Coronavirus: Die Deutschen zwischen Gelassenheit und Angst

Die Straßen in Berlin sind geleert, doch die Stimmung unter der Bevölkerung ist gelassen, laut Umfrage. [CLEMENS BILAN/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Sie sorgen sich vor allem um die Wirtschaft, aber nicht so sehr um die eigene Gesundheit. Das ist das wichtigste Ergebnis gleich mehrerer Umfragen über die Ängste in der Corona-Krise.

Wieviel Angst macht die Corona-Krise den Deutschen? Die neueste Untersuchung dazu hat das Versicherungsunternehmen R+V vorgelegt. Das Ergebnis der repräsentativen Umfrage hat den Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred Schmidt überrascht. Er führt die Untersuchung im Auftrag der Versicherung schon seit 15 Jahren durch.

Bis auf die stark gestiegene Angst vor einer Talfahrt der Wirtschaft bleiben die Deutschen mit Blick auf ihre Gesundheit und ihren Job im Moment eher gelassen. „Sie wirken erstaunlich sorglos oder cool“, sagt Schmidt.

COVID-19: Die Krise, die Angela Merkels Führung in die Knie zwingt

Wie in vielen Ländern hat die Coronavirus-Pandemie das Vertrauen der Bürger in die deutsche Regierung deutlich erhöht und Angela Merkel wirkt in dieser Krise wie ein Anker der Stabilität und des Pragmatismus. Aber so sehr sie mithilfe ihres politischen Stils auch die größten Krisen durchstehen kann, wird sie nicht in der Lage sein aus der Krise herauszuführen, meint Kenneth Stiller.

Kaum Ansteckungsängste

Wer brennende Sorgen der Deutschen um ihre Gesundheit vermutet, liegt falsch. Im Vergleich zu 2019 nahm die Angst vor einer schweren Erkrankung lediglich um sechs Prozentpunkte zu, von 35 auf 41 Prozent. Das ist der zweitniedrigste Wert seit 1992, den niedrigsten gab es im vergangenen Jahr.

„Das ist eine sensationelle Nachricht. Das hat mich echt erstaunt“, sagt Schmidt. „Da schwingt eine eigentümliche Vermutung mit, dass man selbst gesundheitlich gut über die Runden kommt und das Risiko irgendwo anders ist.“ Der Wissenschaftler schränkt allerdings ein, dass die Altersstruktur der Befragten eine Rolle gespielt haben könnte. „Das Risiko ist bei den Älteren höher – hier aber wurde repräsentativ in allen Altersgruppen gefragt.“

Schon bevor die Pandemie massiv ausbrach, war das Meinungsforschungsinstitut infratest-dimap in seinem Deutschlandtrend allerdings zu etwas anderen Ergebnissen gelangt. Damals hatte gut die Hälfte (51%) der Deutschen Angst geäußert, dass sie sich selbst oder Familienangehörige mit dem Virus angesteckt haben könnten.

Bundesregierung will 14-tägige häusliche Quarantäne für RückkehrerInnen

Im Kampf gegen das Coronavirus will die Bundesregierung aus dem Ausland zurückkehrende Bürger vorsorglich in eine zweiwöchige Quarantäne schicken.

Drohende Rezession

In allen Untersuchungen zeigt sich aber: Die Sorge vor einer wirtschaftlichen Talfahrt wächst. In der R+V-Untersuchung schnellt die Zahl im Vergleich zu 2019 um spektakuläre 23 Prozentpunkte auf nun 58 Prozent nach oben. Die Sorge vor einer Rezession geht aber nicht unbedingt mit einer Angst vor einem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes einher.

Nur knapp ein Viertel der Befragten bangt um den eigenen Job – gleich viele wie 2019 und insgesamt so wenige wie seit 30 Jahren. Für Schmidt hat das viel mit Maßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld und anderen staatlichen Finanzspritzen zu tun. Das, glaubt Schmidt, sehen die allermeisten Deutschen als hilfreich und beruhigend.

Maas und Scholz sichern EU-Partnern deutsche Solidarität in Corona-Krise zu

Die Bundesregierung hat den von der Coronavirus-Pandemie besonders hart getroffenen EU-Staaten die deutsche Solidarität bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folge der Krise zugesichert.

Deutsche pessimistisch wie nie seit 1949

Dennoch: Von purer Gelassenheit kann keine Rede sein. Denn noch nie seit der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 waren die Deutschen so pessimistisch wie in der Corona-Krise. Das hat eine Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Ende März ergeben. Nur 24 Prozent blicken danach hoffnungsvoll auf die nächsten zwölf Monate. In ihrem „Hoffnungspegel“ hatten die Allensbach-Forscher noch nie einen so niedrigen Wert gemessen.

In einem sind sich aber alle Umfrageinstitute einig: Die Regierung macht in den Augen der Deutschen in der Krise einen guten Job, und dafür wird sie gelobt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die aktuelle R+V-Untersuchung. In den vergangenen zehn Jahren hielt fast die Hälfte der Befragten die Politiker in Krisen grundsätzlich für überfordert. Während der Finanzkrise 2010 (62 Prozent) und der Flüchtlingskrise 2016 (65 Prozent) waren es fast zwei Drittel.

Im Vergleich dazu, so Manfred Schmidt, fällt das Urteil der Deutschen in der Corona-Krise über die Politik eher mild aus. Nach der jüngsten Umfrage halten nur 46 Prozent der Deutschen die Politiker für überfordert – das zählt zu den niedrigsten Werten der vergangenen zehn Jahre.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.