Abschied der deutschen Willkommenskultur?

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Die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen hat in Deutschland laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung inzwischen Kratzer. [Foto: M-SUR/Shutterstock]

Die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen bekommt einer Studie zufolge zunehmend Kratzer – besonders in Ostdeutschland. Die meisten Deutschen heißen Migranten aber weiter willkommen.

Deutschland im Herbst 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise: Bundeskanzlerin Angela Kanzlerin sagt erstmals ihren inzwischen ikonischen Satz „Wir schaffen das“. Auf Bahnsteigen standen Menschen und begrüßten applaudierend Schutzsuchende mit Plüschtieren und Willkommensplakaten. Die deutsche Willkommenskultur wurde weltberühmt. Tausende ehrenamtliche Helfer wurden zum Beweis, dass die Bundesrepublik ganz anders kann, als nationalistisch und fremdenfeindlich.

Diese Willkommenskultur ist nach wie vor da – doch nach zwei Jahren Rekordzuwanderung von Flüchtlingen schwächelt sie leicht. Wie eine repräsentative Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, ist Deutschland zwar nach wie vor eine offene Einwanderungsgesellschaft.

Doch von 2.000 zur Willkommenskultur Befragten gaben nur noch 59 Prozent an, dass Flüchtlinge willkommen seien. 54 Prozent der Bundesbürger meinen, Deutschland habe bei der Aufnahme von Flüchtlingen die „Belastungsgrenze“ erreicht. Im Jahr 2015 waren dieser Meinung nur 40 Prozent der Deutschen, so die Stiftung. Toleranter ist die Mehrheit gegenüber Einwanderern im Allgemeinen. Hier sehen 70 Prozent eine offene Gesellschaft.

Studie: Zuwanderungspolitik spaltet EU-Bevölkerung

Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten sind sich in der Asyl- und Einwanderungspolitik uneins. Das spiegelt sich auch in den Einstellungen der Bevölkerung in acht Mitgliedsstaaten wider, zeigt eine Studie. EURACTIVs Medienpartner treffpunkteuropa.de berichtet.

In der Umfrage zeigt sich ein eindeutiges Ost-West-Gefälle. Im Osten sehen 53 Prozent der Befragten die Gesellschaft als offen gegenüber Migranten. Im Westen sind es 74 Prozent. Auch die Skepsis gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen wächst besonders in Ostdeutschland. In den fünf neuen Bundesländern glaubt nur noch ein Drittel der Menschen, dass die Gesellschaft insgesamt „offen“  gegenüber Flüchtlingen sei. In Westdeutschland sind hingegen mit 65 Prozent knapp doppelt so viele Menschen dieser Auffassung.

Dass die Aufnahmebereitschaft gegenüber Flüchtlingen und Migranten in Deutschland abnimmt, ist keine ganz neue Erkenntnis.

Bereits eine im vergangenen Juli veröffentlichte Studie vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und der Mercator-Stiftung hatte gezeigt, dass sich die Einstellung der Deutschen gegenüber der Zuwanderung und Integration gewandelt hat. Darin zeigte sich, dass etwa ein Drittel der Befragten die Zukunft der Bundesrepublik durch die Zuwanderung gefährdet sehen. fast 50 Prozent äußerten Ängste, dass die wachsende Zahl von Flüchtlingen den Terrorismus befeuere.

Zuwanderungspläne der Grünen: Willkommenskultur für Arbeitskräfte

Ein modernes Einwanderungsland braucht ein ebensolches Einwanderungsgesetz – sagen die Grünen. EURACTIVS Medienpartner „Der Tagesspiegel“ berichtet.

Damit schieben sich die als positiv betrachteten Aspekte zunehmend hinter die negativen. 79 Prozent der Befragten fürchten mittlerweile vor allem Belastungen für den Sozialstaat – im Gegensatz zu 64 Prozent vor zwei Jahren. Dass qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland kommen, betrachtet noch immer jeder Dritte als wichtig im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Doch die Zuwanderung wird diesbezüglich nicht mehr so optimistisch betrachtet, wie es noch in der Vorgängerstudie 2015 der Fall war.

„Die Stimmung der Bevölkerung gegenüber weiterer Zuwanderung verändert sich“, fasste Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger die Ergebnisse zusammen. Es gelte jetzt unter anderem darauf, die Kommunen besser bei der Integration von Flüchtlingen mit Bleiberecht zu unterstützen.

Flüchtlingsverteilung in Europa: Ein gescheitertes Projekt?

Die EU wird ihr Versprechen womöglich nicht halten können, bis September 2017 160.000 Flüchtlinge umzusiedeln. Laut aktuellen Zahlen wurden bisher nur 5.651 Asylbewerber auf andere EU-Länder verteilt. EURACTIV Brüssel berichtet.

Und noch etwas hat sich in den letzten zwei Jahren verschoben: Immer mehr Deutsche sind der Umfrage zufolge überzeugt, dass Flüchtlinge innerhalb der EU faire nach Kriterien wie Wirtschaftskraft und Bevölkerung verteilt werden sollten. „Die Menschen in Deutschland blicken selbstbewusst darauf zurück, so viele Flüchtlinge so freundlich empfangen zu haben. Sie sagen aber auch: Jetzt sind andere Länder ebenfalls an der Reihe“, so Dräger.

Pro Asyl: Deutschland muss Flüchtlinge aus Griechenland und Italien aufnehmen

Pro Asyl fordert von der Bundesregierung, 25.000 Flüchtlingen aus Griechenland und
Italien aufzunehmen. Auch Ärzte ohne Grenzen mahnt zur Einhaltung von "Relocation"-Zusagen.

Zwei-Länder-Umfrage: Deutsche und Österreicher lehnen Willkommenskultur ab

Die deutsche und österreichische Bevölkerung zeigt mehrheitliche eine massive Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen. Das Ergebnis einer Parallelbefragung gewährt tiefe Einblicke in die Gefühlslage der Öffentlichkeit.

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