gesundheitsdienste könnten somit vereinfach und auf einen Blick Verdachtsfälle erkennen. Der Symptomtracker ist bereits als Prototyp online.

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„Fotografieren Sie Ihr Klopapier!“

Eine weitere Idee war eine Applikation, die überprüfen kann, ob man tatsächlich zuhause ist – nicht etwa mittels GPS, sondern indem man zweimal täglich aufgefordert wird, ein Foto eines Gegenstandes in der eigenen Wohnung zu machen. Mittels Machine Learning erkennt die App bald von selbst, ob das Foto wirklich immer in derselben Wohnung aufgenommen wurde. Um diese Überwachungsmaßnahme mit einem Augenzwinkern zu versehen, wurde die App so programmiert, dass sie individuelle Klopapierrollen der NutzerInnen erkennt, und man somit täglich zwei Fotos seiner Klopapierrollen schicken kann.

Ein weiteres Beispiel ist ein Dashboard zu Social Distancing Daten, auf dem BürgerInnen in Echtzeit beobachten können, ob und wie die soziale Distanzierung funktioniert, beispielsweise durch die Nutzung von aggregierten Bewegungsprofilen (wie sie das Robert Koch Institut bereits verwendet). Auf dem Dashboard sollen einzelne Städte angezeigt werden können, so dass man beispielsweise die Heimatstädte von Familienmitgliedern im Auge behalten kann. Dabei sollen höchste Datenschutz-Standards gelten.

Pitch mit Baby

„Es war eine inspirierende Erfahrung“, sagte Athena Lam, eine der Mentorinnen auf dem Event, im Gespräch mit EURACTIV. Die Kanadierin leitet eine Beratungsfirma für Content Marketing, und hat bereits einige Hackathons mitgemacht. #WirVsVirus war nicht der erste, bei dem es um reale gesellschaftliche Herausforderungen ging – doch fiel ihr auf, dass die globale Krise ein Gefühl der Dringlichkeit unter den TeilnehmerInnen schuf.

Was #WirVsVirus wirklich einzigartig machte, sei die Tatsache, dass alle daheim eingesperrt waren. „Das erlaubte wirklich allen, mitzumachen“, sagte Lam – denn man musste nur den Laptop aufklappen. Somit war das Event besonders inklusiv, Lam bemerkte vor allem die höhere Anzahl an Frauen im Vergleich zu anderen Hackathons. Eine Teilnehmerin präsentierte ihre Idee mit ihrem Baby am Arm.

Zu guter Letzt sei es bemerkenswert, dass gerade die deutsche Regierung, die ja normalerweise für behäbige Bürokratie und mangelnde technische Affinität bekannt ist, in so kurzer Zeit ein funktionierendes remote-Event von dieser Größe aufstellen konnte.

Unsichere Zukunft der Projekte

Was dabei tatsächlich herauskommen wird, sei noch schwer absehbar. Denn: Siegreiche Ideen werden keine direkte finanzielle Unterstützung bekommen. Die Regierung versprach zwar, anderweitig bei der Realisierung zu helfen – wie genau, bleibt ungewiss, man müsse abwarten. Lam vermutet, dass die Regierung erfolgreiche Teams stattdessen kontaktieren wird, damit Behörden die Ideen umsetzen können.

Allerdings erwarte sie positive Nebeneffekte, denn selbst wenn viele der 800 Projekte nicht staatlich unterstützt werden, leben die Ideen weiter – TeilnehmerInnen bekamen Tipps, wie sie sich für verschieden Fördertöpfe bewerben können. „Der Sinn der Veranstaltung war es, diese Menschen einfach mal zusammen zu führen“, sagte Lam.

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