Der schwedische Sonderweg

Der schwedische Premierminister Stefan Lofvenbei einer Pressekonferenz zur Corona-Pandemie. [Fredrik Sandberg/TT/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Schweden bekämpft das Coronavirus mit einer etwas anderen Taktik als der überwiegende Rest Europas. In den Skigebieten wird weiter Wintersport betrieben – entgegen aller Kritik und trotz der Sorge der Einheimischen.

Schwedens Premierminister Stefan Löfven fand deutliche Worte: „Die Infektion breitet sich aus. Leben, Gesundheit und Arbeitsplätze sind gefährdet. Es werden mehr Menschen erkranken und sich mehr Menschen von ihren Angehörigen verabschieden müssen“, erklärte er am Sonntag in einer Fernsehansprache an die Nation.

Knapp über 2000 Menschen sind nach Angaben der schwedischen Gesundheitsbehörde „Folkhälsomyndigheten“ mit dem Coronavirus infiziert, 25 von ihnen sind bereits gestorben. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl der Infizierten bei gut 27.000, verstorben sind bisher 114 Menschen.

Doch im Gegensatz zu Deutschland ist das öffentliche Leben in Schweden bisher nicht zum Erliegen gekommen. Die rot-grüne Regierung in Stockholm hat bisher keine Ausgangsbeschränkungen oder Verbote, sondern nur Empfehlungen abgegeben. Danach soll die Bevölkerung möglichst zu Hause zu bleiben, von unnötigen Reisen absehen und soziale Kontakte zu älteren Menschen einschränken.

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Gaudi auf der Skipiste

Geschäfte und Restaurants bleiben geöffnet, die Einreise von EU-Bürgern nach Schweden ist weiterhin erlaubt, genauso wie Veranstaltungen mit bis zu 500 Menschen. Kindergärten und Schulen bis einschließlich zur neunten Klasse funktionieren normal. Die einheimischen Skigebiete rechnen angesichts der bevorstehenden Osterferien mit einen Ansturm.

Saskia Pantell, Vorsitzende der zionistischen Föderation Schwedens, postete auf Twitter entsetzt ein Bild von vollen Bars und Restaurants, in denen junge Leute dicht an dicht gedrängt die Frühlingssonne genießen: „Das ist Wahnsinn! Ich habe Angst, mich während der Coronakrise in Schweden aufzuhalten.“

Die Europa-Redakteurin der schwedischen Newsplattform „The Local“ wünscht sich, dass Schweden dem deutschen Beispiel folgt und eine Kontaksperre einführt: „Ich glaube, wir brauchen das auch“, schreibt Catherine Edwards. Die nationale Ansprache von Premier Löfven am Sonntag hält sie für unzureichend.

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Infiziert, na und?

Insbesondere Schwedens oberster Epidemiologe Anders Tegnell gerät zunehmend unter Druck. Er hatte am 5. März erklärt, die Ausbreitung der Epidemie habe nun wohl das Maximum erreicht. Gerade einmal 94 Infizierte gab es in zu diesem Zeitpunkt im Land. Mittlerweile sind es über 2000.

Am 18. März erklärte er dann in einem Fernsehinterview, dass Menschen, die mit einer infizierten Person in einem gemeinsamen Haushalt lebten, ohne Gefahr weiterhin zur Schule oder zur Arbeit gehen könnten. Die Ausführungen riefen bei vielen Landsleuten einfach nur Fassungslosigkeit hervor.

Angesichts der bevorstehenden Osterferien, in denen viele Schweden Skiurlaub machen, fordern nun die Betreiber von Skigebieten selbst stärkere Kontrollen. Wie der staatliche Sender SVT berichtete, bat die Skiregion Jämtland Härjedalen die Gesundheitsbehörden, strengere Vorgaben zu erlassen.

Noch am vergangenen Wochenende hatten Hunderte Touristen in den Après-Ski-Clubs des Gebietes gefeiert. Angesichts der Entrüstung stellten zahlreiche Restaurants und Clubs in den Orten Åre, Sälen und Idre mittlerweile ihren Betrieb ein.

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Auch beim Testen handelt die schwedische Regierung entgegen des von der WHO empfohlenen Trends. In den ersten Wochen der Epidemie konnten sich noch alle Betroffenen testen lassen, die nach einer Reise in ein Risikogebiet oder dem Kontakt mit einer infizierten Person Krankheitssymptome aufwiesen. Doch mittlerweile geht es Schweden nur noch darum, gefährdete Personengruppen zu schützen. Getestet werden nun in erster Linie Menschen mit gravierenden Atemproblemen oder Angehörige von Risikogruppen. Generell gesunde Patienten, die Corona-Symptome aufweisen, sollen laut Gesundheitsbehörde bis zur Genesung zu Hause bleiben und würden nicht getestet.

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Keine Zeit für Tests

„Wir haben keine Zeit mehr, auf die Testergebnisse zu warten“, rechtfertigt die Mikrobiologin Karin Tegmark Wisell von der schwedischen Gesundheitsbehörde „Folkhälsomyndigheten“ den Kurswechsel gegenüber der schwedischen Presse. „Wir müssen schneller arbeiten und einen Schritt über die Tests hinausgehen. Wir empfehlen allen Betroffenen mit Symptomen, ihre sozialen Kontakte einzuschränken.“

Catherine Edwards von der schwedischen Newsplattform „The Local“ hofft, dass diese Strategie funktioniert. Angesichts der Nachrichten aus Italien würden sich viele Schweden unabhängig von den Empfehlungen der Regierung dafür entscheiden, zuhause zu bleiben. In Stockholm seien die Straßen leer, und auch ohne Anordnung hätten die meisten Kinos und Theater geschlossen.

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