Alternde Gesellschaft: Deutschland benötigt eine Viertelmillion Arbeitsmigranten pro Jahr

Über eine Viertelmillion ausländische Arbeiter braucht der deutsche Arbeitsmarkt jährlich. Besonders in niedriger qualifizierten Jobs tut sich eine Lücke auf. [OKShutter/ Shutterstock]

Deutschland ist auf Arbeitsmigration angewiesen, doch in Zukunft werden das immer weniger EU-Bürger sein. Daher müssten auf lange Sicht rund 146.000 EU-Ausländer jährlich im deutschen Arbeitsmarkt integriert werden, so eine aktuelle Studie.

Zukunftsprognosen sind immer so eine Sache, und bis zum Jahr 2060 sowieso. Eine neue Studie dreier Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sowie der Hochschule Coburg hat es dennoch getan und verschiedene Szenarien zur Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts errechnet. Denn die deutsche Bevölkerung altert, immer weniger junge Arbeiter zahlen in einen immer teurer werdenden Sozialstaat ein. Um den Mangel an Arbeitskräften zu decken, müssten längerfristig rund 260.000 Menschen nach Deutschland und auf den Arbeitsmarkt einwandern, so das Fazit der Forscher.

Dabei gehen die Forscher von einer sinkenden Zahl an Arbeitsmigranten innerhalb der EU aus, da sich die Wirtschaftsstärke der Mitgliedsstaaten bis 2060 weiter annähern und weniger Menschen auf Arbeitssuche ihr Land verlassen werden. Obwohl derzeit noch rund eine Viertel Million EU-Bürger jährlich nach Deutschland kommen, schätzen die Experten auf lange Sicht nur noch mit 114.000 EU-Binnenmigranten. Um das abzufedern, müssten mehr Menschen aus dem EU-Ausland immigrieren, und zwar rechnerisch 146.000 im Jahr.

"Deutschland ist massiv von Zuwanderung abhängig"

Deutschland arbeitet an seinem Einwanderungsgesetz, die Eckpunkte stehen bereits. Einge wünschen sich weniger Restriktionen, andere mehr. Wie soll das Gesetz später aussehen?

Dieser Rechnung zufolge wäre Deutschland dank der momentanen Einwanderungsrate noch auf der sicheren Seite: im Jahr 2017, so gibt es der Wanderungsmonitor des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an, lag das Gesamtwanderungssaldo bei etwas über einer halben Million Einwanderern.

Doch der demografische Wandel macht sich zunehmend bemerkbar; jedes Jahr scheiden rund 300.000 Menschen mehr aus dem Arbeitsmarkt aus, als nachkommen. Besonders wenn der geburtenstarke Jahrgang der Babyboomer in wenigen Jahren in Rente geht, wird Nachwuchs gebraucht. Den im Migrationsbericht der Bertelsmann Stiftung errechneten Bedarf von 260.000 Menschen pro Jahr hält Dr. Stefan Hardege, der das Referat „ Arbeitsmarkt und Zuwanderung“ beim DIHK leitet, für realistisch. Der demografische Wandel sei in der Wirtschaft bereits spürbar: „Unter den von uns befragten Unternehmen sehen heutzutage 60 Prozent im Fachkräftemangel eine Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. Im Jahr 2010 waren das nur 16 Prozent.“

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Selbst in einem „best case“ Szenario, wenn Frauen und Männer in Deutschland gleichermaßen in Arbeit wären und die Rente mit 70 in Kraft wäre, würde man bis 2060 damit nur vier Millionen zusätzliche Arbeiter auf dem Markt haben, errechnet die Bertelsmann-Studie. Der deutsche Arbeitsmarkt kann sich also nicht von innen heraus versorgen.

Ein neues Einwanderungsgesetz soll geringer qualifizierte anlocken

Das größte Problem am derzeitigen Trend ist der Mangel an Menschen mit mittleren und geringen Qualifikationen. Da immer mehr junge Menschen studieren, wird sich der Mangel an Akademikern verringern, während weiterhin tausende Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, meinen die Forscher. Sie begrüßen daher das geplante, neue Fachkräftezuwanderungsgesetz. Es zielt bewusst darauf ab, auch geringer qualifizierte Personen ins Land zu locken. Die haben es bisher schwer, in Deutschland eine Bleibeerlaubnis zu erhalten, wenn sie keine EU-Bürger sind. Hochqualifizierten dagegen können eine „EU Blue Card“ erhalten und somit in Deutschland bleiben. Über 21.000 davon hat das BAMF im letzten Jahr ausgegeben. Damit ist Deutschland Spitzenreiter, denn das sind 84 Prozent sämtlicher Blue Cards in der EU.

Was steht im neuen Einwanderungsgesetz?

Das Kabinett hat diese Woche die Eckpunkte für ein Fachkräftezuwanderungsgesetz aus Drittstaaten beschlossen. Doch worauf zielt es ab, was soll sich ändern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Dank des Einwanderungsgesetzes, das im Dezember vom Kabinett beschlossen wurde, soll in Zukunft also auch Menschen mit Berufsausbildung der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt eröffnet werden. Wer seinen Lebensunterhalt sichern kann, darf dann für sechs Monate auf Jobsuche im Land bleiben. Damit das Gesetz seine volle Wirkung entfalten kann, ist aber „noch einiges zu leisten“, heißt es in der Migrationsstudie. Zum Beispiel müssten ausländische Berufsabschlüsse besser im System der dualen Berufsausbildung anerkannt werden.

Allein mit einem Einwanderungsgesetz ist es aber nicht getan, um Arbeitskräfte dauerhaft an Deutschland zu binden, meint Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „Migration und Integration sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Ohne eine anhaltende Willkommenskultur und attraktive Integrationsangebote werde der Fachkräftemangel nicht ausgeglichen werden können. Das sieht auch Stefan Hardege vom DIHK so: „Wir sollten zusehen, überhaupt erst die Abwanderung von Menschen zu verringern, besonders jener, die in Deutschland ausgebildet worden sind. Die sind prädestiniert dafür, bei uns zu bleiben.“

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