Der lange Weg zum „Prager Frühling“

Der Aufstand gegen das sozialistische Regime 1968. [Foto: Museum of Military History (Hadtorteneti Muzeum)]

Geschichte verblasst, doch es ist wichtig, immer wieder einen Blick zurück zu werfen. Ein halbes Jahrhundert ist der Prager Frühling nun her. Er steht für das Ende der Illusion von einem „Sozialismus mit menschlichen Gesicht“. EurActiv mit einer zweiteiligen Dokumentation zu dem geschichtlichen Ereignis.

Am 21. August jährt sich der 50ste Jahrestag des Einmarsches von Truppenverbänden des Warschauer Paktes in die CSSR, wie sich damals abgekürzt die Tschechoslowakei nannte. Binnen weniger Stunden war der so genannte „Prager Frühling“ niedergewalzt. Während die Regierung in Wien in Sorge war, dass die von Moskau aus gesteuerten Truppenverbände vor der Staatsgrenze zu Österreich nicht Halt machen könnten und daher „leise trat“, war der damals gerade neu erstandene reformierte Rundfunk ORF gewissermaßen das Sprachrohr der Revolution in die westliche Welt. „1968“ war im Westen und Osten Europas von völlig unterschiedlichen politischen Entwicklungen gekennzeichnet.

Vier Aufstände gegen die KP-Herrschaft

Die Verbesserung des Kommunismus war zunächst die Idee der politischen Führung des Jahres 1968 in der CSSR. Ziel war, wie es wörtlich hieß, ein „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“. Aus dieser politischen Vision entwickelte sich das Verlangen nach Freiheit, Demokratisierung und Selbstbestimmung. Eine Entwicklung die letztlich die Machthaber in Moskau nicht zulassen konnten. Die Ereignisse des Jahres 1968 in Westeuropa, sind mit der Entwicklung in der Tschechoslowakei nicht vergleichbar. Sie waren eine Art Kulturrevolution, ein Aufstand gegen das Establishment, gegen Traditionen, gegen die alte Ordnung.

Im so genannten kommunistischen Ostblock gab es vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu dessen Zusammenbruch im Jahre 1989 zumindest vier Revolutionen. Der Volksaufstand in der DDR 1953 und in Ungarn 1956 war von den Bürgern getragen und gegen das stalinistische Regime gerichtet. Der Aufstand in Polen 1980 war auch gegen das Regime gerichtet und von einer Gewerkschaftsbewegung getragen. Wobei in Polen die katholischen Gewerkschafter „seelischen“ Rückhalt im zwei Jahre zuvor im Oktober 1978 gewählten Papst Johannes Paul II. fanden. Der „Prager Frühling“ hatte gleich drei Strömungen, wobei die Entwicklungen des Jahres 1968 bereits 1963 ihren Ausgang nahmen.

Drei Linien führen zum 68er Jahr

Juraj Alner (82) ist ein anerkannter slowakischer Publizist, der bereits in den 1960er Jahren journalistisch tätig war und sich für die Reformbewegung engagierte. Für ihn, so im Gespräch mit EurActiv, begann der Errosionsprozess bereits zu Beginn der 1950er Jahre. Während noch kurz nach dem Krieg die Tschechoslowakei zu den wirtschaftlich gut aufgestellten Staaten in Europa zählte, ging in den folgenden Jahren die Wirtschaft rapid zu Grunde. „Nach dem Tod Stalins (1953) und in der Ära Chruschtschow hat man geglaubt, dass Wirtschaftsreformen machbar sind“. Es begann der erfolglose Kampf der Konservativen mit den jungen Technokraten.

„Zu Beginn der 1960er Jahre schlägt die Stunde der Intellektuellen und Kulturschaffenden. Höhepunkt ist die vom Schriftstellerverband im Juni 1963 organisierte Kafka-Konferenz“, schildert Alner den zeitgeschichtlichen Ablauf. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Werke des in Prag geborenen Schriftstellers Franz Kafka verboten. Der in seinen Büchern beschriebene Kampf gegen Dogmatismus und Bürokratismus wurde von der KPC als Angriff gegen das herrschende System verstanden. Mit der Konferenz wurde aber letztlich eine nicht mehr endende Diskussion ausgelöst.

Diktatur lässt sich nicht demokratisieren

Ein Feuer, das auch auf jene Intellektuellen übergriff, die sich mit der Frage nach wirtschaftlichen Reformen auseinanderzusetzen. Es begann eine Debatte über notwendige Veränderungen des an sich ineffizienten Wirtschaftssystems. Zunehmend formierte sich innenparteilicher Druck gegen die Parteiführung. Im Sommer 1967 beginnt der Streit in der Partei: „Novotný muss weg, aber wer soll seinen Posten einnehmen“. Zunächst suchte man hauptsächlich in den Reihen der Technokraten, erst kurz nach Neujahr 68 hat man sich auf die Person Dubčeks als neuen Generalsekretär geeinigt. Auch weil es Druck aus der Slowakei und unter den Slowaken im Politbüro gegeben hat, weiß Alner zu berichten. Er findet übrigens den Begriff „Prager Frühling“ für nicht ganz zulässig, seien doch die Slowaken viel offener und reformfreudiger gewesen als  die Tschechen.

Interessant ist auch der Hinweis, dass Dubcek im damals mächtigen Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew einen Freund und im DDR Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht einen ebenso entschlossenen Gegner hatte: „Er wusste, Wirtschaftsreform geht ohne Investitionen von der Bundesrepublik nicht. Und das wäre Ende der DDR.“

Alners Resümee: „Der Prager Frühling hatte drei Strömungen, die wirtschaftliche, die Intellektuelle und die Innenparteiliche. Dazu kam letztlich die wechselvolle Beziehung zwischen Tschechen und Slowaken. Alle diese Faktoren zusammen führten zu der Idee der Demokratisierung. Das konnten die Kommunisten nicht mehr unter Kontrolle halten. So sind mehrere Ultimaten seitens des Kreml und Berlins zustande gekommen und – nicht überraschend – auch die Panzer. Diese Entwicklung hat gezeigt, dass Diktatur nicht reformierbar ist“.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.