Corona-Hotspot Ischgl: Bericht belastet Regierung

Ischgl war einer der ersten bekannten Coronavirs-Hotspots in Europa. [STR/EPA]

Der Skiort Ischgl wurde im März zur europäischen Drehscheibe für das Coronavirus. Die lokale Regierung streitet jede Verantwortung ab. Nun belastet sie der Bericht einer unbhängigen Kommission.

Die Gemeinde Ischgl im österreichischen Tirol war lange Zeit hauptsächlich als traumhaft schöner Skiort bekannt, inklusive reger Aprés Ski-Partyszene. Im März jedoch erlangte er traurige Berühmtheit als früher Coronavirus-Hotspot, von dem aus TouristInnen das Virus in ihre Heimatländer trugen. Das betraf vor allem Island, Norwegen und Deutschland.

Der Tiroler Landesregierung wurde von mehreren Seiten vorgeworfen, zu spät die Hotels und Skilifte geschlossen zu haben. Diese beteuerte stets, zum richtigen Zeitpunkt das richtige getan zu haben. Doch laut einem Bericht einer unabhängigen Kommission handelte die Politik zu spät und zu unkoordiniert.

Leiter der Kommission ist Ronald Rohrer, ehemaliger Vizepräsident des Obersten Gerichtshofs. Er und sein Team gingen fünf Monate lang durch interne Akten und befragten über 50 Personen. Ergebnis: Beim Krisenmanagement lief einiges schief.

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Zu spät gehandelt

Der Betrieb der Skilifte sei um einen Tag zu spät eingestellt worden, so der Bericht. Als es dann zu Maßnahmen kam, wurden diese schlecht kommuniziert. Gäste hätten panikartig den Ort verlassen, was das Risiko der Verbreitung in andere Regionen und Länder mit sich brachte. Stattdessen hätte die Ausreise „gestaffelt und kontrolliert“ passieren müssen, unter der Ägide der Behörden. Ein Evakuierungsplan habe völlig gefehlt.

Der Bericht erkennt an, dass die EntscheidungsträgerInnen „oft unter großen Zeitdruck in der beispiellosen Krisensituation ein großes Arbeitspensum bewältigt“ hätten. Doch dabei kam es zu „folgenschweren Fehleinschätzungen“.

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Kritik an Bundesregierung

Auch eine Ebene höher, bei der Bundesregierung, habe es Versäumnisse gegeben. Als der Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP, genau wie der Tiroler Landeshauptmann) eine Quarantäne über die anliegenden Gebiete Paznauntal und St. Anton verhängte, habe er dies „überraschend und ohne Bedachtnahme auf die notwendige substantielle Vorbereitung“ getan: „Es fehlte an Kommunikation und Einbeziehung der allein zuständigen Bezirkshauptmannschaft Landeck.“ Das habe ein „kontrolliertes Abreisemanagement“ erschwert.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hätte den neuen Pandemieplan früher veröffentlichen sollen. So mussten die Tiroler Behörden mit dem veralteten Epidemiegesetz aus dem Jahre 1950 arbeiten, dass nie auf praktikable Anwendbarkeit auf heutige Tourismusgebiete geprüft wurde.

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