Bundeswehr übt mit Hunderten Soldaten – trotz Coronavirus

Ein Bundeswehrsoldat mit Gasmaske bei einer mobilen Station zur Produktion von Desinfektionsmittel. [PHILIPP GUELLAND/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Panzer fahren zur Gefechtsübung, Gebirgsjäger sind bei „Berglöwe 2020“ dabei. Diese und 99 weitere Übungen hält die Bundeswehr trotz Corona-Risiken für nötig.

Sportveranstaltungen? Abgesagt. Musikkonzerte? Verboten. Politische Demonstrationen? Nur äußerst eingeschränkt möglich. Schließlich gelten in ganz Deutschland strikte Ausgangsbeschränkungen sowie ein Abstand von mindestens eineinhalb Metern.

Und wie sieht es mit Bundeswehr-Übungen aus? Im Bendlerblock plant man bis Ende September 101 Übungen, teils mit Hunderten Soldatinnen und Soldaten. Das geht aus einer Aufstellung des Verteidigungsministeriums hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Demnach wird etwa das Panzerbataillon 104 mit 400 Teilnehmern bei einer Gefechtsübung für die Enhanced Forward Presence Battlegroup Litauen mitmachen. Das Panzerbataillon 393 nimmt mit 950 Soldatinnen und Soldaten an einer Gefechtsübung der Very High Readiness Joint Task Force teil. Und an der Übung „Berglöwe 2020“ sind 1650 Gebirgsjäger, -aufklärer und -pioniere beteiligt.

Im Bendlerblock hält man alle 101 Übungen und Ausbildungsvorhaben für unabdingbar. „Ziel der Bundeswehr bleibt es stets, unter Minimierung des Risikos der Ausbreitung der Covid-19-Pandemie die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr für Hilfsleistungen im Inneren und die Einsätze im Ausland sowie die Beiträge zur Landes- und Bündnisverteidigung aufrechtzuerhalten“, schreibt Staatssekretär Peter Tauber zur Begründung in einer Antwort auf eine Schriftliche Frage des Linken-Abgeordneten Tobias Pflüger zu Bundeswehr-Übungen während der Covid-19-Gefahr.

Bundeswehr will Ärzte und tausende Reservisten zur Verfügung stellen

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat „weitreichende Maßnahmen“ der Bundeswehr zur Eindämmung der Corona-Pandemie versprochen. So stünden bis zu 3.000 Ärzte des Militärs zur Verfügung, auch die Vergabe von medizinischen Material laufe bereits.

Nach Angaben aus dem Verteidigungsministerium werden in allen Fällen Risikoabwägungen durchgeführt und „wo möglich“ die Teilnehmerzahl oder die Übungsdauer begrenzt. Bei den bestehenbleibenden Übungen will sich die Truppe darum bemühen, in kleineren Gruppen als sonst üblich zu arbeiten und zu leben. So würden mitunter große Zelte, die für zehn Personen vorgesehen sind, nur mit der Hälfte der Soldaten sowie besatzungsweise belegt. Auch soll der Kontakt zur Bevölkerung vermieden werden.

Für grundsätzlich „absurd“ und „unverantwortlich“ hält der verteidigungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Tobias Pflüger, die Bundeswehrübungen. „Solche Manöver könnten schnell zu neuen Corona-Herden werden“, sagte er dem Tagesspiegel.

Wie riskant diese seien, sehe man schon daran, dass alle Teilnehmer danach geschlossen in eine 14-tägige Quarantäne sollen. „Die Bundeswehr sollte sich an den Vorgaben der zivilen staatlichen Stellen zum Umgang mit Covid-19 orientieren und mehr Manöver und Übungen absagen.“

EU-Mission „Irini“ – Zahnloser Tiger statt mächtige Göttin

Die Begeisterung über die „Libyenkonferenz“ im Januar 2020 war groß. Zuversichtlich wurde eine neue europäische Marinemission vor der libyschen Küste in Aussicht gestellt: „Irini“.

Die Streitkräfte haben allerdings in den vergangenen Wochen nach eigenen Angaben bereits „dutzende Vorhaben“ abgesagt. Dabei ging es vor allem um Übungen, die nicht unmittelbar für die Ausbildung oder die Vorbereitung von konkreten Einsätzen nötig waren.

Prominentestes Beispiel ist sicher die Absage der Nato-Übung „Defender Europe 2020.“ Bei der größten Truppenverlegung der USA nach Europa seit 25 Jahren hätten rund 37.000 Soldaten teilnehmen sollen. Deutschland hätte als „Drehscheibe“ im Zentrum der Übung gestanden.

Das sind die 10 größten Übungen und Ausbildungsvorhaben der Bundeswehr im nächsten halben Jahr:

  • Rund 2500 Personen aus den Streitkräften nehmen unter der Federführung des Ausbildungskommandos des Heeres an der Informationslehrübung „Landoperationen 2020“ teil.
  • Rund 1650 Personen aus mehreren Gebirgsjägerbataillonen nehmen an der Übung „Berglöwe 2020“ teil.
  • Aus dem Panzerbataillon 393 nehmen rund 950 Personen an einer Gefechtsübung für den Nato-Verband Very High Readniness Joint Task Force teil.
  • Rund 1070 Personen der Marine (schwimmende Einheiten und solche für Luftfahrtzeuge) nehmen an der Übung „Vision 2020“ teil.
  • Aus dem Gebirgsjägerbataillon 231 nehmen rund 750 Personen an einer Gefechtsübung für den UN-Einsatz MINUSMA in Mali teil.
  • Aus dem Panzergrenadierbataillon 401 nehmen rund 500 Personen an einer Gefechtsübung der Resolute Support Mission teil.
  • Aus dem Panzerbataillon 104 nehmen rund 400 Personen an einer Gefechtsübung der Enhanced Forward Presence Battlegroup Litauen teil.
  • Vom Objektschutzregiment der Luftwaffe nehmen rund 400 Personen an einer einsatzvorbereitenden Ausbildung teil.
  • Rund 370 Personen aus dem Informationstechnikbataillon nehmen an der Übung zur zivil-militärischen Zusammenarbeit „Joint Cooperation 2020“ teil.
  • Rund 350 Personen aus dem Panzerlehrbataillon 93 nehmen an einer Gefechtsübung der Enhanced Forward Presence Battlegroup Litauen teil.

Heinsberg: Vom “schwarzen Schaf“ zum deutschlandweiten Vorbild

Der Kreis Heinsberg musste als einer der ersten Landkreise in Deutschland einer Ausbreitung des Coronavirus entgegenwirken. Nun kann das Vorgehen des Kreises zum Vorbild für andere werden.

Vor gut einer Woche hatte zudem die Marine ihr Herbstmanöver „Northern Coasts“ in der Ostsee wegen der Coronavirus-Pandemie abgesagt. Denn die gesundheitliche Unversehrtheit der Soldatinnen und Soldaten müsse mit der Einsatzfähigkeit der Flotten der Marine ausbalanciert werden.

„Northern Coasts“ hätte vom 28. August bis 10. September im Kattegat sowie der westlichen und mittleren Ostsee stattfinden sollen. Stattdessen bereitet die Marine nun eine multinationale Übung in kleinerem Rahmen im Ostseeraum vor. Man habe ein „lebenswichtiges Bedürfnis, unsere Seestreitkräfte auch in Krisenzeiten in Übung zu halten“, erklärte der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause.

Denn für alle Streitkräfte gilt: Die Bundeswehr befindet sich trotz Corona-Pandemie weiterhin in Auslandseinsätzen. Die Soldaten im Ausland werden regelmäßig ausgetauscht – und müssen im Vorfeld entsprechend gut ausgebildet werden. Ausbildungen in Gefechtsübungszentren sind oftmals die letzten Tests, bevor die Frauen und Männer in die Einsätze gehen.

Zugleich hilft und unterstützt die Bundeswehr seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie im In- und Ausland bei der Eindämmung der Infektionen. Sie leistet Amtshilfe für die Behörden des Bundes und der Länder. Auf Anfrage unterstützt sie auch Deutschlands Nachbarländer.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages sieht die Truppe und ihre Familienangehörigen durch die Covid-19-Vorsichtsmaßnahmen und etwaige Quarantänen von 14 Tagen zusätzlich belastet. „Deshalb steht jede Übung heute unter besonderem Begründungsvorbehalt“, sagte Hans-Peter Bartels dem Tagesspiegel. Sie grundsätzlich abzusagen hielte er aber für falsch. „Für die gegenwärtige Minimalpräsenz und die Vorbereitung der deutschen kontingente auf die 13 laufenden Auslandseinsätze und die reduzierten Nato-verpflichtungen ist üben existenziell.“

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