Corona-Lockdown: Stehen in Deutschland bald alle Räder still?

Im Landkreis Berchtesgaden in Bayern gilt bereits ein temporärer Lockdown. [CHRISTIAN BRUNA/EPA]

Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet diese Woche so viele Neuinfektionen in Deutschland wie noch nie. Droht ein zweiter Lockdown? Und was würde ihn von dem im Frühjahr unterscheiden?

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, der obersten Seuchenbehörde des Landes, klang am Donnerstag in Berlin gar nicht mal so besorgt, wie es die nackten Zahlen, die er verkündete, eigentlich vermuten ließen: Mehr als 11.000 neue Infektionen mit dem Corona-Virus innerhalb der letzten 24 Stunden musste Wieler verkünden. Ein Wert, der bislang in Deutschland undenkbar schien. Dennoch sagte Wieler: „Derzeit haben wir noch die Chance, die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Wir sind nicht machtlos.“

Jeder Einzelne könne sein Infektionsrisiko durch die Einhaltung der Regeln deutlich verringern, auch dann noch, wenn es in seinem Umfeld Infektionen gebe, betonte Wieler. Es bleibt also dabei: Die wichtigsten Mittel im Kampf gegen die Pandemie bleiben das Tragen von Masken, bleiben Abstand und Hygiene.

Startschuss für die neue globale Gesundheitsstrategie Deutschlands

Die neue globale Gesundheitsstrategie Deutschlands schafft ein solides Fundament für politisches Handeln, doch fehlt es ihr an einer zukunftsorientierten Ausrichtung. Es ist noch Zeit, um vorausschauende Politik zu beweisen, meint Susan Bergner.

Ein Schreckgespenst geht um

Dennoch geistert ein Schreckgespenst durch die aufgeregte Debatte: Kommt es in Deutschland zu einem zweiten Lockdown, zu einem Herunterfahren so gut wie aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten, wie im Frühjahr? In anderen Ländern Europas, etwa in Belgien, ist dieser Zustand fast schon erreicht.

Der erste Lockdown in Deutschland im März und April: Das waren leere Straßen, geschlossene Schulen und Kitas, geschlossene Restaurants. Auf den Straßen auch in den großen Städten herrschte eine gespenstige Stille. Die Wirtschaft wurde auf das absolut notwendige Maß beschränkt, der Staat nahm bislang unvorstellbare Milliardenbeträge in die Hand, um die schlimmsten Folgen für die Menschen zu mildern. Hunderttausende von Beschäftigten gingen etwa in Kurzarbeit.

Gesundheitsminister Jens Spahn ist Corona-positiv

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wurde positiv auf das Coronavirus getestet, teilte sein Ministerium am frühen Mittwochabend mit. 

Erfahrungen aus dem Frühjahr

Und jetzt? Es ist erklärtes Ziel der Politik, solche Maßnahmen im Herbst möglichst zu verhindern. Tatsächlich ist das Land weitaus besser auf den enormen Anstieg der Infektionszahlen vorbereitet als noch im Frühjahr. Die Experten kennen das Virus nun besser. Damals war auch die Furcht groß, dass die Infrastruktur für die Intensivbehandlung in den Krankenhäusern schnell an ihre Grenzen geraten könnte. Das erwies sich als unbegründet.

Jetzt kann das Gesundheitssystem auf die damals gemachten Erfahrungen aufbauen. Auch gibt es keinen Engpass mehr etwa bei der Bereitstellung von Atemmasken, was im Frühjahr noch ein erhebliches Problem darstellte. Betriebe und Behörden entwickelten eigene Hygienekonzepte, die jetzt tragen.

Ökonom Fratzscher – Deutschland ist nicht besser als andere Länder durch Corona-Krise gekommen

“Tatsächlich hat Deutschland aber mehr Infizierte und Tote pro eine Million Einwohner als die meisten anderen Länder. Die Wirtschaft schrumpft stärker“, so der Ökonom.

Zeitliche und lokale Lockdowns möglich

Deshalb glaubt etwa die Bundestagsabgeordnete der Linken, Anke Domscheit-Berg, nicht daran, dass die Deutschen einen zweiten Lockdown fürchten müssen. Sie sagte der DW: „Der deutsche Lockdown im Frühjahr war im Vergleich zu den Einschränkungen in anderen Ländern noch moderat.“ Dennoch werde alles dafür getan werden, eine Wiederholung zu verhindern und die Nebenwirkungen von notwendigen neuen Einschränkungen zu reduzieren.

Deshalb glaube ich, dass wir bei weiterem Anstieg der Infektionszahlen eher zeitlich und räumlich stark abgegrenzte Teil-Lockdowns erleben werden, wie zum Beispiel zurzeit in Berchtesgaden, und dass anders als im Frühjahr Schulen und Kitas nicht flächendeckend schließen werden“, sagte Domscheit-Berg. Im Landkreis Berchtesgadener Land in Bayern, einem beliebten Touristenziel in Deutschland, ist nach hohen Infektionszahlen seit Dienstag das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch mit triftigem Grund erlaubt. Hunderte von Touristen mussten den Landkreis verlassen.

Europäische Corona-Apps überschreiten Grenzen: Deutschland ist dabei

Die deutsche Corona-Warn-App funktioniert nun auch in Italien und Irland, und vice versa. Demnächst sollen mehr Staaten dazukommen. Einige sind allerdings von vornherein ausgeschlossen, weil sie ein zentrales System nutzen, etwa Frankreich.

Infizierten-Nachverfolgung als Hauptproblem

Auch wenn Deutschland gut vorbereitet scheint: RKI-Chef Lothar Wieler ist an einem Punkt besonders besorgt. Er warnte, dass sich das Virus in einigen Gebieten mittlerweile unkontrolliert ausbreiten könne, weil eine Nachverfolgung von Infektionsketten nicht mehr vollständig möglich sei. Schon vor Wochen hatten einige Virologen gemutmaßt, dass sich das Virus nicht wie im Frühjahr vor allem in einigen speziellen Gebieten verbreite, sondern sich nun flächendeckend ausbreite.

Die Nachverfolgung von Infektionsketten ist die Aufgabe vor allem der Gesundheitsämter, die jetzt schnell an ihre Grenzen geraten könnten. Darauf verwies nun auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU): „Wir dürfen die Nachverfolgung nicht aufgeben“, erklärte er am Donnerstag. Und fügte hinzu: „Ich glaube nicht, dass es ein Coronalight in Deutschland gibt.“

Angela Merkel versucht das Corona-Bündnis direkt mit den Bürgern

Aus ihrer Unzufriedenheit über den Corona-Gipfel machte die Bundeskanzlerin kein Geheimnis. Am Tag danach geben ihr die Wissenschaft und aktuelle Zahlen Recht.

Toilettenpapier wird wieder knapp

Es bleibt also zumindest vorerst dabei, dass Restaurants und Einzelhandelsgeschäfte offen bleiben, Schulen und Kitas auch. Je nach Infektionsgeschehen werden die Kontaktmöglichkeiten der Menschen erneut und immer stärker begrenzt. Auffällig viel ist von Eigenverantwortung die Rede.

Die Debatte um einen möglichen Lockdown verunsichert die Bevölkerung schon jetzt: Der Einzelhandel meldet bereits, dass in einigen Geschäften das Toilettenpapier knapp wird. Im Frühjahr waren leere Toilettenpapierregale in den Supermärkten eines der Symbole für den Lockdown. Damals betonten die Supermarktketten vergeblich, dass das Horten des Hygieneartikels wenig Sinn ergebe, weil es keine Liefer-Engpässe gebe. Das ist heute nicht anders.

Österreichs Außenminister Schallenberg ist Corona-positiv

Schallenberg habe sich womöglich beim Treffen der EU-AußenministerInnen am Montag in Luxemburg angesteckt, so die Sprecherin.

Alles zu an Weihnachten?

Der bekannte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité brachte unterdessen einen zeitlich befristeten Lockdown um die Weihnachtszeit herum ins Spiel. Er twitterte, eine entsprechende Idee aus England sei überlegenswert. Möglich, dass sich die Politik solchen Gedankenspielen annähert. Heikel ist dabei die hohe Bedeutung, die Weihnachten auch für die Deutschen hat. Schon jetzt werden immer mehr Weihnachtsmärkte in Deutschland abgesagt, was erheblich auf die Stimmung drücken dürfte.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN