Demografie: Süd- und Osteuropa droht fatale Überalterung

In manchen Regionen Europas altert die Bevölkerung zusehends - der demografische Wandel bedroht die Sozialsysteme. [Foto: dpa]

Vielen Regionen besonders in Süd- und Osteuropa drohen eine starke Alterung und deutliche Bevölkerungsverluste. Anderswo auf dem Kontinent scheint das Bevölkerungswachstum hingegen vorerst gesichert – auch aufgrund hoher Zuwanderung.

Der alte Kontinent wird immer älter: Was für Europa lange nur sprichwörtlich galt, wird zunehmend demografische Realität. Die europäische Bevölkerung ist schon heute durchschnittlich älter als in anderen Weltregionen – auf einen Ruheständler kommen bereits jetzt nur etwa drei Personen im erwerbsfähigen Alter. Und dieser fatale Alterungstrend dürfte sich fortsetzen, zeigt nun eine Studie des Berlin-Instituts zu Europas demografischer Zukunft.

Demnach könnte sich das Verhältnis der Ruheständler zu den Jüngeren bis zur Mitte des Jahrhunderts auf eins zu zwei verschlechtern, mit spürbaren Folgen für Wirtschaft und Sozialsysteme.

Was schon jetzt unter dem Stichwort Fachkräftemangel die Sorgen in Deutschland nährt, könnte dann noch wesentlich schwerwiegender werden: Zu wenige junge Arbeitnehmer finanzieren die Sozialleistungen und zahlen in die Rentenkassen ein, Unternehmen müssen zu lange nach passendem Personal suchen. „Dies ist umso gravierender, als die Volkswirtschaften im 21. Jahrhundert eher auf gut qualifizierte Menschen denn auf große Industrieanlagen angewiesen sind“, meint Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

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Blue Card für mehr legale Zuwanderung

Europa bemüht sich unterdessen, dem entgegenzusteuern. So machten die EU-Mitgliedstaaten am Mittwoch den Weg frei für Verhandlungen über eine neue Richtlinie zu Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für hochqualifizierte Arbeitnehmer aus Drittländern.

Mit der anvisierten Blue Card sollen hochqualifizierte Arbeiter nach Europa gelockt werden. „Die Zahl der Spezialisten auf der Welt ist begrenzt und die Konkurrenz für sie ist stark. Wenn sie wählen, wird Europa unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken und zum Wirtschaftswachstum beitragen“, sagte Andres Anvelt, Innenminister von Estland, das derzeit die Ratspräsidentschaft hält. Eine gemeinsame europäische Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die die Bedingungen flexibler mache und erleichtere, sei notwendig, wenn Europa mit der amerikanischen Green Card oder dem kanadischen Point-System konkurrieren wolle, so Anvelt.

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Allerdings bleibt abzuwarten, wie sehr eine Blue Card in Zukunft in den einzelnen EU-Staaten genutzt würde. Während viele Staaten Europas sukzessive ihre Zuwanderungskanäle erweitern, sehen gerade in den postsozialistischen Staaten viele Menschen insbesondere Migranten von außerhalb Europas skeptischer.

Dabei wächst gerade in diesen Ländern der Bedarf nach Zuwanderung. Zehntausende Arbeitskräfte wandern jedes Jahr in der Hoffnung auf höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen aus den osteuropäischen EU-Ländern aus, wo die Wirtschaftsleistung ohnehin niedriger liegt.

Vielen Regionen Süd- und Osteuropas drohen darum eine starke Alterung und deutliche Bevölkerungsverluste. In Tschechien beispielsweise herrscht heute schon annähernd Vollbeschäftigung und die Arbeitgeber dürften künftig stärker auf offenere Migrationsregeln drängen. Denn gerade in jenen europäischen Länder, die besonders von  einer zunehmend alternden Bevölkerung betroffen sind – dazu zählen Regionen in Süd- und Osteuropa – ist seit geraumer Zeit eine fatale Abwanderung zu beobachten.

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In Südeuropa bedeutet das: Zur Mitte des Jahrhunderts dürften in Griechenland und Portugal die im Schnitt ältesten Menschen Europas wohnen – und weniger als heute werden es auch sein. „Häufig können sich in Süd- und Osteuropa nur die Hauptstadtregionen demografisch stabilisieren, während ländliche Gebiete zusehends an Bevölkerung verlieren“, sagt Stephan Sievert, Mitautor der Studie.

Europa ist demografisch gespalten

Die demografische Lage ist auch eine Folge der zahlreichen Krisen und Umwälzungen, die Europa im vergangenen Jahrzehnt erlebt hat. So löste die Wirtschaftskrise eine neue Süd-Nord-Wanderung aus. Die sogenannte Flüchtlingskrise hat vielerorts für unerwartet steigende Einwohnerzahlen gesorgt. „Die Integration der Neuankömmlinge wird dadurch zur großen Zukunftsaufgabe Europas“, meint Stephan Sievert. „Nur wenn es gelingt, Migranten und Flüchtlinge schnell in Beschäftigung zu bringen, können sie auch vollständig an der Gesellschaft teilhaben“. Außerdem können erfolgreich integrierte Zuwanderer auch dazu beitragen, demografische Herausforderungen abzufedern.

Dass das Effekt hat, zeigen etliche Regionen der Schweiz, Süddeutschlands und Skandinaviens. Sie sind der Untersuchung des Berlin-Instituts zufolge gut auf die demografischen Herausforderungen vorbereitet – wegen hoher Kinderzahlen, guter Bildungssysteme, und auch aufgrund der Zuwanderung aus europäischen und nicht-europäischen Ländern.

 

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