Bilanzskandal: Ex-Wirecard-Chef Markus Braun aus U-Haft entlassen

Markus Braun bei einer Versammlung der Wirecard-Aktionäre im Juni 2019. [PHILIPP GUELLAND/EPA]

Ganze 1,9 Milliarden Euro fehlen in den Bilanzen von Wirecard, einem deutschen Finanz-Dienstleister. Markus Braun, bis letzte Woche noch CEO der Firma, kam Dienstagnachmittag (23. Juni) nach einer Nacht U-Haft gegen Kaution wieder frei. In seiner Heimat Österreich ist Braun vor allem für sein politisches Engagement bekannt: Er spendete fünfstellige Beträge, und war Berater von Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Am Montag klickten die Handschellen: Der Österreicher Markus Braun, bis zu seinem Rücktritt letzte Woche noch CEO des deutschen Fintech-Unternehmens Wirecard, wurde in Deutschland in Untersuchungshaft genommen. Grund sei der Verdacht auf Bilanzfälschung und Marktmanipulation, teilte die Münchner Staatsanwaltschaft mit. Braun habe sich selbst gestellt.

Insgesamt fehlen in den Bilanzen 1,9 Milliarden Euro. Diese Summe hätte auf Treuhandkosten in Südostasien liegen sollen, als Garantien für Firmen, die ihre Zahlungen über Wirecard abwickeln. Doch nun sieht es so aus, als hätte dieses Geld nie existiert. Die philippinischen Banken haben dementiert, dass Wirecard ihr Kunde sei. Unterschriften auf Dokumenten, die das hätten belegen sollen, seien gefälscht, sagt das Management beider Banken.

Zuerst behauptete Braun, selbst Opfer eines Betrugs zu sein. In einer Videobotschaft von Freitagnacht erklärte er, es könne „derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist“. Die Firma wolle Strafanzeige erstatten, gegen unbekannt. Das Video ist inzwischen wieder offline. Über das Überleben der Firma entscheiden jetzt die Banken, bei denen Wirecard Kredite aufgenommen hatte.

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Aufs richtige Pferd gesetzt

In seiner Heimat Österreich fiel Braun in der Vergangenheit vor allem durch seine Nähe zur Politik auf. Er spendete großzügig an Parteien: Zwischen 2014 und 2016 unterstützte er die wirtschaftsliberalen NEOS (8,1 Prozent bei der Parlamentswahl 2019) mit insgesamt 125.000 Euro.

Der (schon damals) ex-NEOS-Chef Matthias Strolz lobte Braun 2018 in einem Kurier-Artikel in den Himmel, nannte ihn einen „Visionär und Pragmatiker, extrem zukunftsorientiert“, er sei „strategisch versiert, analytisch fundiert und mit einem technischen Genius ausgestattet“.

Dass Braun diese Qualitäten tatsächlich besitzen könnte, zeigte sich, als er im Wahlkampf 2017 auf eine andere Partei setzte und einen Volltreffer landete: Ganze 70.000 Euro spendete er an die ÖVP, die damals frisch von Sebastian Kurz übernommen wurde und mit 31,5 Prozent klar die Wahl gewann.

Die 70.000 Euro teilte er in zwei Tranchen auf, 30.000 und 40.000 Euro. Damit mussten sie dem Rechnungshof nicht gemeldet werden, das ist bei erst ab 50.000 Euro verpflichtend.

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To think or not to think

Als Kurz nach der Wahl seinen persönlichen Think Tank „Think Austria“ im Kanzleramt gründete, holte er Braun hinzu – als Berater für Innovation. Dieser Think Tank wurde nach dem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen Kurz 2019 aufgelöst, aber mit Kurz‘ Wiedereinzug ins Kanzleramt im selben Jahr wieder installiert. Diesmal allerdings ohne Braun, sagt zumindest das Kanzleramt auf Anfrage der Austrian Press Agency: Unter der neuen Regierung habe es „keinen Kontakt“ gegeben.

Verwirrend: Die Leiterin von Think Austria, Antonella Mei-Pochtler, nannte Markus Braun auch beim zweiten Anlauf 2020 als Teil ihres Teams im Gespräch mit dem Standard.

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Schadensbegrenzung durch Transparenz

Der sozialdemokratischen Partei Österreich (SPÖ) ist das Verhältnis von Kurz und Braun zu schwammig, sie fordert Klarheit – via parlamentarischer Anfrage. Die Initiatorin, Abgeordnete Ruth Becher, fürchtet einen Image-Schaden für Österreich durch das mögliche Naheverhältnis zwischen Kurz und Braun, falls sich die Vorwürfe gegen letzteren erhärten.

„Meine Anfrage thematisiert unter anderem, inwieweit es möglich gewesen sein kann, als Spender in das Kanzleramt einzutreten und als Berater wieder herauszukommen“, sagt Becher in einer Presseaussendung.

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