Coronavirus-Impfstoffe: Diese Fakes erregen das Netz

Eine Grippeimpfung in Rom. Auch im vom Virus schwer getroffenen Italien wartet man sehnsüchtig auf die COVID-Impfung. [ANDREA CANALI/EPA]

Gefälschte Twitter-Profile der Biontech-Gründer, vermeintliche Zwangsimpfungen und Panik vor dem Infektionsschutzgesetz – Gerüchte und Desinformation verbreiten sich weiter parallel zum Virus. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle hat sie überprüft.

Plant der Deutsche Bundestag die Verabschiedung einer Impfpflicht?

Behauptung: „Am 18.11. soll im Deutschen Bundestag das Infektionsschutzgesetz geändert werden. Dieses ist bedrohlicher, als alles andere vorher. Inhalte der Änderung: Impfpflicht! Zwangsimpfungen! Ende der Verletzlichkeit der Wohnung! Einschränkung der Religionsfreiheit, Einschränkung der Versammlungsfreiheit! Ende der Reisefreiheit! Ausschaltung der Parlamente! Totale Überwachung! Vollzug durch die Bundeswehr!“, heißt es in einem Beitrag auf Telegram.

DW Faktencheck:

Falsch. Die geplante Reform des Infektionsschutzgesetzes ist zwar umstritten, wird von Teilen der Opposition kritisiert und in Berlin läuft eine Demonstration gegen die Abstimmung im Bundestag. Aber inhaltlich geht es in der Novelle überwiegend um andere Aspekte: Der neue Paragraf 28a listet auf, welche Schutzmaßnahmen von Landesregierungen und Behörden zum Eindämmen der Pandemie verordnet werden können: Abstandsgebote, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen im privaten und öffentlichen Raum, Einschränkungen bei Reisen, Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen oder die Maskenpflicht. Also bereits getroffene Schutzmaßnahmen, die nun rechtliche Grundlage erhalten sollen. Die im Beitrag der Userin namens „Cristin“ erhobenen Anschuldigungen gegen die Bundesregierung treffen ganz überwiegend nicht zu. Dennoch hat der Post bereits mehr als 13.000 Menschen erreicht. Geeinigt haben sich Bund und Länder auf eine Verlängerung der am 2. November beschlossenen Beschränkungen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Alle weiteren Maßnahmen haben vorerst nur appellierenden Charakter. Eine Impfpflicht haben das Kanzleramt sowie Gesundheitsminister Jens Spahn mehrfach und dezidiert ausgeschlossen. Viele der darüber hinaus erhobenen Behauptungen entbehren jeder Grundlage: Weder soll im Gesetz die Religionsfreiheit noch die Verletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt werden, eine wie auch immer geartete „Ausschaltung der Parlamente“ oder eine „totale Überwachung“ lässt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gar nicht zu. Ein Einsatz der Bundeswehr im Innern ist laut Grundgesetz überhaupt nur in Ausnahmefällen (Katastrophen, Notstand oder Amtshilfe für Behörden) möglich.

Zwei Aussagen im Telegram-Post, sind zumindest teilweise zutreffend: Die Reisefreiheit soll in Pandemiezeiten eingeschränkt (jedoch nicht „beendet“) werden können. Ebenso die Versammlungsfreiheit, die zuletzt durch größere Demonstrationen wie in Leipzig immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen war. Ein generelles Versammlungsverbot wird aber von fast allen Akteuren als unverhältnismäßig angesehen, einzelne Maßnahmen erlaubt das Infektionsschutzgesetz dagegen schon, wenn sie dem „Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und insbesondere eine Verhinderung der Überlastung des Gesundheitssystems“ dienen.

Biontech: Keine Bevorzugung der USA bei Verteilung von Corona-Impfstoff

Das Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech ist Befürchtungen entgegengetreten, dass der von ihm zusammen mit dem US-Konzern Pfizer entwickelte Corona-Impfstoff zunächst bevorzugt in den Vereinigten Staaten verteilt werden könnte.

Haben die Biontech-Gründer in ihren persönlichen Accounts angekündigt, den Corona-Impfstoff noch in diesem Jahr auszuliefern?

Behauptung:

„Wenn alles weiterhin gut geht, liefern wir den Impfstoff Ende dieses Jahres und Anfang 2021 aus“, ist in zwei nahezu gleichlautenden Tweets zu lesen.

DW Faktencheck:

Falsch. Das haben weder Özlem Türeci noch ihr Mann Ugur Sahin geschrieben. Die beiden Biontech-Gründer haben keine privaten Twitter-Accounts, wie ihr Unternehmen klarstellt:

Die Accounts, auf denen die Tweets veröffentlicht wurden, sind Fakes und inzwischen gelöscht (jedoch hier dokumentiert). https://t.co/LbRKXjQeZa?amp=1  Dennoch erreichte der vermeintliche Account von Özlem Türeci binnen kurzer Zeit mehr als 50.000 Follower, obwohl dort erst am 14. November der erste Tweet veröffentlicht wurde. Im Fall von Ugur Sahin waren es gleich zwei gefälschte Accounts mit gut 7000 und 2000 Followern. Auch hier stammt der erste Tweet erst von Mitte November, was also bereits stutzig machen sollte. Eröffnet wurden die Konten im August und September 2020, offenbar zunächst aber noch unter anderen Namen. Ein verlinkter Instagram-Account von Türeci ist weiter online und offenbar ebenfalls ein Fake.

Auf Twitter wurden die Beiträge der Fake-Accounts tausendfach geliket und verbreitet, viele Nutzer hielten die Profile für echt. Doch mehrere Indizien sprachen schnell gegen deren Echtheit: Auf der Webseite von Biontech fand sich keinerlei Hinweis zu den Twitter-Profilen der inzwischen prominenten Firmengründer und umgekehrt, war das Firmen-Profil von Biontech nicht in den Twitter-Bios der beiden verlinkt – was Firmeneigner üblicherweise tun. Zudem hatte Biontech erst vor wenigen Tagen via Pressemitteilung auch in der Wortwahl vorsichtig darauf hingewiesen, dass die Auslieferung des Impfstoffes noch von zahlreichen Faktoren und Risiken abhänge, unter anderem, „ob und wann die regulierenden Behörden die Zulassung geben“.

Verändert der Pfizer/Biontech-Impfstoff die menschliche DNA?

Behauptung:

„Zur Erinnerung: Der Pfizer-Impfstoff nutzt mRMA-Technologie, die noch niemals getestet oder zugelassen wurde. Es verändert Deine DNA. 75% der freiwilligen Impfstoff-Tester haben Nebenwirkungen erlebt. Vorsicht!“, schreibt die US-amerikanische Journalistin Emerald Robinson auf Twitter.

DW Faktencheck:

Falsch. In der Tat nutzt der Impfstoff von Pfizer/Biontech die so genannte mRMA-Technologie, die bisher noch nicht zugelassen wurde. Kleine Fragmente aus dem genetischen Code von COVID-19 werden genutzt, um das Virus im menschlichen Körper zu produzieren. Das Immunsystem erkennt dann das Virus und produziert Antikörper. So kommt es zur Immunität. Doch – und hier beginnt der unwahre Teil der Behauptung – getestet wird der Impfstoff bereits intensiv, aktuell steht das Verfahren in der dritten klinischen Testphase mit mehr als 43.000 Testpersonen.

Die Journalistin Emerald Robinson, die als Korrespondentin im Weißen Haus für die konservative US-Nachrichtenseite Newsmax arbeitet, behauptet zudem, dass der Impfstoff die DNA der Menschen verändere. Das ist falsch. Das Paul-Ehrlich-Institut – in Deutschland als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständig – erklärt auf seiner Webseite: „Es besteht keine Gefahr einer Integration von mRNA in das humane Genom. Beim Menschen befindet sich das Genom in Form von DNA im Zellkern. Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich.“

Auch Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission, sieht keine Hinweise darauf, dass der Biontech/Pfizer-Wirkstoff die DNA der Menschen verändern könne. Mark Lynas von der Cornell University in den USA sieht das genauso. „Das ist nur ein Mythos, der oft absichtlich von Impfgegnern verbreitet wird, um absichtlich Verwirrung und Misstrauen zu produzieren“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer zu 90 Prozent wirksam

Die erste Zwischenanalyse einer Phase-3-Studie zeigt eine hohe Wirksamkeit und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen bei dem Impfstoff-Kandidaten. Eine Impfstoff-Zulassung soll bereits kommende Woche beantragt werden.

Nimmt die peruanische Regierung Zwangsimpfungen vor?

Behauptung:

„In Peru ist die Impfung gegen COVID-19 inzwischen Pflicht, und jeder, der sich ihr verweigert, wird verhaftet, siehe Bilder. Es hat begonnen, WACH AUF. Große Sorgen kommen, dies ist der Beginn der Schmerzen“, lautet ein Facebook-Post vom 7. November zu drei Bildern, die in Schutzkleidung auftretendes medizinisches Personal bei Hausbesuchen zeigen.

Ein Facebookpost zeigt eine vermeintliche COVID-19-Impfaktion in Peru – tatsächlich aber Bilder einer Diphterie-Impfung

DW Faktencheck:

Falsch. In Peru werden keine Zwangsimpfungen gegen COVID-19 vorgenommen, dies ist auch gar nicht möglich, da es noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Die Bilder-Rückwärtssuche via Google führt unter anderem zu der Seite des Radio Nacional del Peru, dem ältesten Radiosender im Land. Dieser berichtet unter Verwendung eines der Bilder von einer Diphterie Impfaktion von 50 Brigaden des peruanischen Gesundheitsministeriums in der Region La Victoria. In der Tat findet man im Twitter-Kanal des peruanischen Gesundheitsministerium am 28. Oktober zwei der drei im Facebook-Post verwendeten Fotos:

Im Tweet schreibt das Gesundheitsministerium ebenfalls über die 50 Brigaden, die „nach einem registrierten Fall von Diphterie, Impfaktionen zuhause durchgeführt“ haben. Die Bilder wurden also fälschlicherweise mit COVID-19 in Verbindung gebracht. Und Perus Gesundheitsminister Pilar Mazzetti stellte via Pressemitteilung klar: „Wenn Menschen nicht geimpft werden wollen, werden sie nicht geimpft.“

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