Alters-Stereotype in Zeiten von Corona: „Wir könnten einen großen Teil der Bevölkerung verlieren“

TeilnehmerInnen einer Demonstration in Berlin unter dem Titel "Unteilbar", die auf soziale Probleme aufmerksam machte. [OMER MESSINGER/EPA]

Die Corona-Pandemie hat ältere Menschen schwer getroffen. Altersstereotype wurden verstärkt, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dennoch könnte die Pandemie die Generationen kurzfristig einander wieder näher gebracht haben. 

In Spanien haben mehrere tausend Familien rechtliche Schritte gegen Pflegeeinrichtungen eingeleitet. Der Vorwurf: Man habe den Tod der Bewohner durch Covid-19 bewusst in Kauf genommen. Als auf dem Höhepunkt der Pandemie in zahlreichen italienischen Krankenhäusern die Beatmungsplätze knapp wurden, wurde die Frage gestellt, ob das Alter ein Kriterium sein dürfe bei der Entscheidung über Leben oder Tod.

Die Corona-Pandemie hat insbesondere ältere Menschen schwer getroffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), die Ende Juni veröffentlicht wurde. Nicht nur dadurch, dass europaweit ein hoher Anteil an Todesfällen, die mit dem Virus in Verbindung stehen, Bezug zu Pflegeeinrichtungen hat – die Pandemie hat auch gezeigt, dass strukturelle Diskriminierung aufgrund des Alters in unserer Gesellschaft tief verankert ist.  

“Insbesondere das defizitäre Altersbild, das ältere Menschen vor allem als Belastung für die Gesellschaft und die Sozialsysteme darstellt, hat sich im Zuge der Krise weiter verschärft“, sagt Grigorios Tsioukas, Co-Autor der Studie und Programmbeauftragter bei der FRA im Gespräch mit EURACTIV Deutschland. Vor allem die Eingruppierung älterer Menschen als “Alte und Schwache” zu Beginn der Krise habe hier einen entscheidenden Effekt gehabt.  

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Corona verschärft defizitorientiertes Altersbild

Das bestätigt auch Heidrun Mollenkopf, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V, gegenüber EURACTIV Deutschland. “Diese Pauschalisierung ist eine Form der Diskriminierung. Denn es gibt viele, die bis ins hohe Alter hinein fit und gesund sind und über ehrenamtliche Tätigkeiten zur Unterstützung anderer beitragen”. Man dürfe bei der Bezeichnung einer bestimmten Gruppe “nicht nach kalendarischem Alter” gehen, so Mollenkopf.

Gerade die anfängliche Darstellung des Virus als Gefahr für ältere Menschen, jedoch nicht für Jüngere, habe das Altersbild weiter negativiert. So hätten junge Menschen zu Beginn der Krise das Gefühl gehabt, sich einschränken zu müssen, um ältere Menschen, nicht aber sich selbst zu schützen, sagt Mollenkopf. Hierbei habe auch der Begriff der “Risikogruppe” eine Rolle gespielt.

Während es im englischsprachigen Raum die Unterscheidung zwischen der “risk group” und den “groups of risk” gibt, beschreibt der Begriff der “Risikogruppe” im deutschsprachigen Raum ausschließlich die Gruppe der Gefährdeten. Nicht umfasst werden hingegen diejenigen, die das Risiko verbreiten. 

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Kaum Austausch zwischen Politik und Vertreterverbänden

Als sich das Virus in Europa auszubreiten begann, wurden insbesondere für Pflege- und Senioreneinrichtungen strikte Maßnahmen erlassen. Besuche wurden verboten, Ausgangssperren verhängt, Großeltern sollten nicht länger für die Betreuung ihrer Enkelkinder aufkommen. Als später die ersten Lockerungen vorgenommen haben, galten diese häufig für Pflegeeinrichtungen nicht.

Dabei wurden häufig weder die Einrichtungen noch Betroffene selbst anfangs in die Überlegungen der Politik miteinbezogen. Dabei müsse bei derart restriktiven Maßnahmen auch immer darauf geachtet werden, gleichzeitig unterstützende Initiativen einzuleiten, um der Isolation entgegenzuwirken, sagt Tsioukas. 

Die Auswirkungen der Isolation auf die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen sind gravierend. Laut einer in Deutschland durchgeführten Studie gaben 70 Prozent der insgesamt 1.000 Befragten an, dass sich die generelle Verfassung derjenigen Verwandten, die in Pflegeeinrichtungen leben würden, während des Lockdowns verschlechtert habe. Ganze 65 Prozent beklagten einen Rückgang der kognitiven Fähigkeiten. 

Mollenkopf sieht hier auch die Pflegeeinrichtungen in der Pflicht. “Die Heime müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, um einen Minimalkontakt auch in Krisenzeiten zu ermöglichen”, sagt sie. 

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Generationenverständnis statt Generationenkonflikt

Zu Beginn der Krise war viel darüber spekuliert worden, ob sich der Generationenkonflikt, der bereits im Zusammenhang mit der Klimakrise zu Tage getreten war, weiter verstärken würde. In den ersten Wochen sei dies durchaus zu beobachten gewesen, sagt Mollenkopf. “Doch gleichzeitig hat die Krise eine Welle der Solidarität mit sich gebracht”. 

Tatsächlich waren ältere Menschen in hohem Maße auf die Zivilgesellschaft angewiesen. Viele Menschen starteten Initiativen, um älteren Personen zu helfen, Einkäufe zu erledigen, Versorgung zu garantieren. Jüngere zeigten Solidarität.

“Wir können die Hypothese eines sich verschärfenden Generationenkonfliktes nicht bestätigen, wir würden eher sagen, dass die Generationen ein Stück zusammengerückt sind”, sagt der Gründer des Instituts für Generationenforschung, Rüdiger Maas, im Gespräch mit EURACTIV Deutschland. Das Institut hatte während der Pandemie wöchentliche Umfragen über das Befinden verschiedener Altersgruppen erhoben. 

So sei die jüngere Generation in Sorge um die Gesundheit der Großeltern gewesen, während diese beispielsweise aufgrund ausfallender Abschlussveranstaltungen wiederum Mitleid mit den Jüngeren gehabt hätten. Maas betont außerdem, dass die Krise dazu geführt habe, dass sich ältere Menschen verstärkt mit der digitalen Welt auseinander gesetzt haben. “Dadurch ist auch ihr Verständnis für die Jüngeren etwas gewachsen”, so der Generationenforscher.

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