Der rechte Hass auf Frauen

Eine Demonstrantin bei einem Protestzug gegen Gewalt gegen Frauen in Deutschland. [FELIPE TRUEBA/EPA]

Antifeminismus wird von der Politik bislang wenig wahrgenommen. Dabei kann er wie eine Einstiegsdroge für extrem rechtes Gedankengut wirken – und sogar tödlich enden. Experten warnen vor Verharmlosung.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Die Droh-Mails kommen nachts, immer wieder. Man werden sie zum „Tode verurteilen“, heißt es zum Beispiel darin, oftmals unterzeichnet mit „NSU 2.0“ – in Anlehnung an die gleichnamige rechtsterroristische Gruppe. Anne Helm, Vorsitzende der Fraktion „Die Linke“ in Berlin, ist Morddrohungen gewohnt. Dennoch sei die Situation „insgesamt einfach nervenzehrend“, wie sie der DW sagt. „Ich muss mich damit befassen. Deshalb ist alles andere auch wesentlich anstrengender.“ Todesängste hat sie nicht, auch wenn in den Schreiben auch von Anschlägen die Rede ist.

69 Briefe – zum Teil mit persönlichen Daten versehen – wurden laut dem hessischen Landtag in der vergangenen Zeit an sie und 26 andere Menschen und Institutionen verschickt, unter anderem an die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, die Opferangehörige im Prozess gegen die rechtsterroristische NSU vertreten hatte und die Berliner Kabarettistin Idil Baydar. Auffällig ist: Die große Mehrzahl der Empfänger ist weiblich, die Botschaften sind sexistisch.

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Ein bedrohtes Weltbild

Helm vermutet deshalb auch Frauenhass als ein Motiv für die mutmaßlich von Rechtsextremen verfassten Schreiben. Das ist nicht neu. Auch der Attentäter von Toronto hatte 2018 vor seiner Amokfahrt verkündet, dies wäre der Beginn der „Incel-Rebellion“. Incel – ein zusammengesetztes Wort aus involuntary und celibate, unfreiwillig zölibatär lebend – ist die Selbstbezeichnung junger Männer, die unfreiwillig keinen Sex und keine Beziehung haben und daraus einen Hass auf Frauen entwickeln. „Incels sind der Meinung, dass Männer ein grundsätzliches Anrecht auf Frauen und ihre Körper haben. Sie behaupten, Frauen würden ihnen den Sex vorenthalten“, sagt Henning von Bargen von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung der DW.

Auch beim mutmaßlichen Attentäter von Halle, Stephan B. könnte dies eine Rolle gespielt haben. Am Tattag im Oktober 2019 hörte er frauenverachtende Musik und erklärte in seinem Video, das er ins Netz übertrug: „Feminismus ist Schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist.“ Die Wurzel dieser Probleme sei „der Jude“. Das klinge erst einmal „total absurd“, sagt Linken-Politikerin Helm. „Aber innerhalb dieses völkischen Weltbildes ist das die logische Konsequenz.“ Demnach haben Frauen vor allem für den sogenannten Volkserhalt zu sorgen, sprich: Sie sollen viele Kinder bekommen und sich gemäß ihrer traditionellen Rolle um sie kümmern. „Feminismus bedroht dieses Weltbild“, sagt Helm „genau wie die Frauen, die jetzt von den Drohschreiben betroffen sind.“

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Für eine „soldatische Männlichkeit“

„Antifeminismus ist immer ein Teil von extrem rechten Ideologien“, sagt auch Rachel Spicker von der Amadeu-Antonio-Stiftung der DW. Während Frauen in extrem rechten Ideologien friedfertig, sozial, zurückhaltend sein sollen, zeichneten sich Männer durch eine „soldatische Männlichkeit“ aus, bereit „sowohl ihre Frauen und Kinder als auch die eigene Nation zu schützen“. „Das sind festgeschriebene Rollen, die sich auch im Antifeminismus zeigen. Wenn Frauen aus diesen Rollenbildern ausbrechen, dann werden sie auch häufig dafür angefeindet.“

Doch Antifeminismus ist nicht nur gemeinsamer Nenner verschiedener rechter Strömungen. Es kann auch zu einer Art „Einstiegsdroge für rechte Ideologien“ werden, sagt von Bargen. Denn: Antifeminismus richtet sich gegen die offene Gesellschaft und will Grund- und Menschenrechte einschränken. „Diesen Zusammenhang sehen viele noch nicht so stark.“ Auch Helm sieht im Antifeminismus einen „niedrigschwelligen Anknüpfungspunkt für andere Ideologien von Ungleichheit“. „Das merken wir unter anderem schon daran, dass in unserer Gesellschaft die meisten den Vorwurf des Rassismus erst einmal von sich weisen würden. Aber sexistisch zu sein ist für manche eben doch eine Auszeichnung.“ Auch Spicker glaubt, dass Antifeminismus stark in der Gesellschaft verankert ist.

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Auf der Suche nach einem Sündenbock

Besonders Männer, die sich einer sozialen Krise befinden, deren Jobs und Lebensstandard gefährdet sind, seien für dieses Gedankengut anfällig. Es sei entlastend etwas zu finden, das scheinbar Schuld an der eigenen Misere habe, sagt von Bargen. Der Sündenbock heiße in diesem Fall: Feminismus.

Die Radikalisierung findet häufig im Internet statt. Auf öffentlich zugänglichen Webseiten wie Reddit und 4Chan tauchten zwischenzeitlich Foren für die sogenannten Incels auf. Mittlerweile sind sie geschlossen, doch auf anderen Seiten sind die Gruppen noch immer zu finden – frei zugänglich für jedermann, anonym und unmoderiert. Fast sekündlich poppen neue Beiträge auf, in denen beispielsweise „Sexsklaven“ für Incels gefordert oder Frauen der Intellekt eines Kleinkindes zugeschrieben werden.

Auch die Gamer-Szene trägt zur Radikalisierung von jungen Männern bei. In weitestgehend unmoderierten Communities auf Spiele-Plattformen wie Twitch oder Discord werden rechte Ideologien und Frauenfeindlichkeit verbreitet, wie Autorin Karolin Schwarz in ihrem Buch „Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus“ beschreibt. Nutzer benennen sich nach Terroristen,es gibt Gruppen für Anhänger der Identitäten Bewegung, der NPD oder für Verschwörungstheoriker. People of Color, Juden und Frauen werden beschimpft. „Das ist eine Szene, die nur sehr wenig von der analogen Welt beachtet wird“, warnt von Bargen.

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Warnung vor dem Bindeglied

Der Soziologe fordert deshalb eine intensivere Forschung zu dem Thema. „Antifeminismus wird von der Politik oftmals nicht ernst genommen. Vor allem wird nicht wahrgenommen, dass es das Bindeglied ist zwischen rechten Strömungen und der sogenannten Mitte der Gesellschaft“, sagt er.

Linken-Politikerin Helm muss derweil damit leben, dass sie ins Visier der Antifeministen geraten ist. Mittlerweile hat sie einen Umgang mit den Drohmails gefunden. „Ich versuche das von meiner Person zu entkoppeln. Ich weiß: Wofür ich politisch stehe und wofür ich arbeite, wird dort angegriffen. Das versuche ich mir auch bewusst zu machen.“

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