Corona-Impfungen kommen langsam in Gang

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spah (CDU, 2.v.l.) besucht ein Impfzentrum. [Michael Kappeler / POOL / EPA]

Mehr Impfstoff und die Einbeziehung der Hausärzte machen Hoffnung. Nach schleppendem Start wird in Deutschland mehr geimpft.

Dies ist ein Artikel von EURACTIV Medienpartner Deutsche Welle.

Gedämpfte Ruhe im Raum „Wien“. Es ist die Ruhe nach dem Impfen zwischen holzgetäfelten Wänden und großen Fenstern. Im Impfzentrum Bonn, untergebracht im World Congress Center, dient „Wien“ als Ruhe- und Beobachtungsraum. Mehr als 20 Menschen haben auf weißen Plastikstühlen Platz genommen. Auch Gerd und Rita Eisenbeiß sitzen hier. Beide wurden gerade mit AstraZeneca geimpft. Der Mittsiebziger Eisenbeiß vertraut dem Impfstoff – und ist erleichtert, dass es bei ihm jetzt doch so schnell ging.

Das liegt an einem Sonderkontingent von knapp einer halben Million Impfdosen mit dem britisch-schwedischen Impfstoff, die Nordrhein-Westfalen kurz vor Ostern den Über-60-Jährigen angeboten hat. Sie kommen außerhalb der üblichen Reihenfolge zum Zuge, weil die Ständige Impfkommission empfohlen hatte, das Präparat von AstraZeneca nicht mehr bei Jüngeren einzusetzen.

Termine buchen konnte man ab Samstagmorgen um 8.00 Uhr. Nur eine halbe Stunde später konnte der Server die Masse der Anfragen nicht mehr bewältigen. Den 450.000 Impfdosen standen knapp vier Millionen potenzielle Bewerber gegenüber. Rita Eisenbeiß hat es mit Beharrlichkeit und Geduld geschafft. Von frühmorgens an habe sie es den ganzen Tag über immer wieder probiert, berichtet sie der DW. Um 15.30 Uhr schließlich hatte sie den Termin für sich und ihren Mann.

Ähnlich erging es der Mittsechzigerin Britta Schmidt (Name geändert). Sie wartet vor einer der zehn Impfstraßen im Raum „Nairobi“ auf ihre AstraZeneca-Spritze. Auch Schmidt musste über Stunden am Computer immer wieder neue Anläufe nehmen, bis es schließlich mit dem Impftermin geklappt hat. Bedenken hat sie keine. Wenn man sich die Beipackzettel vieler gewöhnlicher Medikamente anschaue, seien die Risiken deutlich höher als bei der AstraZeneca Impfung, sagt sie. Und überhaupt: „Am Ende müssen wir alle geimpft werden – dann doch lieber so früh wie möglich“.

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Kapazität fast verdoppelt

Das Impfzentrum Bonn hat für das Sonderkontingent zwei zusätzliche Impfstraßen eingerichtet und seine Kapazität fast verdoppelt: von rund 1000 auf jetzt 1800 Impfdosen pro Tag. Jetzt schiebt im World Congress Center im Schnitt alle 24 Sekunden ein Impfarzt eine Nadel in einen Oberarm. Gäbe es mehr Impfstoff, könnte man das Zentrum problemlos erweitern und noch mehr Menschen immunisieren, sagt Frank Fresner, Sprecher der Bonner Feuerwehr, die das Impfzentrum betreibt.

Überall in Deutschland, nicht nur im Bonner Impfzentrum, hoffen die Verantwortlichen nun auf ein höheres Tempo beim Impfen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Losung ausgegeben, dass bis Anfang Mai, also in knapp vier Wochen, 20 Prozent der Menschen in Deutschland eine erste Impfung erhalten sollen.

Das klingt ambitioniert. Denn seit Beginn der Impfkampagne in Deutschland kurz nach Weihnachten 2020 sind bislang rund 10 Millionen Menschen geimpft worden, rund vier Millionen sind vollständig geimpft. Damit haben mehr als 12 Prozent der Bevölkerung mittlerweile einen guten oder sogar bestmöglichen Schutz. Allerdings hat das auch über drei Monate gedauert. Mut macht Politikern und Wissenschaftlern, dass nun wohl wirklich mehr Impfstoffe zur Verfügung stehen.

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Mehr Tempo in Impfzentren, bei Hausärzten und in Betrieben

Davon geht jedenfalls Carsten Watzl aus, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Er sagte im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), insgesamt seien im ersten Quartal diesen Jahres 16 Millionen Dosen ausgeliefert worden, im zweiten Quartal könnten es nun 70 Millionen sein.

In den rund 430 Impfzentren, aber auch in den Hausarztpraxen und demnächst hoffentlich auch in den Betrieben müsse nun erheblich mehr Tempo gemacht werden. „Die nächsten Wochen und Monate werden jetzt entscheidend sein, ob wir es schaffen, diese Logistik aufzubauen, um dann auch diese Impfdosen entsprechend zu verimpfen“, sagt Watzl. Denn im dritten Quartal rechnen die Experten mit noch einmal 100 Millionen Dosen. Damit wäre genug da, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen.

Ganz so hoffnungsvoll klingt der Deutsche Hausärzteverband nicht. Nachdem in einigen Pilot-Praxen bereits vor Wochen mit dem Impfen begonnen wurde, sollen von dieser Woche an rund 35.000 Arztpraxen im ganzen Land Schwung in die Impfkampagne bringen. In Bayern starteten rund 1600 Praxen damit bereits in der vergangenen Woche.

Verbandschef Ulrich Weigeldt beklagte aber im Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg die zunächst eher geringe Ausstattung der Praxen mit Impfdosen. „Das ist etwas, worüber wir nicht ganz glücklich sind, dass wir zunächst im Schnitt ungefähr 20 Dosen pro Praxis bekommen pro Woche. Das ist ein bisschen wenig“, sagte Weigeldt.

Er erwarte aber, dass die Hausarztpraxen zeitnah deutlich mehr Impfdosen bekommen. Experten versprechen sich von den Impfungen in den Praxen vor allem eine bessere Betreuung der Impfkandidaten: Anders als die Mitarbeiter in den Impfzentren kennen die Hausärzte ihre Patientinnen und Patienten.

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Hausärzte steigen ins Impfen ein

Zu diesen Hausärzten zählt auch Wolfgang Kreischer, der zusammen mit Kollegen in Berlin-Zehlendorf eine Praxis für Allgemeinmedizin und Innere Medizin betreibt. Kreischer ist gleichzeitig Vorsitzender des Hausärzteverbandes Berlin-Brandenburg. Im Gespäch mit der DW kann Kreischer am Dienstag zunächst einmal eine positive Nachricht verkünden: „Wir haben heute überraschend beide Impfstoffe bekommen, BioNTech und AstraZeneca. Wir können nicht nur ältere Patienten einladen, sondern auch Jüngere. Aber das stellt uns schon vor große Herausforderungen.“

Abseits des normalen Praxisbetriebs werden die Impflinge vor allem in den Mittagsstunden eingeladen, Kreischer stellt sich auf viele Überstunden ein. Und auch darauf, seine Praxis am Samstag zu öffnen. Der umstrittene Impfstoff von AstraZeneca, der nach Meldungen über Hirnthrombosen in einigen wenigen Fällen jetzt nur noch bei Menschen über 60 Jahren verimpft werden soll, hat bei den Patienten in Kreischers Praxis keinen guten Ruf: „Wir werden bei uns den Schwerpunkt erst einmal auf dem Impfstoff von BioNTech legen. Vor allem Frauen sind gegenüber AstraZeneca sehr skeptisch, und denen werde ich das auch erst einmal nicht geben.“

Lange haben sich Kreischer und seine Kollegen schon angeboten, um bei den Impfungen zu helfen, aber die Politik hat mit der Hinzuziehung der Hausärzte lange gezögert. Kreischer spricht im Zusammenhang mit der Impfkampgane von einem „Bürokratie-Monster“, das ihm und seinen Kollegen das Leben schwer mache. Er nennt die Impf-Priorisierung, also den Vorrang vor allem sehr alter Menschen bei den Impfungen: „Ich habe hier viele ältere Patienten, die sehr einsam sind und kaum Kontakte haben. Wenn sie das Virus bekommen, geht es ihnen natürlich schon sehr schlecht, aber wir hätten früher auch etwa an Jugendliche, an Schüler denken müssen, die sehr viel mehr Kontakte haben.“

Aber die Politik in Deutschland habe sich bei der Frage der Vorrangs festgelegt und kaum noch Bedenken dagegen angehört. „Wir müssen jetzt die Suppe auslöffeln, und das tun wir auch“, sagt Kreischer. Ob die optimistische Einschätzung von Gesundheitsminister Jens Spahn aufgeht, bis zum Mai 20 Prozent der Bevölkerung zu impfen? Kreischer mag sich an solchen Debatten nicht beteiligen. Er hat vorläufig genug damit zu tun, die Impfungen und seinen Praxisalltag unter einen Hut zu bringen.

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