Das Ende einer Affäre

Der umstrittene FPÖ-Politiker Udo Landbauer hat seine Ämter niedergelegt.

Bei der FPÖ beginnt das Reinigen „brauner Flecken“. Jener Politiker, der zuletzt mit NS-Liedgut in Verbindung gebracht wurde, legte sämtliche Ämter nieder.

Vor einer Woche flog im Vorfeld der niederösterreichischen Landtagswahlen eine Affäre auf, die wieder einmal braune Flecken bei der FPÖ zu Tage förderte. Konkret ging es um das Liederbuch einer so genannten Burschenschaft, in dem der Holocaust verharmlost wird. Mitglied dieser Burschenschaft war auch der FPÖ-Spitzenkandidat für die Wahl am vergangenen Sonntag, Udo Landbauer. Nachdem das bekannt wurde, reagierte man zunächst routiniert: Der Betroffene versuchte sich herauszureden, sein Parteiobmann, Vizekanzler Heinz Christian Strache, sah ebenfalls kein Problem, war doch das Liederbuch zu einem Zeitpunkt gedruckt worden, da Landbauer gerade mal elf Jahre zählte.

Am Vorabend des Wahltages machte Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner Tabula Rasa und verlangte, dass ein klarer und unmissverständlicher Trennstrich gezogen wird. NS-Gedankengut hat in Österreich keinen Platz, war ihre unmissverständliche Message. Für sie käme eine Zusammenarbeit mit FPÖ-Mandatar Landbauer nicht in Frage. Bei der FPÖ herrschte daraufhin kurzfristig Funkstille. Zunächst versuchte man sich mittels Abtauchen aus der Öffentlichkeit hinwegzuretten. Strache, um ein neues Image seiner Bewegung bemüht, die nun die Chance sieht, sich als verantwortungsbewusste Regierungspartei zu regenerieren, kündigte die Einsetzung einer Historikerkommission an. Nachdem von Seiten der ÖVP keine Rückendeckung und kein Einlenken kam, zog Landbauer die Konsequenzen und legte alle politischen Funktionen zurück. Für Bundespräsident Alexander van der Bellen ein Beispiel, wie man politische Verantwortung zu verstehen hat.

Ganz nebenbei kam auch ans Licht der Öffentlichkeit, dass die so genannten „Burschenschaften“ kein singuläres Problem der FPÖ darstellen. Die Illustrationen zu dem inkriminierten Liederbuch hatte ein SPÖ-Lokalpolitiker beigesteuert. Und auch das nicht ganz zufällig, eingefädelt wurde diese Aktion nämlich durch den ehemaligen Bürgermeister der Wiener Neustadt und jetzigen SPÖ-Abgeordneten Peter Wittmann, der in derselben Burschenschaft aktiv ist wie Landbauer. Im Gegensatz zu den klassischen Studentenverbindungen, wie dem CV, die ein Näheverhältnis zur ÖVP pflegen, finden sich in den Burschenschaften Deutsch-Nationale ebenso wie Sozialdemokraten.

Burschenschaften zogen auch Sozialdemokraten in ihren Bann

Zum besseren Verständnis dieses Umstandes muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Mit dem Entstehen der Universitäten kommt es zu Zusammenschlüssen von Studenten. Ab 1800 formieren sich im deutschsprachigen Raum die ersten Burschenschaften. Sie übernehmen beispielsweise das noch aus dem vorherigen Jahrhundert stammende studentische Fechten, aus dem sich dann die Mensur entwickelt. Noch vor der 1848er Revolution treten die ersten katholischen Verbindungen auf. Von da an beginnen sich schlagende sowie katholische Studentenvereine auseinander zu leben. Letztere schwören der Mensur ab. Man zieht klare Trennlinien, ja man steht einander oft geradezu feindlich gegenüber. Die Burschenschaften sind daher auch für Sozialdemokraten attraktiv. Unter ihren Mitgliedern finden sich prominente Namen. Von Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, bis zu Michael Häupl, dem scheidenden Wiener Bürgermeister.

Österreich setzt auf Dialog mit den Visegrad-Staaten

Ungarns Premierminister Viktor Orbán ist für viele EU-Politiker ein Reizbild. Österreichs Regierung setzt auf Gesprächsbereitschaft.

In der Zeit des Nationalsozialismus haben Studentenverbindungen generell keinen Platz, lösen sich auf, werden verboten. Viele ihrer Mitglieder werden zu NS-Mitläufern, viele legen aber ihre Meinung nicht ab, landen in den KZs. So etwa Leopold Figl, der erste Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, jener legendäre ÖVP-Politiker, der auch Vater des Staatsvertrages genannt wird.

Die „Deutschtümelei“ der FPÖ

Mit dem Beginn der Zweiten Republik gehen die Studentenverbände in Österreich unterschiedliche Wege. Das zeigt sich am Begriff „Vaterland“. Die Burschenschaften sehen sich als Teil der „deutschen Nation“, pflegen die Deutschtümelei. Sie leben die Tradition von „Deutsch-Österreich“ fort, wie sich die Alpenrepublik nach dem Ende der Monarchie gerne genannt hätte, ihr es aber letztlich untersagt wurde. Die FPÖ beharrte noch bis in die 1980er Jahre auf die Zugehörigkeit zur „deutschen Nation“. In den letzten Jahren ist es diesbezüglich merklich ruhiger geworden. Die FPÖ, beziehungsweise ihr Vorläufer der VDU, war allerdings auch seinerzeit gegründet worden, um jenen, die stark mit der Ideologie des Nationalsozialismus verwurzelt waren, nach dem Krieg beim Übergang in die neue demokratische Gesellschaft eine Brücke zu bauen.

Im Gegensatz zu den Burschenschaften bekannte sich der CV, der katholische Cartellverband, stets zum neuen Österreich und ist so ein Teil des erwachenden österreichischen Nationalbewusstseins. Das war zunächst keine Selbstverständlichkeit, ist es aber mittlerweile geworden und damit auch Ausdruck des neuen „rot-weiß-roten Selbstbewusstseins“. Dass Österreich eine eigene Nation darstellt, wird laut Umfragen nur noch von weniger als zehn Prozent seiner Bewohner in Abrede gestellt.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.